Baden im Wirklichkeitsschaum


08.01.09

Subjektbeschleuniger

Subjektbeschleuniger

Der in Frankfurt am Main geborene und in Berlin lebende Künstler Eno Henze verfolgt in seiner Arbeit einen eindeutigen philosophischen Ansatz. Der ist aber komplexer und muss auch jetzt gar nicht in einem Satz auf den Punkt gebracht werden. Im Zusammenhang mit der Ausstellung „Metaphysischer Grenzverkehr” findet man auf www.kunstraumscharmann.de zum Beispiel folgende Einschätzung: „Unsere Wahrnehmung und die damit einhergehende Bewusstwerdung beschäftigen den Berliner Künstler Eno Henze (*1978). Wie und was nehmen wir wahr und wie generiert sich Bewusstsein? Welche Rolle spielt die Mechanik des Körpers, welche der Geist? Eno Henze überträgt diese Fragen in künstlerische Arbeiten, die sich zwischen Technik und Intuition, Kalkulation und Zufall, Handarbeit und Mechanik, zwischen Mensch und Maschine bewegen.”

Die ganze Welt an einem Tag

Die ganze Welt an einem Tag

Der Blogger Gerd Brunzema nimmt es etwas beschwingter und äußert erleichtert: „Und ich will gar nicht wissen, ob das Kunst ist oder nicht. Tralala.” Ich persönlich glaube sehr wohl, dass das Kunst ist, dafür steckt einfach zu viel Konzeptionelles dahinter. Aber es ist eben Kunst, die man auch einfach nur genießen und schön finden kann, ohne dabei Begrifflichkeiten wie „Wirklichkeitsschaum” (vgl. Eno Henze) für immer voll Verständnis in sein Vokabular aufzunehmen. Und ich komme nicht umhin, dem Herrn Brunzema noch ein weiteres Mal einen Platz an dieser schönen Stelle einzuräumen. Er sagt fürderhin: „Theorien vermitteln immer den trügerischen Eindruck, sie seien eine Navigationshilfe. Man kann damit nur den Müll, der da sowieso schon rumsteht, rechtwinklig anordnen.” Richtig so.

 

 

Eros, Thanatos und Francis


28.12.08

© Ian Francis

© Ian Francis

Was hält den westlichen Menschen in dieser Welt? Will er nicht hinweg getragen werden, vom täglichen Überfluss, muss er sich in ihm verorten. Die Realität bleibt dabei jedoch manchmal so verschwommen, wie die Hintergründe in Ian Francis’ Bildern. Francis beschäftig sich vornehmlich mit dem modernen Leben, insbesondere mit Television, berühmten Menschen, Ereignissen, die die ganze Welt betreffen, aber auch mit Alltäglichem. Für den Gegensatz Eros und Thanatos bleibt er nicht symbolhaft, sondern wird konkret. Er nutzt Elemente der Pornographie bzw. Kriegsberichterstattung. Um diese inhaltlichen Verweise zu verstehen, muss man zunächst seine Technik betrachten. Er arbeitet im Collagenstil, indem er verschiedene Techniken an einer Arbeit einsetzt. Wenngleich in der Hauptsache mit Acryl, benutzt er zudem Tinte, Bleistift, Kohle und die unterschiedlichsten Elemente, um die Collage zu vervollständigen. Was daraus entsteht, wurde schon andernorts als Explosion unterschiedlicher Medien benannt.  

 

Magadalena Bors’ phantastische Alltagslandschaften


27.11.08

Jeder hat sich schon einmal vorgestellt, welche phantastischen Parallelwelten sich wohl hinter den uns alltäglich umgebenden Gegenständen und Wahrnehmungen verbergen könnten. Als Kind stellte man sich diese Fragen nicht nur, sondern band aberwitzige Vorstellungen von Völkern, die hinter den schwarzen und weißen Tasten eines Piano Fortes leben, oder den Welten unterm Küchentisch noch aktiv in sein Leben ein. Heute bedarf es der Kunst, uns wieder auf all jene absurden Pfade geleiten, die in der Kindheit selbstverständlich waren. Die belgische Künstlerin Magdalena Bors hält in ihren Fotografien eben solche seltsamen und surrealen Momente fest. Eines ihrer Projekte zeigt eine Auswahl von Haushaltsszenen, welche sich in Landschaften verwandelt haben. Dabei verwendet sie bekannte Objekte, um diese Landschaften zu inszenieren, wie Wolle oder Schaumgummi.

