Kreatives Gegengift für verstaubte Fassaden


02.03.10

Mentalgassi ist eingefleischten TheJunction-Lesern natürlich ein Begriff. Im Mai letzten Jahres berichteten wir über die Berliner Streetart-Künstler, die deutsche Großstädte mit Fotoplakaten verschönern und dabei heimlich Straßenschildern, Recyclingcontainern und Fahrkartenautomaten ein Gesicht verleihen. Hier ein paar Einblicke in die kreativen Köpfe sowie noch mehr Arbeiten der talentierten Straßenkunstakteure:

Im Rahmen der Berliner Fashion Week versammelten sich ab dem 21. Januar dieses Jahres Designinteressierte, Kunstliebhaber und Kunstschaffende, so auch die Jungs von Mentalgassi, zwischen Backsteinfundament und Holzbalken zum kreativ interaktiven Aufeinandertreffen und Feiern, initiiert von Converse in Kooperation mit dem Lodown Magazin. Die kahlen, bröckeligen Wände eines entkernten Berliner Altbaus wurden während der siebentägigen Veranstaltungsreihe mit dem interaktiven Motto ,,You´re here“ zu kreativen Luftschlössern verwandelt. Aus einer Portion Farbe, künstlerischem Mut und Ideenreichtum entstanden Wandillustrationen, wie beispielsweise die des Kölner Künstlers HerrSchulze, der mit einem überdimensionalen Malen nach Zahlen Berlinbild zum Mitmachen anregte und kreativ versierten Menschen, sowie solchen, die davon noch nichts wussten, die Angst vor dem weißen Blatt der weißen Wand nahm und dem ein oder anderen Sternstunden im Bereich schöpferische Selbstverwirklichung verschaffte. Wie ein kreatives Kontrastmittel wirkte das bunte, lebendige Wandbild im Gegensatz zur Umgebung aus Verfall und alter Fassade und regte zu neuem Schaffen an.

Am Ende des siebentägigen Events durfte zusammen mit dem Broken Hearts Club und Bodi Bill frei nach dem Motto ,,Tear Down“ noch mal ordentlich gefeiert, geschmiert oder gemalt werden. Anschließend verabschiedete sich die interaktive Partyreihe nach London, Paris und Mailand. Die kreativen Ergüsse der jeweiligen lokalen Künstler und weiterer noch unbekannter, aber talentierter Kreativer kann man übrigens auch online bestaunen. Eine Reihe von Kurzfilmen, wie der von mentalgassi, zeigt die individuellen Inspirationen, die gestalterischen Prozesse der jungen Schaffenden, macht deutlich, was Kreative verschiedener Nationalitäten, unterschiedlicher Kontinente prägt. In naher Zukunft soll hier ein inspirierendes Künstlernetzwerk für kreative Köpfe der ganzen Welt entstehen, das die Lokalkünstler, die vorgestellten jungen Artists, Talente von bildender bis darstellender Kunst schöpferisch vereint – es bleibt spannend.

Converse

 

Prädikat Zukunft – Die transmediale.10


07.02.10

Den Helm mit rosa Atemflüssigkeit gefüllt, taucht Virgil Brigman hinab in die Meerestiefen des Kaimangrabens, in eine beklemmende Dunkelheit, in der das nukleare Verderben tickt, von Menschenhand erschaffen. Seine Mission ist eine Reise ohne Rückfahrkarte, seine Vision eine Welt in Frieden oder wenigstens, die Rettung seiner Besatzung und der freundlichen Wesen, die ihnen dort unten ständig begegnen. Das fluoreszierende Licht im Dunkel, die immaterielle Anwesenheit von Energie, die friedliche Stille, die ihn nach 139 Minuten Filmdauer, auf leuchtenden Schwingen in eine Zukunft mit Happy End rettet, haben mich damals fasziniert und The Abyss, ein Science Fiction Film, der das sonst genretypische Zukunftsszenario, mit einer fast ebenso unbekannten Tiefseeumgebung ersetzt, hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt.

Letzte Woche im Haus der Kulturen der Welt: frei von fiktionalem Pathos und doch ergreifend – hier rosa Flüssigkeit in Rundkolben, dort tiefste Dunkelheit, fluoreszierendes Licht, elektrizitätsschwangere Luft und jede Menge Stille, unterbrochen von einem immer wiederkehrenden Ton. Um die Ecke ein voller Kinosaal, alle paar Minuten ein cineastisch unterschiedlich umgesetztes Leitthema und ein paar Türen weiter, eine Wand in einem großen, dunklen, leeren Raum, über Tage hinweg dieselbe analoge Installation zeigend: horizontal aufgespannte Videobänder, vor weißem Licht ventilierend.

Die Übersichtlichkeit des Foyers entließ die Besucher in Räume, in denen dekorativer Kabelsalat, flimmernde Monitore und eine zwanglose Sitzordnung, die produktive Atmosphäre bestimmten. Computerkunst-Pionier und Ars Electronica Linz Gründer Herbert W. Franke referierte einleitend über alte visuelle und werteabhängige Vorstellungen von Zukunft, während die junge Redakteurin eines Internetfernsehsenders ihr mitgebrachtes Frühstück verzerrt und sich wirklich niemand daran störte.

In diesem Jahr bilanzierte die transmediale ehemalige Vorstellungen vom Jahr 2010, Welches lange als Inbegriff für Zukunft galt. Darüber hinaus, schuf sie ein multidisziplinäres Forum, das sich den tatsächlichen Entwicklungen annahm. Ein Themenschwerpunkt widmete sich Kreativität und Kultur als wirtschaftlich relevanten Faktor. Mit Workshops und Vorträgen wurde vermittelt und erörtert, wie man dieses Potential organisiert und dauerhaft tragfähig macht. Die Sprecherlisten der Konferenz Future Observatory waren lang, der Zeitstrahl für einen einzelnen Programmpunkt ging manchmal über die Horizontale einer ganzen Programmheftseite, man musste Zeit mitbringen und wirkliches Interesse. Künstler, Wissenschaftler, Philosophen, Pioniere, Designer und Medienaktivisten aus aller Welt, trafen in der Futurity Long Conversation aufeinande um vor einem internationalen – und das ist keine Floskel, die Sprache die ich am meisten gehört habe, war gebrochenes Englisch – Publikum ihren heutigen Blick auf die vergangenen und gegenwärtigen Zukünfte zu diskutieren.

Eingetaucht in Stille und Dunkelheit das Herzstück des Festivals – die Ausstellung Future Obscura – zugegeben, mein Staunen stellte sich erst ein, als ich das Konzept hinter den Exponaten ansatzweise begriffen hatte. Anfangs befremdet vom Geruch nach Strom und warmen Metall, musste ich mir auch hier Zeit nehmen um mich auf die Interaktion mit ihnen einzulassen. Wie bizarre Tiefseelebewesen bedurften viele der Ausstellungsstücke der Dunkelheit um ihre visuelle Wirkung zu entfalten und ihre Funktion übernehmen zu können.