In Hintergrund dieses Szenarios befindet sich immer ein durchaus agierender aber niemals voll abgebildeter Mensch. Die nachbearbeiteten Fotos von Magdalena Bors heben sich bekömmlich von den Photoshop-Gelagen anderer Künstler ab. Da werden Landschaften gehäkelt und Reißzwecken zweckentfremdet. Da strickt eine Frau eine ganze Auenlandschaft mit Bergen, Bäumen und reißendem Fluss, die unter dem Wohnzimmertisch entlangläuft. Aus braunem Rohrzucker entsteht ein Berg, auf dem sich ein kristallweißes Würfelzuckerschloss erhebt.  

 

Flow: Der Kampf ums blaue Gold


23.11.08



Eben noch auf dem Sundance zu sehen, kommt diesen Herbst ein Film in unsere Lichtspieltheater, den das Wired Magazine als den furchterregendsten Beitrag dieses Festivals beschreibt. Flow beschreibt, was von Experten als eines der wichtigsten politischen und ökologischen Themen des 21. Jahrhundert angesehen wird: Die weltweite Wasserkrise. Die Filmemacherin Irena Salina zeigt, wie Wasser zunehmend privatisiert wird. Entgegen der Vorstellung, Wasser sei, ähnlich wie Luft, ein freies Gut für alle Menschen, zeigt ihre Dokumentation, dass sich Wasser immer mehr zum kostbaren Gut für wenige, die es sich leisten können, entwickelt. Einige wenige Konzerne bestimmen dabei Preis und Ansehen des nassen Elements, das mittlerweile als „blaues Gold” klassifiziert wird. So wertvoll ist es. Und während die Reichen dieser Welt in ihm im Überfluss baden und es mit Vitaminzusatz genießen, stehen die Armen vor verschlossenen Wasserhähnen. Die Tage, in denen man in den westlichen Ländern erwarten kann, den Hahn aufzudrehen und das Wasser fließt einfach so, sind jedoch ebenfalls gezählt.  

 

America the Gift Shop


19.11.08

Wenn die Abteilung für amerikanische Außenpolitik einen Andenkenladen führen würde, was würden sie dort wohl verkaufen? Dieser ungewöhnlichen Frage geht der gebürtige Engländer Phillip Toledano mit seinem Projekt “America the Gift Shop” nach.

Das Installationsprojekt reflektiert die gegenwärtige Außenpolitik im Spiegel amerikanischen Kommerzes. Dabei nutzt Toledano die gängige Sprache des Verkaufs. Je bekannter die einzelnen Gegenstände den Konsumenten sind, desto besser kann in ihnen seine Idee umgesetzt werden. Sobald nämlich der süße Mantel alle jener Gegenstände, die man normalerweise im Andenkenladen kaufen kann, entfernt wird, bleibt nur noch die harte und unbequeme Wahrheit darüber übrig, wo Amerika sich als Nation gerade befindet.

Und was es alles für schöne Dinge in Toledanos Gift Shop zu kaufen gibt! Von der aufblasbaren Guantanamo Bay Gefängniszelle über den Abu Ghraib Kaffeetisch bis hin zum T-Shirt, auf dem zu lesen ist: „I was just rendered to a secret prison and all I got was this lousy T-Shirt”. Natürlich kann man auch eine Postkarte aus der Folterkammer schreiben und Grüße an die Daheimgebliebenen senden: „Wish you were here”. Am Ende einer Reise kauft man sich ein Souvenir, um ein Andenken an diese Erfahrung zu haben. Mit seinem Projekt „America the Gift Shop” möchte Toledano an die Ereignisse der vergangenen Jahre und die Politik seines Landes erinnern.


Doch „America the Gift Shop” ist nicht das einzige ungewöhnliche Projekt, das Phillip Toledano geschaffen hat. Auf seiner Seite www.mrtoledano.com vereint er all die skurrilen Ideen und Werke, die sich um den Namen Toledano ranken. Bemerkenswert ist hier unter anderem ein Fotostrecke, die das Leben von Telefonsexmitarbeitern dokumentiert. Hier erfährt man den Werdegang dieser Menschen und wie sie im Telefonsexbusiness gelandet sind. Dabei werden die Charaktere als einfühlsame Dienstleister beschrieben, die zumeist so ganz anders aussehen, als das Klischee „Sex” impliziert. Ob studierte Kulturanthropologin, Rubensfrau oder Punkrockgöre – die Pfade des Telefonsex’ sind verschlungen.
Phillip Toledano wurde 1968 in England als Sohn eines Amerikaners und einer Französin geboren. Bereits im Kindheitsalter erhielt er seine erste Kamera. Seitdem rühmt er sich, seltsame Aufnahmen zu machen, die, wie er sagt, zum einen einer bestimmten Idee folgen müssen und zum anderen Fragen offen lassen müssen: „Ich glaube daran, dass ein Foto wie ein unvollendeter Satz sein sollte.” Toledano lebt und arbeitet heute in New York.

 

The Nature At Your Fingertips


16.11.08

Computer Arts © Chris Ede

Computer Arts © Chris Ede

Die Figuren sind vom Look und Feel her lebensecht, einerseits sehr präzise, andererseits stellenweise wie aus dem Pinsel ausgelaufen. Die Zeichnungen des Engländers Chris Ede erinnern zuweilen an den deutschen Comic-Zeichner Jamiri. Scheint es doch auch hier oftmals der 25 Jahre alte Künstler selbst zu sein, der in den Illustrationen mit heruntergelassener Hose das stille Örtchen mit seinen Gedanken füllt, oder voller Hybris aus seinem eigenen göttlichen Finger verwunschene Naturschauspiele mit Adlern, Monsterpilzen, Spinnen und anderem Gefleuch entstehen lässt. Der Mensch in seiner Zivilisation, der Mensch in der Natur – das sind Themen, die in seiner Arbeit immer wieder auftauchen. Geld, Informationsfluss und absolute Vernetzung vs. Natur pur. „Ich ziehe meine Inspiration aus der Tier- und Pflanzenwelt meiner Heimat im Süden Englands. Gott steckt im Detail!” beschreibt der Künstler selbst seine Arbeitsweise.  

 

Der Conny ihr Pony


08.11.08

Literatur, Lesungen, Deutsche Theater. Anbei gestellt eine promovierte Literaturwissenschaftlerin. Zubehör: ein Tisch, ein Wasserglas, ein verschwitzter Literat aus Fernost. Gähnende Langeweile macht sich breit im gähnend langweiligen Publikum bestehend aus maroden Hausfrauen, Diplomatengattinen und alternden Professoren. Nur Bret Easton Ellis traute sich einst, seinen Vortrag von Lunar Park mit einem Glas echter amerikanischer Cola zu begießen. Frivol! Gut, dass der Performace-Poet Marc Kelly Smith 1984 den Poetry Slam erfunden hat. Bei solchen Veranstaltungen fliegen schon mal die Requisiten im Kampf um die Gunst des Publikums. Der Schweizer Gabriel Vetter nahm eher zufällig an einem Slam in Darmstadt teil, als er beschloss, sich ebenfalls als Slampoet zu verdingen. Von seinen ersten 32 Slams ging Gabriel Vetter 28 Mal als Sieger hervor. Im Herbst 2004 setzte er sich beim größten Poetry Slam Europas, dem German International Poetry Slam in Stuttgart, gegenüber 100 anderen Autoren im Einzel durch und wurde zum besten Slammer des Jahres 2004 im deutschsprachigen Raum gekürt.

 

 

Yes, he can!