Das heutige Verständnis von Arbeit wurde analog als traditionelle Biete-Suche-Tafel veranschaulicht als Teil des Future Exchange,  beherbergt von einem mehrkammerigen Konstrukt, spartanisch in mausgrau gestrichen und realisiert vom Architektenteam Raumlabor. Hier wurde Google zum Trotz, an alternativen Suchmaschinen geschraubt, kleine Robotoren entstanden aus Erdnuss und -Mischgemüsedosen wie nebenbei. Fair Trade innerhalb sozialer Netzwerke betrieben, wurde bei einer  Tasse Tee mit Kardamom, gebrüht auf der Heizfläche eines Bügeleisens, im Feral Trade Cafe erklärt, während man, verborgen hinter den umfunktionierten Türen, einem Tausendjährigen Stück lauschen konnte. Über den gesamten Festivalzeitraum hinweg, fanden hier Workshops statt.

Unsere Zukunft ist eine unvermeidbare Mission ohne Rückfahrkarte. die transmediale hat in diesem Jahr dazu eingeladen, sich ernsthaft und auf hohem Niveau mit vergangenen Visionen und entstandenen Tatsächlichkeiten auseinanderzusetzen, auf deren Grundlage unsere Zukunft entsteht. Mein Fazit: Hingabe und Zeit, sowie ein spezielles Interesse an  Technik, moderner Ethik und neuen Strukturen hinsichtlich kultureller Organisation, sind das Pfand, welches man einzahlt um aus den Vorlesungen, Gesprächen und Workshops Nutzen zu ziehen. Die gesamte visuelle Aufbereitung des Festivalthemas allerdings,  ist  sehr empfehlenswert für Kenner wie Nichtkenner. Definitiv ist man auf der transmediale um zu sehen, nicht um gesehen zu werden, Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Bis heute Abend um 23:00 läuft das Festival noch im HKW-Mutterschiff, die Ausstellung Future Obscura wird bis zum 09.02.2010 verlängert, die Einnahmen der beiden Tage, kommen den Erdbebenopfern in Haiiti zugute. Die Satelliten die das Festival begleiten, laufen noch unterschiedlich lange bis Ende Februar.

Mitgestaunt und wieder hervorragend fotografiert hat Julius Höhne. Herzlichen Dank!

Fotos: © Julius Höhne

 

Orientation in Thinking – DLD Session „map your future“


26.01.10

Das letzte Panel „Maps for the 21st Century“ des gestrigen Tages auf dem DLD (Digital, Life, Design Kongress) drehte sich um Orte, Daten und ihre Visualisierung in einem künstlerischen und wissenschaftlichen Kontext. Somit hob sich diese Session etwas von den anderen Panels ab, die sich unter Anderem den Themen Marken und Märkte, Content (im Sinne von journalistischen und informativen Inhalten im Internet),  Daten und Identität in sozialen Netwerken widmeten. Das Panel mit dem Slogan „Map Your Future“ basierte auf einer Projektinitiative des Schweizer Kunstkritikers, Kurators und Galeristen Hans Ulrich Obrist, der international bekannte Künstler dazu aufgerufen hat ihre Vorstellungen von Ort mit den Möglichkeiten der digitalen Techniken in Postern zu verarbeiten. Die Vorstellung Ort wurde dann auch vielfältig interpretiert. Die Videokünstlerin Rosa Barda geht in ihrer Arbeit von Fakten aus, die sie fiktiv weiterentwickelt. Für das Projekt beschäftigte sie sich mit Inseln, die ihre geografische Lage verändern und damit einen Teil ihrer Identität einbüßen. Sie hat zu diesm Fakt Spezialisten interviewt, die nach Maßnahmen gegen diesen Zustand forschen und diese in Videos dokumentiert.

der Mediziner Josef Penninger, erforscht die Ursachen von Krankheiten wie Adipositas, Arthritis und Osteoporose. Er hat eine funktionale Landkarte der genetischen Welt entworfen.

Aaron Koblin nutzt soziale Daten wie Flugverkehr und Kommunikationsverkehr für digitale Visualisierungen, die eine Schnittstelle von Kunst und Information schaffen.

Der Filmemacher Alexander Kluge referierte über die Subjektivität von geografischen Daten anhand eines kurzen geschichtlichen Abrisses der geografischen Kartografie. Seine Herleitung zeigte die starken Veränderungen auf der Weltkarte, die grundsätzlich Folge von Expansion, Kolonisation und der Verschiebung von politischen Machtverhältnissen seien. Für ihn existiert keine objektive Verortung anhand von Landkarten. Er sagte, alles was man brauche um einen Ort zu finden, sei ein funktionierendes GPS-Gerät. Er lenkte das Augenmerk auf uns Menschen, die er metaphorisch als wandelnde Landkarten ihres eigenen Lebens bezeichnete.

Der Designer und Stamen-Gründer Eric Rodenbeck zeigte Karten, die Kriminalität in San Fransisco verorten.

Die diesjährige DLD Konfernz geht heute in die dritte und letzte Runde, man kann sie über einen Live Blog verfolgen. Der Twitter hashtag #dld10, ist für Hintergrundinformationen und Livekommentare der Teilnehmer empfehlenswert. Reuters Livestream überträgt die Keynotes live.

Hintergrundinformationen zum Projekt und die Künstler

 

Marilynized Monsters – Jesse Lenz’ unfreiwillige Verharmlosung


12.01.10

Jesse Lenz bestückt Ex-Diktatoren von ultralinks bis ultrarechts, Phantasiemonster und andere Geißeln der Menschheit, mit warholschen Marilyn-Monroe-Attributen. Er legt amerikanischen Politikern der Gegenwart das gleiche Make-up an wie ihren Ehefrauen und Erzfeinden. Er schmeisst alle in einen Topf. Denn, auf alle diese Monster wendet er eine These an, die Lüge der gesellschaftlichen und medialen Popularisierung, die aus Mördern Kultfiguren mache. Als Audrucksmittel bedient er die prägnanten Erkennungsmerkmale, des zur Ikone der Pop-Art-Bewegung gewordenen Siebdruckgemäldes von Andy Warhol, seinerzeit kritisch brisant, heute in den Mainstream verbannt. Es würde genau das repräsentieren, was er an der popkulturellen Etablierung von Massenmördern so scharf kritisiert, eine grelle, Glück und Party-Nonstop suggerierende Maske, die dunklsten Abgründe deckelnd.