04.11.08

“I do not know. I just have a feeling about him. I think he will be important down the road.” – Callie Shell

© Callie Shell, TIME MAGAZINE

© Callie Shell, TIME MAGAZINE

Vor vier Jahren traf die Fotografin Callie Shell Barack Obama backstage, als sie über den damaligen Präsidentschaftskandidaten John Kerry berichtete. Sie schickte ihrem Redakteur mehr Bilder von Obama, als von dem eigentlichen Mann der Stunde. Shell traf damals einen Menschen, der sie faszinierte und sie entschied, ihn auf seinem weiteren politischen Weg zu begleiten. Ihre erste Fotostrecke mit Obama erschien bereits vor 2 ½ Jahren, sie wich ihm seit dem nicht von der Seite.

Das Ergebnis sind Fotografien von einem Mann, der heute unerwartet genau da steht, wo Kerry damals stand. Er ist heute der Mann der Stunde.

© Callie Shell, TIME MAGAZINE

© Callie Shell, TIME MAGAZINE
© Callie Shell, TIME MAGAZINE

© Callie Shell, TIME MAGAZINE

Eine Fotografie von Oktober 2006 zeigt Barack auf einem verlassenen Parkplatz in Illinois. Nur die Fotografin, ein Fahrer und der Senator. Keine Spur von Security Guards, Presse oder anderen Mitarbeitern, kurz: eine Szene, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr vorstellbar ist. Callie Shell selbst sieht dieses Bild als krassen Gegensatz zu der 200.000 Menschen starken Menge, die Obama fast zwei Jahre später in Berlin begeistert begrüßen wird.
Obama ist ein Hoffnungsträger. Er ist der lebende Beweis dafür, dass es sich auch im neuen Jahrtausend immer noch lohnt, an die amerikanischen Werte, an den amerikanischen Traum zu glauben. Auch er nimmt, wie viele seiner Vorgänger, immer wieder in seinen Reden Bezug auf diese Ideale. Shell erzählt dazu eine Geschichte in Bildern. Sie begegnet einem Taxifahrer in South Carolina, der noch kurz vor den Vorwahlen nicht glaubte, dass es ein schwarzer Mann so weit bringen würde. Doch Obama gewann, und der Taxifahrer berichtete Shell hinterher mit Stolz erfüllt, dass er seinen Sohn mit zu den Wahlen genommen habe und zu ihm sagte: „Du kannst alles werden, was Du eines Tages sein möchtest, sogar Präsident.”

© Callie Shell, TIME MAGAZINE

© Callie Shell, TIME MAGAZINE

 

Riitta gegen schwarze Weihnacht


31.10.08

Wenn aufgrund der globalen Erwärmung der Golfstrom umgeleitet wird, dann wird es in unseren Breitengraden eigentlich noch kälter. Komisch also dass wir Nordeuropäer schon seit einigen Jahren den Winter immer mehr vermissen. Das Wetter verschiebt sich vielmehr, so scheint es. Und wenn man als nicht wissenschaftlicher Mensch nämlich versucht, das Phänomen zu begreifen, erinnert man sich an seine Kindheit, in der Weihnachten zumeist weiß und der Sommer über alle Maßen heiß war. Dies scheint auch die finnische Künstlerin Riitta Ikonen zu beschäftigen. Nachdem sie in Helsinki zweimal vergebens auf ein weißes Weihnachten warten musste, beschloss sie, der Klimaveränderung auf ihre Weise beizukommen. Sie verkleidete sich als Schneeflocke und “beweißt” alles, was ihr “beweißenswert” vorkam. Das Projekt nannte sie „Me again”, dieses sollte kritisch auf die Klimaerwärmung im Speziellen und die Veränderung in unserer Natur im Allgemeinen aufmerksam machen. Auf diese Weise nutzt Ikonen ihre Kunst als Ausdrucksmöglichkeit ihrer Gedanken, Zweifel und Sorgen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Arbeit  etwas Reales in Menschen auslösen kann. Vor allem das Schneeflockeprojekt hat viel Zuspruch erfahren, sogar der WWF wurde darauf aufmerksam. Damit hat sie im Grunde genommen auch ihr Ziel erreicht, ihr Projekt außerhalb der Kunstszene als politisches Statement zu etablieren.