Meiner Meinung nach, macht er einen Fehler, er gibt nicht die tatsächlichen Ziele seiner Kritik, also Medien und einen undifferenziert konsumierenden Teil der Gesellschaft, der Lächerlichkeit preis, sondern diejenigen, die bewusst und unbewusst popularisiert werden, die Bösewichte der Weltgeschichte. Zumal sich schon jeder Dritte über die, dem Konzept sehr ähnlichen, Yearbook yourself Anwendung zum Deppen der vergangenen Jahrzehnte gemacht hat. Meine These: Lächerlichkeit verharmlost! Schwammig wird es, wenn man sich nicht mehr traut, beispielsweise Grausamkeit mit einer adäquaten Entsprechung visuell aufzuzeigen, und damit einen wahrgenommenen fehlgeleiteten Personenkult zu hinterfragen, vielleicht weil man Angst hat ein Gähnen zu provozieren, oder nicht angestrengt agitatorisch wirken möchte. Auch wenn Lenz mit seiner Interpretation des Warhol Gemäldes, dem er eine, wie er sagt, weitgehend unbekannt gebliebene Medienkritik zuspricht, eine Verurteilung der Verklärung und Ikonisierung dieser Personen anstrebt, popularisiert er sie eigenhändig, in dem er ihren Lach- und Tragewert als T-Shirt erhöht. Da beisst sich die Katze in den Schwanz und seine lange, meinetwegen auch gut hergeleitete Erklärung, liest der ein oder andere vielleicht gar nicht. Visuelle Kommunikation muss selbsterklärend sein, gutgemacht bedarf sie keiner verbalen Decodierung mehr. Von mir gibt es an dieser Stelle nur den erhobenen Zeigefinger. Zu den besprochenen Inhalten geht es über den Link oben.

yeeknew.com

 

„Can you tell me more…?“


09.11.09

I hardly publish articles written in English, actually I never do if I dont have to. German is my mother tongue and I feel somehow uncomfortable when writing English. Today is a special occasion — as we all know — and another special one as I introduce a letter, written by my dear friend, who was asked by another friend, a English speaking one, to tell him more about the German reunification 20 years ago. Thats why the letter is in English and so I am able to invite also non-German speakers to read this article. When I read the letter for the first time I was very touched and I was not the only one who asked oneself if this piece doesn’t deserve a broader audience. So I decided to ask her to give me permission to publish it here, even though I knew that I will have this long, long interview yesterday and this blog has a strong visual approach. But a blog is always about sharing. So why not share some personal expierience and give it some lines more…

The thing with this letter is, that it is written from the west side of the inner German boarder, and I guess this should be an interesting addition to the article yesterday…

A letter to a foreign fellow trying to explain my feelings about fall 1989 in Germany

»Can you tell me more about 3.10.?«

This year we celebrate the 20th anniversary of the Berlin wall having come down, which took place on 9th of November 1989. But the government decided some 18 years ago or so to make the 3rd of October the official memorial date, where the legal and monetary reunion took place in 1990 (so actually only 19 years ago).

Thinking about that time still moves me to tears, like yesterday when I passed a sign/memorial on the street on Potsdamer Platz. Also at the moment there are a lot of interviews, clips and original audio-pieces broadcasted on the radio and I am totally cought by that – every year again.
For example a few days ago it was the 20th anniversary of a special occasion in the Prague embassy of Germany where more than 700 refugees were seeking shelter. After more than ten days crumbed together in the garden of the embassy they were allowed to travel to the West. There is a famous audio piece by Genscher, the minister of foreign affairs back then, going something like: “I came to tell you, that today your depart…” and nothing more than incredible screaming was to be heard. Everytime I hear that, and even when I write about that now, I get goose flesh.

It may sound stupid, because especially younger folks don’t quite share my strong feelings about that occasion. But I am old enough to have a clear memory of these days back 20 years ago.
Growing up right at the border in the west – you probably have heard of “Fulda gap”? – where every guest was taken to the border strip, and everybody had relatives in the east, sometimes just few km apart, but unfortunately on the other side. My father is from Berlin, so our family used to travel at least once a year on this long and exhausting journey through the former east by car, waiting for hours on the border, every cm of the car got searched through. I remember sending parcels to the eastern relatives with the classic west stuff – coffee and chocolate – every now and then.

Since the embassy thing in September ’89 it was clear, that there was a change going on, but it still was a big surprise when suddenly on the 9th of November we were able to watch the wall coming down on television – that was a very emotional moment for us eastern Westgermans.

And then suddenly they all came over. We already got a lot of refugees since summer 1989 but then from 10th of November on Fulda was INVADED by Thuringians and Saxonians, being one of the nearest cities.
They all came to pick up their 100 DM “Begrüßungsgeld” (welcoming money), queueing for ages in the freezing cold, with babies and elderly (EVERYbody got 100 DM, y’know)
The city council couldn’t quite cope, so they asked in our nearby school (where I was aged 16) for volunteers to help. So I found myself taking care of the Eastgermans for more than a week providing tea, soup and babyfood.

After some occasional visits I made my first serious steps direction east in 1991 to Weimar to join some fellow architecture students there and from 1993 on studying visual communication at the Bauhaus-University. I ended up living there almost 13 years (with some breaks inbetween in Berlin, The Netherlands and Hamburg).
If I am asked where my hometown is, I tend to say Weimar instead of Fulda because I lived there for the most important part in my life and met most of my best friends there.
And that all would never have been possible without the German reunion. My profession and life would be completely different I guess.

This is, in short, the story of my great emotional involvement with the German reunification. I wish more people would remember these days – and the years (and conditions) before theses days in autumn of 1989.
When I moved far west to Rhineland (Düsseldorf, Cologne area) I was shocked, that most of the people I met there have never ever been in the eastern part of Germany. After all these years! And unfortunately meanwhile a lot of eastern Germans tend to speak about the GDR times as “not all too bad” which is absolutely rubbish. It was a bad, criminal, repressive system. Let us not forget.

 

„Der Langhaarige darf fotografieren!“ — Harald Hauswald im Interview


08.11.09

Am 8. November 1989, heute vor 20 Jahren, führte der längst überfällige Protest der DDR-Bevölkerung, die Ausreise von Hunderttausenden über Ungarn und Prag und eine abgewrackte Wirtschaft zum Rücktritt der Regierung. Einen Tag später fällt die Berliner Mauer, 40 Jahre DDR-Diktatur sind de facto vorbei.

Harald Hauswald — Fotograf, Zeitzeuge und Mitbegründer einer der bekanntesten Fotografenagenturen in Deutschland, Ostkreuz — behauptet, die Mauer wäre schon vor ihrem Aufbau gefallen. In einem Interview, das genau genommen ein 1 1/2 stündiges Gespräch war, erzählte mir der Erschaffer unverwechselbarer Fotografien, aus seinem Leben in der DDR, von der Künstlerszene im Prenzlauer Berg und dem einzigen Refugium für Dissidenten das es in der DDR gab, den kirchlichen Einrichtungen. Er erzählte von seiner Arbeit als Fotograf unter doktrinären Umständen und den Repressalien denen er dadurch ausgesetzt war, verschweigt auch nicht mit welchen Mitteln er die Bespitzelungen der Stasi parierte.

Kürzlich im Jaron-Verlag erschienen ist Auferstanden aus Ruinen, eine fotografische Zeitreise und Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellungsreihe, die das 40-jährige Schaffen des Ausnahmefotografen an 20 renomierten deutschen Ausstellungsorten zeigt.  Eine Auswahl aktueller Ausstellungen von Harald Hauswald findet ihr hier.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Telegrammbote, Punk und Tangotänzer

TheJunction: In einigen Rezensionen ihrer fotografischen Arbeit aus der DDR, ist häufig von Distanz die Rede. Wie distanziert waren sie gegenüber ihren Motiven und dem Leben im Arbeiter- und Bauernstaat wirklich?
Harald Hauswald:
Ich denke ich war schon ziemlich nah dran an den Bildern. ein Freund hat mal über mich in einem Vorwort zu einem Buch geschrieben: „Wenn er Tangotänzer fotografiert hat, ist er zum Tangotänzer geworden und wenn er Punks fotografiert hat ist er zum Punk geworden.“ Ich hab schon immer versucht ziemlich nah an die Leute heranzukommen, deshalb auch meistens Weitwinkel, selten Teleobjektiv. Mit dieser Nähe zum Motiv musste man sich auch outen als Fotograf so ein zwei Meter vom Motiv weg. Ich denke nicht das ich innerlich distanziert war, meine Distanz bestand zur herrschenden Macht.
TheJ:
Deren Ausführer und opulente Machtdemonstrationen sie aber gar nicht fotografiert haben, sie haben unten fotografiert.
HH: Genau,ich hab mich eingesperrt gefühlt in der DDR, ich hab Druck von aussen gespürt und deswegen ist der Gegendruck von innen gekommen. Die Fotografie war meine Möglichkeit, wenigstens meinen Kopf von dem Gefühl des Eingesperrtseins zu befreien.