Daher möchte Riitta auch in Zukunft weiterhin ihre Arbeiten nutzen, um auf Umweltprobleme aufmerksam zu machen. Das nächste Projekt steht schon an und wird sich mit überwachsenen Seen in Finnland und den Auswirkungen steigender Temperaturen beschäftigen. Außerdem hofft sie gerade auf eine Finanzierung für ein Projekt am Baltischen Meer, dessen natürliches Gleichgewicht durch die Erwärmung ebenfalls leidet. So sagt Ikonen selbst:

„Ich halte immer Ausschau nach weiteren Belangen und ich würde mich freuen, wenn mir andere Menschen über Beobachtungen in ihrer unmittelbaren Umgebung berichten würden. Mein Hauptaugenmerk liegt auf der Natur, das es immer ein großen Teil meines Lebens in Finnland ausgemacht hat. 187.888 Seen ist nicht einer zuviel für ein Land, und ich würde es ungern sehen, einen von ihnen zu verlieren.”

Das seltsame Fehlen von Schnee an Weihnachten hat in Finnland übrigens sogar einen Namen erhalten. Es heißt „schwarze Weihnachten”.

 

Lust auf Fleisch – Stephanie Diani


17.10.08

© Stephanie Diani

© Stephanie Diani

“Ich mag Bilder, die zwar schön, aber auch slightly off sind,” so erklärt die amerikanische Fotografin Stephanie Diani ihre Arbeiten. Das klingt ja noch harmlos, mag sich da manch einer denken, während er Fotografien von mit Tierkadavern bedeckten menschlichen Körpern betrachtet. Doch in der Tat: Unästetisch sind die Darstellungen nicht. Die Menschen sind von einer klaren Schönheit, genauso inszeniert, wie man sie aus den gängigen Modefotografien kennt. Ein bisschen Benetton, ein bisschen Calvin Klein… hätte das Model bloß nicht diese riesige blutige Kalbszunge auf der Glatze! Aber auch das Erkennen und Beurteilen der ungewöhnlichen Accessoires kommt nur dialektisch zum Tragen, wenn man sich von Ton, Farbgebung und Stil beeinflusst sieht. Mann, diese Leute haben totes Tier im Gesicht, und der Betrachter muss der Äußerung der Künstlerin auch noch zustimmen: Schön, aber slightly off! Da sieht man mal, wie sehr man mittlerweile von den gängigen Praktiken der Medien gebrainwasht ist. Höchstens meine Mutti findet das noch schockierend, ich finde das regelrecht geschmackvoll!  

 

Pfundig. Die Bilder von Jenny Saville.


05.10.08

© Johnie Shand Kydd

© Johnie Shand Kydd

Was macht Kunst aus? Ist sie schön? Liegt sie im Auge des Betrachters? Ist sie politisch oder gesellschaftskritisch? Oder doch nur ein Handwerk, das jener beherrscht und ein anderer nicht? Jenny Saville ist kunstfertig. Und sie nimmt Stellung zu einem Thema, das aus allgemeinem Überdruss gerade mal wieder nicht en vogue ist. Übergewichtige Frauen, ihr weißes, üppiges Fleisch sind ihre Inspiration. Unsere Gesellschaft, die trotz Dove-Werbekampagne und Cat-Walk-Streik in Spanien weiterhin das Bild einer allzeit bereiten, überschlanken Frau propagiert (neuester Auswuchs: Größe 0!) findet dicke Frauen nicht schön. Sie findet sie faul, unbeherrscht, manchmal sogar abstoßend. Mit ihrer Kunst schafft Saville eine Nische für übergewichtige Frauen in der gegenwärtig visuellen Kultur. Nicht nur ihre Motive, auch die Formate sind zumeist massige, großformatige, fast riesige Ölgemälde. Der Vergleich mit Rubens muss nicht unterstellt werden, die Künstlerin zieht ihn selbst. Da unser Blick nun schon so sehr an das gängige Schöne gewohnt ist, wirken ihre Bilder durchaus schockierend. Wenn dicke Leiber sich gegen Glasplatten drängen, jede einzelne Speckrolle on display, da hält man schon mal kurz den Atem an. Schön ist das nicht. Aber warum eigentlich nicht?