TheJ: War dieses Eingesperrtsein auch ihre Intention, direkt von der Straße, ins Leben hinein zu fotografieren?
HH: Nein, nicht nur, schließlich habe ich diesen Beruf erlernt. Als ich damals nach Berlin gekommen bin, habe ich erstmal als Telegrammbote angefangen. Damals wurden die E-Mails noch ausgedruckt und zu den Leuten nach Hause gebracht. Dabei habe ich natürlich das pure Leben gesehen, auf der Straße. Wir waren bis zu vier Stunden täglich zu Fuß unterwegs, wir sind durch den ganzen Prenzlauer Berg gelaufen. So haben viele angefangen. Schriftsteller und Maler die ich kenne, haben alle als Telegrammbote gearbeitet, weil man in der DDR das Recht, aber auch die Pflicht hatte zu arbeiten, und wenn man nicht gearbeitet hat, konnte man ganz schnell als kriminell eingestuft werden. Ich kenne einige die im Knast waren wegen Asozialität. Der Vorteil dieser Arbeit war, man bekam als Telegrammbote keinen Arbeitsvertrag, sondern hat auf Stundenbasis gearbeitet. Wenn ich irgendwas als Fotograf gefunden hätte,  hätte ich sofort irgendwo anfangen können.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Wegen der Liebe

TheJ: Sie sind in Radebeul bei Dresden geboren und aufgewachsen. Warum sind sie nach Berlin gezogen und nicht in Radebeul geblieben?
HH:
Über Nacht, durch eine Frau. Sie war Berlinerin und wir haben ein halbes Jahr in Radebeul gelebt, bis sie den Kleinstadtmief nicht mehr ausgehalten hat und mich vor die Wahl gestellt hat, entweder Berlin oder wir müssen uns trennen. Dann haben wir uns in den Zug gesetzt und sind nach Berlin gefahren.
TheJ: Das ist im Prinzip eine Geschichte die auch heute geschrieben werden könnte. Berlin als Zufluchtsort vor Kleinstädterei und Spielwiese für Kreativität.
HH: Ja, Berlin war die westlichste Stadt im Osten und am wenigstens kontrollierbar.
TheJ: Obwohl Berlin vermauert war und  geografisch eine der östlichsten Städte Deutschlands ist?
HH: Ja, trotzdem! Die Szene ist meiner Meinung nach entstanden, weil Prenzlauer Berg der dichtbesiedelste Bezirk war. Hier haben mal 185.000 Einwohner gelebt. Einige Bezirke wurden aus Prestigegründen mehr saniert, z.B. Pankow als Sitz vieler Botschaften oder Mitte wegen der Touristen. Den Prenzlauer Berg hat man vernachlässigt, überall noch Kriegsschäden und Baulücken. Deshalb war die kommunale Wohnungsverwaltung froh, wenn noch die letzte Bruchbude vermietet wurde, damit die Häuser nicht ganz verwahrlosen. Die Leute haben dann ja wenigstens gemalert…
TheJ: …oder Baumaterial geklaut um die Wohnung auszubauen.
HH: Ja, das habe ich auch gemacht. Jedenfalls sind fast alle Leute die von außerhalb zugezogen sind, automatisch im Prenzlauer Berg aufgeschlagen. Es gab damals nur 3-4 interessante Kneipen und die Leute die aktiver am Nachtleben beiteiligt waren, haben sich dort getroffen, irgendwann kannte man sich dann.
TheJ: Und dort hat sich dann auch die Ost-Berliner Künstlerszene getroffen?
HH: Absolut! Da hat man auch die Leute getroffen die anders gedacht haben.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Andersdenkende erwünscht

TheJ: War dieses Andersdenken, die globale Verbindung die man mit diesen Menschen hatte?
HH: Das war die Sehnsucht nach der Globalität. Wir haben unter einer Käseglocke gelebt, der Rest der Welt war für uns unerreichbar. Es gab immer eine Jugendbewegung die anders war, in den 60gern fing das mit der Beatmusik an, in den 70gern waren es die Tramper, in den 80gern die Punks und dann die Hooligans. Es gab immer irgendwelche Gruppierungen die dann natürlich auch von der Stasi beäugt wurden, ausgiebig.

TheJ: Wurde irgendwann einmal zu DDR Zeiten ihre Arbeit als Fotograf gewürdigt, und abgesehen von Bespitzelungen, überhaupt wahrgenommen?
HH:
Nur von der kirchlichen Seite. Die Kirche war wie ein Refugium für Dissidenten, überall wo es kirchliche Einrichtungen gab, fand man auch Leute die anders waren. Bei Zittau gibt es das Melzerheim die waren irgendwann soweit, das die ganzen Mitarbeiter der kirchlichen Einrichtung, sich nach und nach die Häuser im Dorf gekauft haben und eine Petition an Honecker schreiben wollten, um ihr Gebiet als autonom zu erklären.
Ich hatte damals einige Aufträge von der Kirchenzeitung und  ca. 50 Ausstellungen aber nur in Jugendclubs, kirchlichen Räumen und Privaträumen. Ab ’87/’88 gab es eine kleine Öffnung. Einige Redakteure  haben dann die Zensur nicht mehr so streng mitgemacht. Ich hattte dann sogar Veröffentlichungen vom Sonntag, dem jetztigen Freitag und wurde sogar noch im Herbst ’89 in den Künstlerverband der DDR aufgenommen.
TheJ: Geschah die Aufnahme Pre- oder Postwende? Herbst ’89 sagt ja nichts über die politische Situation Ostdeutschlands aus.
HH: Das war im September. ich hatte eigentlich eine Sperre von der Stasi für den Künstlerverband, die 1984 oder 1985 verhängt wurde.Es hieß auf einem Din A4-Blatt mit rotem Filzstift: „Den Fotografen Harald Hauswald auf keinen Fall in den Künstlerverband aufnehmen“. Die letztendliche Aufnahme lief dann an den Vorständen des Verbandes vorbei. Die Aufnahmearbeit war eine Tanzserie die in den interessanten Clubs entstand die in Ostberlin immer überfüllt waren, Knaack und Franz.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

TheJ: Apropos Tanzen bzw. Feiern, das war schon ein großer Bestandteil ihrer Fotografie der DDR-Ära, Feiern, angefangen vom einfachen Versammeln, Tanzen, bis hin zu Bildern von völlig Besoffenen.
HH: Das war die Möglichkeit wo man am besten fotografieren konnte, z.B. auf den zahlreichen Mottofesten. Man fiel nicht auf, man konnte sich relativ frei bewegen und unbehelligt fotogtafieren. Aber ohne Kontakte zu den Veranstaltern und Gästen, lief nichts, jeder der Freiraum bot und wollte, versuchte sich vor der Stasibeobachtung zu schützen. Als Fotograf stand man immer unter dem Verdacht von der Stasi zu sein. Die Punks haben später mal gesagt: „Wenn der mit den langen Haaren kommt, der darf fotografieren.“

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Von Mund zu Mund

TheJ: Wollte sich alles was mit Freiräumen zu tun hatte, vom Staat distanzieren?
HH: Prinzipiell schuf nur die Kirche diese Art von Freiräumen. Angefangen von offener Jugendarbeit über Proberäume für Punkbands bis hin zu Ausstellungen von Kunst die auf dem staatlichen Index stand. Für das Buch Ost-Berlin, das 1987 zusammen mit Lutz Rathenow entstand, und dessen Ostberlin-Premiere in der Gezemanehkirche mit einer Ausstellung gefeiert werden sollte. Die Reaktionen der Staatsorgane darauf waren verwunderlich.
Am Morgen der Eröffnung war Lutz in der Kirche, als der Politoffizier vom Stadtbezirk da war, um die Ausstellung abzuhängen. Rathenows Reaktion darauf: „Das ist ja prima, die ARD kommt gleich und dann ist das spätestens heute Abend in den Tagesthemen, einen besseren Gefallen können sie uns doch gar nicht tun.“  Nach 10 Minuten kam der Offizier wieder und meinete zähneknirschend „Die kann hängen bleiben“. Trotzdem wir keinen einzigen Pressehinweis auf die Ausstellung hatten, kamen rund 800 Menschen.
TheJ: Wie hat sich das verbreitet?
HH: Einfach nur von Mund zu Mund.

© Harald Hauswald

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Ost-Berlin gab es nicht

TheJ: Ich möchte näher auf das Buch „Ost-Berlin“ eingehen. Soweit ich weiss, stand das Buch auf dem Index der DDR und ist nur in der BRD erschienen.
HH: Wir haben es in der DDR gar nicht erst eingereicht. Es ist in der BRD gedruckt worden.
Lutz Rathenow hatte nach West-Berlin schon Kontakte. Berlin war ja der Sonderfall, hier waren schätzungsweise 14 Journalisten aus dem Westen akkreditiert, die hier auch gelebt haben. Die haben unser Material immer hin und her geschafft, die hatten eine Grenzempfehlung und sind nicht kontrolliert worden. Die durften Arbeitsmaterial unkontrolliert ein- und ausführen. Über die hatte ich schon vorher erste Veröffentlichungen in der taz und in der Litfaß, deshalb ging auch der Ärger mit der Stasi los.
TheJ: Wie kam es überhaupt zur Entstehung des Buches?
HH: 1987 war die Berliner 750-Jahrfeier und wir hatten eine Menge Material beisammen, also wollten wir was draus machen. Der Lektor vom Piper-Verlag war sofort dafür, es wurden 3000/4000 Stück gedruckt und die waren innerhalb eines Jahres vergriffen. In der DDR wurde es fotokopiert weitergereicht.
TheJ: Das Buch war in der DDR also nie im Buchladen zu kaufen?
HH: Nein, das wäre schon allein wegen des Titels nicht gegangen. Ost-Berlin, das hieß „die Hauptstadt der DDR“. Ost-Berlin wurde nie gesagt, die haben zwar von West-Berlin gesprochen, aber nie von Ost- Berlin. Kurt Hager hat wegen des Buchs sogar einen Brief an Erich Mielke geschrieben.
Auf der Leipziger Messe wurde es jeden Tag vom Zoll beschlagnahmt und Lutz hat es immer wieder ins Regal zurückgestellt. Sonst haben die DDR-Bürger immer die Westbücher geklaut und dieses Buch wurde von einem DDR-Bürger immer wieder reingestellt. Rathenow hat sich sein gesamtes Honorar in Büchern auszahlen lassen, um die in Umlauf zu bringen.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Nicht im Sinne der DDR

TheJ: Haben sie auch schon zu Ostzeiten für westdeutsche Medien gearbeitet?
HH: Ich hab einige Sachen für den Stern und die Geo gemacht.
TheJ: Um was ging es in diesen Reportagen?
HH: 1986 gab es ein Berlin-Special für die 750-Jahrfeier. Dafür habe ich zwei Sachen gemacht einmal über Berlin die Stadt und eine Szene-Reportage. Dafür hatte ich direkt einen Auftrag. Später hatte ich noch eine Reportage über die Zionskirche gemacht, die war bekannt durch den Überfall der Skins 1987.
TheJ: Wie ist das mit der Bezahlung gelaufen?
HH: Das ist ein interessanter Aspekt, denn die Stasi hat in West-Berlin recherchiert, ob ich da ein Konto habe. Das die auf die Banken in West-Berlin Zugriff hatten, hatte ich nicht vermutet. Ein Westberliner Freund hatte in München über seine Mutter ein Konto für mich eingerichtet. Er hat mir dann immer mal wieder Geld mitgebracht oder dafür Ausrüstung gekauft.
TheJ: Das Honorar konnte also nicht direkt an sie überwiesen werden?
HH: Um Gottes willen, ich hätte ja zugegeben das ich mich strafbar gemacht hab. Ein klarer Fall von Devisenvergehen.
TheJ: War es per se verboten für den Westen zu arbeiten?
HH: Ja!
TheJ: Die Stasi hatte doch sicher Zugriff auf die Zeitungen?
HH: Nach der Geo-Geschichte wurde mir der Benutzerausweis für die Fotoentwicklungsstelle beim Berliner Verlag, die grundsätzlich für Honecker-Fotografien Westequipment von Kodak benutzte, entzogen, mit der Begründung ich wäre nicht im Sinne der DDR tätig.
TheJ: Die Kontakte zum Westen waren also immer da?
HH: Überlebenswichtig! Für mich waren sie deswegen wichtig, da die Presseaufmerksamkeit aus der BRD mich vor Inhaftierung schützte, wenn ich Vernehmungen zugeführt wurde. Das wäre sofort im Rias gekommen. Da die DDR aber um internationale Anerkennung bemüht war, und das Inhaftieren eines Fotografen absolutes Unverständnis hervorgerufen hätte, hat die Stasi sich davor gehütet mich ins Gefängnis zu stecken. Es gab auch einen Haftbefehl von 1985 der nie ausgeführt wurde, da er laut oberstem Stasichef aus politischen Gründen im Moment nicht ratsam sei. Ich habe gegen vier Paragraphen verstoßen: Weitergabe geheimer Nachrichten, Agententätigkeit, staatsfeindliche Hetze und Devisenvergehen. Das hätten bis zu 12 Jahre Haft in Bautzen sein können.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