Ein visuell sehr fesselndes Bild von Saville ist die Darstellung eines Transvestiten, der mit einem echten Penis und falschen Brüsten ausgestattet ist. Die Künstlerin selbst führt aus: „Mit dem Transvestiten war ich auf der Suche nach einem Körper, der sich zwischen den Geschlechtern bewegt. [...] Vor dreißig oder vierzig Jahren hätte solch ein Körper nicht existieren können, und ich hielt Ausschau nach einer Art Gegenwartsarchitektur des Körpers.

 

 

Eulen nach Athen – Dana Carlson


23.09.08

©  Dana Carlson

© Dana Carlson

Eulen, immer wieder Eulen. Die Bilder und Illustrationen von Dana Carlson finden besonderes Vergnügen an der Abbildung dieser mythischen Vogelart. Sie kommt im Märchen von jeher als Hexenvogel vor, ist Überbringerin von Botschaften schon in Macbeth aber auch noch bei Harry Potter. Die Eule gilt im Aberglauben als dämonischer Vogel. In Italien glaubte man sogar daran, dass ihr Blick töten könne. Das Phantastische haftet ihr also an und passt damit hervorragend zu den verspielt märchenhaften Bildern der amerikanischen Künstlerin Carlson.  

 

Lost America. Night Photography of the Abandoned West


21.09.08

FLOODED TRAILER, 1992.

FLOODED TRAILER, 1992.

Wer selbst niemals durch die Vereinigten Staaten gereist ist, wer nie die Wüste sah, die unendlichen Weiten, wer nie in einem klaren Fluss am Fuße des Mount Hood gebadet und nie einen Kolibiri um einen einsamen Busch mitten im kalifornischen Nirgendwo schwirren sehen hat, der wird wohl auch niemals ganz begreifen können, was es bedeutet ein Amerikaner zu sein, woher ihr Größenwahn, ihre Ignoranz und Überheblichkeit aber auch ihre unermessliche Freundlichkeit und ihr tiefer Glauben kommt. Dass all diese Schönheit auch mit einem großen Maß an Melancholie verbunden ist, zeigen die Fotografien des Amerikaners Troy Pavia, der schon seit den Siebzigern über die verstaubten Straßen der USA reist. Seine ersten Bilder schoss er 1989, immer nachts, nur unter dem Schein des Mondes – bis heute. Seine Motive sind die Verlassenen, Zurückgebliebenen und Abgelegten; Geisterstädte, in denen keine Menschenseele mehr lebt. Nur die Artefakte menschlicher Existenz bleiben zurück und werden langsam von den Jahren verwaschen.

 

 

Total reale Illusion


18.09.08

© George Rousse

© George Rousse

Visuelle Illusion führt den Betrachter aufs Glatteis. Weil unsere Wahrnehmung subjektiv ist, lassen wir uns bildlich in Versuchung führen, glauben das, was nicht da ist, weil wir meinen, es zu kennen. Damit spielt der französische Fotograf Georges Rousse. Seine Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie mit Photoshop bearbeitete Bilder. Auf karge Hintergründe scheinen so künstlich farbliche Akzente gesetzt worden zu sein. Doch weit gefehlt. Alle Darstellungen sind absolut real. Die präzisen geometrischen Figuren sind von echten Menschen mit richtiger Farbe auf greifbare Wände, Treppen oder Hallen gemalt worden. Die angefertigten Farbdesigns sind so im Raum positioniert, dass sie die Illusion einer flachen, eindimensionalen Fläche geben, die scheinbar auf der Fotografie schwimmt.  

 

Der Mann aus dem All: Klaus Nomi


12.09.08

Klaus Nomi

Klaus Nomi

Mainstream-Musik und Oper galten lange als unvereinbar, jeder Versuch in diese Richtung als Obszönität in beiden Lagern. Und auch wenn schon bald Nina Hagen über eine Rock’n'Roll-Operette berlinern sollte, war es doch ein Konditor aus Immenstadt, der mit ganzem Herzen das Unaussprechliche zu einen suchte: Klaus Nomi.