TheJ: Was unterschied den normalen DDR-Bürger von Menschen wie ihnen und anderen Systemkritikern?
HH: Der Großteil der Menschen hat sich für den ganzen Scheiß gar nicht interessiert, die haben sich rausgehalten, ihr Datschendasein geführt, aber das war auf eine Weise auch sympathisch. Die Leute haben sich ihre Nischen geschaffen und haben viel näher zusammengerückt gelebt. Die Menschen waren offener, es gab diese Ellenbogengesellschaft nicht. Geld war für Konsumzwecke nicht so wichtig, denn es gab ja kaum was zu kaufen. Alles war erschwinglich, von daher ließ es sich leben und das haben die Leute auch gemacht.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Visafrei bis Shanghai

TheJ: Als es dann zum Mauerfall kam, wie war das für sie? Was hat Harald Hauswald in dem Moment gedacht, gefühlt, sich gewünscht?
HH: Ich hab gehofft, das ich als Fotogtaf überleben kann.
TheJ: War das gleich so ein wichtiger Gedanke damals?
HH: Relativ schnell, es war klar das es härter wird. Auf der anderen Seite war es der größte Moment in meinem Leben, über Nacht Gedanken- und Reisefreiheit geschenkt zu bekommen.
TheJ: Und jetzt, 20 Jahre später, fühlen sie sich frei?
HH: Ja, Ich fühle mich frei. Wir machen mit der Agentur ein neues Projekt, über die Stadt. Dafür war ich gerade zwei Wochen in Shanghai. Ich bin auch auf Shanghai gekommen, weil es damals auf einer der Demos ein Plakat gab: „Visafrei bis Shanghai“, das wollte ich dann auch mal machen.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Die DDR war eine Kunstwelt

TheJ: In der Rezeption der DDR spielt Verklärung eine ziemlich große Rolle. Wie sehen sie das?
HH: Mir ist oft vorgeworfen worden, das ich die DDR so trist dargestellt hätte, aber so war sie ja auch. Ich denke das ich mit meinen Bildern etwas gegen die Verklärung der DDR machen kann.
TheJ: Wer hat ihnen das vorgeworfen?
HH: Z.B. Ausstellungsbesucher, es gab bitterböse Vorwürfe: „Wo sind denn unsere lachenden Kinder in den Kindergärten“ u.s.w. Da gibt es eine ganze Menge die zu schnell vergessen haben wie dieses Land mal aussah.
TheJ: Natrürlich lachen Kinder. Kinder lachen auch in Nordkorea.
HH: Ich habe das fotografiert was ich gesehen hab und so war es nun mal. Die Leute vergessen einfach wie es mal ausgesehen hat. Das sind die, die sich am Händchen durchs Leben haben führen lassen von der Regierung und heute müssen sie selber laufen.
HH: Bei einer Schulveranstaltung meinte ein Schüler: „Meine Eltern haben gesagt, das Gesundheitssystem sei viel besser gewesen“  Was nützt ein ausgebautes Gesundheitssystem, wenn Medikamente fehlen und die Infrastruktur nicht stimmt. Was nützt ein gutes Schulsystem wenn scheiß Lehre gemacht wird, Geschichtsfälschung betrieben wird und es keine Meinungsfreiheit gibt.
TheJ: Gibt es irgendein materielles oder ideeles Gut, was durch den Mauerfall kaputtgegangen ist?
HH: Nein, es war eine Kunstwelt und die Sachen die gut waren, der Zusammenhalt, die soziale Sicherheit u.s.w. wurden von aussen durch Druck künstlich erzeugt. Das konnte nicht bestehen, davon hätte man sich gewünscht, das es übrig bleibt. Das ist auch das, dem viele hinterherjammern, aber das musste verschwinden, denn der Rest der Welt hat schon immer anders gelebt. Und ich gehe noch weiter, die Mauer war schon abgerissen bevor sie überhaupt aufgebaut wurde, der Widerstand hatte sich zwar nie richtig formiert,  ist aber auch nie wirklich erlahmt.

ENDE

Harald Hauswald lebt heute noch im Prenzlauer Berg und arbeitet nach wie vor als Fotograf. 1990 gründete er mit anderen Fotografen, die Agentur Ostkreuz. Er fotografierte Hooligans, die Hausbesetzerunruhen in der Mainzerstraße und schoß so einige Reportagen für die Zeit und die Geo.

 

The Picasso of Inkasso — NOMAD Solo Exhibition


30.10.09

Meine erste Begegnung mit NOMAD, dem durch seine Karriere als Sperrmüll-und Hauswandveredler  ein gewisser Ruf vorauseilte, der auch mich erreichte, die sich mit Street Art nur im Vorbeigehen befasst, fand 2008 in dem Showroom statt, für den ich damals Ausstellungen organisierte. Kurz vorher rief er an, um mitzuteilen, das er mal vorbeischaut, „die Location zu checken und so“, um dann seinen Beitrag zur geplanten Ausstellung anzufertigen, das war ein Tag vor der Vernissage. Nomad sah besser aus als ich dachte und war leichter zu händeln als vermutet. Am Tag darauf kam er mit seinem Bild, Kohle auf Packpapier, quasi Lebensgröße, nackter Mann in hockender Pose, die Hände verzweifelt vor dem Gesicht verschränkt, den Pimmel empfindlich entblößt im Zentrum des Bildes, eingerahmt von sorgfältig gezeichneten Füßen. Ein anderes Beinpaar streckte sich über seinem Kopf wie ein Geweih. Das Bild, direkt nach der Eröffnungsrede verkauft, war zum Heulen schön, nicht alles richtig gemalt, ein Rumprobieren noch, aber mit einer emotionalen Ansprache, deren Intensität auf mehr hoffen ließ. Beim Kaffee, vor dem Bild hockend eingenommen, fanden wir heraus das wir einige Allergien gemeinsam haben und ich erklärte schüchtern meine Sympathie mit dem Typen der I LOVE YOU an die Hauswand malte, die ich sehe wenn ich gemeinsam mit zu vielen leeren Gesichtern und ihren Tageszeitungen, mit der U1 fahre. Meistens fühle ich mich von der Aussage des Schriftzugs nicht angesprochen aber berrührt. Er musste dann noch mal weg. Von der Baustelle nebenan besorgte er sich schmale Reste von Rigipsplatten um das Bild aufzuspannen, griff zu Bohrmaschine und Dübel, jeder Handgriff saß, Perfektion im Umgang mit dem Unvollkommenen sprach aus dem was er tat und wie er es tat.

Der Schritt von der Straße in die Galerie, schon vorher vollzogen, sollte von Dauer sein. Nicht alles was NOMAD künstlerisch ausdrücken kann, passt in korrekte Outlines, passt an eine Häuserwand, auf einen Fernseher oder ein ausrangiertes Möbelstück. Die schnelle Arbeitsweise, die Leidenschaft, die pointierten Aussagen hat er mitgenommen, seine grafischen und  typografischen Gewohnheiten mit  Malerei gepaart, die den Menschen und seine Eigenarten zum Anlass nimmt, überhaupt erst zum Pinsel zu greifen.

Heute öffnet NOMADS erste Solo-Ausstellung in der Circle Culture Galerie. Geht hin, es wird voll, es wird ein Rausch, es wird lustig und ihr werdet einen Künstler erleben von dem wir noch hören werden.

NOMAD:                            „ Rainbow Coloured Tears of a Clown“

VERNISSAGE:                 30. OKTOBER 2009, 19:00 UHR
AUSSTELLUNG:             31. OKTOBER BIS 9. JANUAR 2010
ÖFFNUNGSZEITEN:     DIENSTAGS BIS SAMSTAGS, 14 BIS 18 UHR
LOCATION:                      CIRCLECULTURE Gallery, Gipsstraße 11, 10119 Berlin

 

An Assembled City — Dionisio González


27.10.09

Favelas heissen die besonders in Randlagen der großen Städte Brasiliens liegenden Armenviertel. Sie werden oft als „Stadt in der Stadt“ bezeichnet; sie sind weitgehend unabhängig von der offiziellen Stadtverwaltung organisiert, oft unter der Leitung des Anführers des dortigen Drogenkartells. Vergleichbare informelle Siedlungen findet man auch in den meisten anderen Entwicklungsländern. Es ist begrifflich nicht ganz richtig, Favelas als Slums zu bezeichnen, da sie nicht durch den Verfall städtischer Zonen, sondern durch unregulierte Besiedlung entstehen. Für Rio de Janeiro gibt es Schätzungen, die aussagen das ca. 30 Prozent der Bevölkerung in Favelas leben. Folgende gemeinnützige Projekte und Initiativen setzten sich bisher für die Legalisierung und Integration der Viertel in die urbanen Infrastrukturen der brasilianischen Städte ein: Favela-Bairro, Celula Urbana, Viva Favela um nur einige zu nennen. An Assembled City von Dionisio González setzt sich intensiv mit der Architektur und Sozialkultur der Favelas von São Paulo auseinander.

In seinen Fotoarbeiten beschäftigt sich Dionisio González mit den Favelas der Brasilianischen Metropole São Paulo. Die eigene Raumidentität dieser Gebiete ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Bewohner der Behausungen gleichzeitig die Erbauer sind. Es gibt keine Baupläne von unabhängigen Architekten, es geht in erster Linie darum, mit vorhandenen Materialien eine Abschirmung von der Außenwelt zu schaffen. Die labyrinthartigen und improvisierten Strukturen der Favelas sind ständig in Bewegung; sie wachsen und verwandeln sich immer weiter. Diese Bewegung greift Dionisio González in seinen Arbeiten auf. Am Computer fügt er in seine Fotografien neue Gebäudestrukturen ein, die er in einem aufwendigen Prozess eigens für das jeweilige Motiv kreiert. Dionisio González versucht mit konstruktiven Alternativen die bereits vorhandenen Strukturen nach den Bedürfnissen der Bewohner weiterzuführen und zu verbessern. Der Künstler befindet sich im Austausch mit den Bürgermeistereien der Favelas rings um São Paulo, um Wege zu finden, die eine oder andere von ihm entworfene Gebäudestruktur tatsächlich in die Tat um zu setzen. Diese Gebäude sind als soziale Zentren gedacht.

 

FINAL – Sweden


19.08.09

© Norman Röhlig

© Norman Röhlig

„HEJ“ …. nicht „Hey“ oder „Hi“, eben „Hej“, so begrüßen die Ortsansässigen ihre Mitmenschen auf der skandinavischen Halbinsel. Und jeder, der bereits in den Genuss kam, ein wenig mehr von dieser wunderbaren Kultur zu erleben, wird bestätigen, dass die Begrüßung nur der Anfang eines nimmer enden wollenden Zaubers ist. Ein Zauber, den ich erneut für ein paar Tage erleben durfte und nachhaltig tief in meinem Herzen tragen werde.

Warum? Was ist anders? Was ist neu? Ich könnte die Mentalität und Freundlichkeit der Einwohner, ihr sicheres und ausgeprägtes Gespür für Ästhetik und Design, ihre Liebe zum Detail, zur Natur oder gar diese endlosen unberührten Küsten und Landstriche benennen und bin mir dennoch sicher, begrifflich nur einen Teil der gesamten Faszination erfasst zu haben.

Doch blende ich all das aus, schließe meine Augen und höre einzig auf das, was mein Herz mir sagt, gilt es ein weiteres Wort der Aufzählung folgen zu lassen: Leichtigkeit. Ein Wort, das im Zuge der hektischen Privilegien unserer Zeit zu großen Teilen nur noch als Konstrukt besteht, bekommt im Land der tausend Inseln wieder jene Qualität zurück, die, wie ich finde, für uns alle wichtig sein sollte.

So traf ich bei meiner Rundreise durch West-Schweden auf die Geschichten dreier Familien, die exemplarisch für ihre Mitmenschen beschreiben, was es bedeutet, der Kultur und den natürlichen Ressourcen ihres Landes so nah wie möglich zu sein und dennoch ihr Geld damit zu verdienen. Eine Kunst, die nur selten gelingt. Die folgenden Beispiele zeigen, dass es möglich ist.

Lars Stålnacke, Besitzer von Björholmens Marina, schuf weit draußen auf Tjörn, dem Festland im Nordwesten, dort wo die Straße endet und das Meer beginnt, eine traumhafte Unterkunft mit ungestörtem Blick auf das Meer am Rande einer Mole, den weder die Gäste noch ich so schnell vergessen werden. Weitere Infos hier: www.bjorholmensmarina.se

Björholmens Marina © Jessica Braun

Björholmens Marina © Jessica Braun
Kenth und Camilla Hofsten

Kenth und Camilla Hofsten

Nach gut einer halben Stunde Fährfahrt treffe ich auf Käringön ein. Dort empfing mich Camilla Hofsten, Besitzerin verschiedener Ferienwohnungen/Häuser auf der winzigen Insel. Auf Käringön betreibt sie zusammen mit ihrem Vater Kenth die Karingo Oyster Bar, eine der bekanntesten Austern Bars in Westschweden. Zur Ergänzung, die Luxuskompetenz in Sachen Austern, Lobster und Co. begeisterte nicht nur uns Touristen, sondern auch Prinz Albert kommt ab und an zum Austern schlürfen vorbei. Weitere Infos hier: www.karingo.com

© Kenth und Camilla Hofsten

© Kenth und Camilla Hofsten
© Norman Röhlig

© Norman Röhlig
© Jessica Braun

© Jessica Braun

„The quality of the fish is the best if you eat it right out of the ocean!”, so Per Karlsson zwei Sekunden bevor er die Austern direkt aus dem Meer fischte, sie öffnete und uns sofort zum Verzehr vorbereitete. Karlsson betreibt die für Touristen öffentlich zugängliche Fischerhütte im klassischen gelben Anstrich. Fisch, wie er frischer nicht sein kann, wird hier je nach Angebot in der oberen Etage der smarten Hütte oder direkt auf dem traditionellen Segelboot verzehrt. Weitere Infos hier: www.evertssjobod.se


Zu guter Letzt, und mein persönliches Highlight: die Insel Väderöarna. Wer den Trip im Schnellboot überstanden hat, ist nicht nur dem Puls der Seelöwen, sondern auch dem unserer Erde erschreckend nah. Schnell wird klar, dass Erlebnisse wie diese zu jenen Momenten zählen, welche wir im Alltag nur ganz selten erleben, nämlich nicht nur Besucher, sondern ein Teil der Natur, der Erde zu sein. Ein Ort der natürlichen Schönheit. Ein Ort der Einsamkeit und Melancholie. Ein Ort, der zum Nachdenken anregt, zum Durchatmen, und zum Entspannen. Aber vor allem ein Ort, der uns auch nachhaltig dazu bewegt, der Natur das zurück zu geben, was sie verdient hat: Ruhe.

Weiter Infos hier: www.vaderoarna.nu

© Norman Röhlig

© Norman Röhlig


Vielen Dank für die Reise!

 

Olaf Hajek


17.08.09

Olaf Hajek ist einer der bekanntesten deutschen Illustratoren. Mit Leichtigkeit überschreitet er permanent die Grenzen zwischen Illustrationen für Magazine und freien künstlerischen Arbeiten und hat in zahllosen Bildern seinen ganz persönlichen Stil kultiviert.

In Hajeks Bildern vermischen sich die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, südamerikanische Folklorekultur, Mythologie, Religion, Geschichte und Geographie. Hajek kombiniert damit zwei Konzepte, die in der westlichen Welt als gegensätzlich gelten: Realität und Mythologie, Phantasie oder Magie.

Der Berliner bezieht sich gern auf Wunder, Heldentaten, Halluzinationen und Märchenmotive. Er verschiebt und kombiniert – durchaus mit artistischer Virtuosität und intellektuellem Kalkül – disparate Realitätsausschnitte und bettet diese in einen neuen überraschenden, oft mythischen Sinnzusammenhang ein.

Oft finden sich die Figuren disproportional dargestellt und figurieren vor einem theatralischen Vorder- oder Hintergrund. Seine Bilder entstehen überwiegend in Acryl auf Karton oder Papier und erhalten aufgrund einer speziellen Wisch- und Schabetechnik eine künstliche Patina, die Hajeks Bilder an Kubanische Werbeplakate aus den 60er Jahren erinnern lassen.

Doch bleiben sie – obwohl sie sehr malerisch erscheinen – durch ihren prägnanten Strich irgendwie grafisch. Hajeks individueller Stil wurde zuerst vom SZ-Magazin entdeckt, heute arbeitet der Illustrator für große Modefirmen und Magazine wie The New Yorker oder das Wall Street Journal, zumeist in Berlin, aber auch in New York und Los Angeles. Hajek erhielt zahlreiche Preise für seine Arbeiten, zuletzt die Goldmedaille des Art Directors Club Europe in London.

Via Swatch Young Illustrators Award

 

Way Out West is diffrent… to diffrent to ignore!


15.08.09

Der erste Tag vom Way Out West ist vorüber. Die Stimmung ist nur schwer zu beschreiben, aber ich glaube, Anthony hat es auf den Punkt gebracht:

The spirit of this place has really touched me!


Und ich will jetzt keinen Abgesang auf die Worte Anthony’s leisten, aber Way Out West ist wirklich anders. Die Schweden beweisen erneut, dass es möglich ist, ein Line- Up auf höchstem Niveau mit zig Tausenden von Besuchern, auch ohne die bekannten, abgewetzten, staubigen und versoffenen Festivaleigenschaften, zu präsentieren.

Und ja, seit zwei Tagen scheint hier Sonne. Logisch, jedes Festival zeigt sich bei solch wunderbaren Wetterbedingungen von der attraktivsten Seite. Aber diese Kombination aus unendlichen, nimmer enden wollenden Klängen der Interpreten und die malerische, saftig-grüne Location Slottsskogen erinnert schon fast an ein Happening.

Hier ein paar Fotos, oder direkt zur Festivalsite.

@ Norman Röhlig

@ Norman Röhlig
© Norman Röhlig

© Norman Röhlig
© Norman Röhlig

© Norman Röhlig
 

TheJunction x WAY OUT WEST in Sweden


14.08.09

Okay … machen wir es kurz: Wir sind on Tour in Schweden. Anlass, Way Out West in Göteborg. Das größte Musikspektakel in Schweden präsentiert sich in diesem Jahr mit einem Line Up der Superlative: Von Florence and The Machine über Nas (YEAHHHH) bis hin zu Anthony and the Johnsons, Final Fantasy und Calexico trieben mir sagenhafte 80 Bands die Tränen in die Augen, als letzte Woche meine Einladung in die Redaktion flatterte. (komplettes Line Up hier)

Das wir Zwei Schwedenvernarrt sind, ist ja schon lange kein Geheimnis mehr, doch bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nach dieser Tour gar nicht mehr zurück will. Hier die Shortlinks unserer Locations und Stops nach dem Festival:

www.stenungsbaden.se, www.sealodge.se, www.bjorholmensmarina.se, www.karingo.com, www.gullmarsstrand.se & www.evertssjobod.se

Je nach Hotspot und Timetable und dem zu erwartenden Promille-Pegel gebe ich mein Bestes, um euch zwischendurch auf dem Laufenden zu halten.

 

Martin Haake – human being shapes


12.08.09

Der Mensch ist das zentrale Element in Martin Haakes Collagen. Um den Menschen herum knüpfen sich Beziehungen, kreisen Stimmungen, entstehen Geschichten.

Der in Oldenburg geborene Künstler studierte zunächst in Berlin und arbeitete als freier Illustrator in Hamburg, London und heute Berlin. Mit seinen freien Arbeiten war er bereits auf verschiedenen europäischen Ausstellungen vertreten. Nach einer Phase, in der vor allem Zeichnungen entstanden, wandte er sich bald ganz der klassisch-manuellen Collage zu. Charakteristisch für seine Arbeitsmethode ist dabei Haakes humorvoller Blick; entweder steht dabei eine Grundidee am Anfang, die ihn auf der Suche nach verwertbarem Bildmaterial leitet, oder das zufällige Auffinden von Material, welches mit einem Gefühl korrespondiert, in dem schon die nächste Bildidee schlummert.

In seinem piktoralen Repertoire greift Haake häufig auf Fragmente aus der Populärkultur, der Technik oder der urbanen Alltagswelten zurück. Figuren werden beschnitten, maskiert und in neu gebaute Räume versetzt. Berge interagieren mit Familiendarstellungen, umrankt von typografischen Sprechblasen, die scheinbar aus dem Zusammenhang gegriffene Äußerungen beinhalten. Auch das Moment proportionaler Kontraste und Unwahrscheinlichkeiten spielt eine große Rolle, wenn beispielsweise ein großer roter Mund neben einem viel kleineren Kopf schwebt. Immer ist es Haakes Strategie, den Betrachter zunächst zu verunsichern, um dadurch die Imagination einer anderen Welt, eines künstlerischen Paralleluniversums anzustoßen. In der Verbindung mit Elementen der Pop-Kultur entsteht jedoch eine eigenwillige und einzigartige Melange voller Humor, Geheimnis und Subtilität.

Via Swatch Young Illustrators Award.

 

‘framework of a billboard’ by Tim Dinter


11.08.09

Das ist das Schicksal des Großstadtcowboys. Eingeklemmt in den Rahmen einer Werbetafel scheint der Westernheld durch die steinerne Prärie zu galoppieren, umzingelt von Beton, Autos, Wohnhäusern. Hinter dem Reklame-Cowboy leuchtet es orange, als reite der einsame Held vor einem Sonnenuntergang. Die Farbe kommt von einem weiteren Wohnhaus, das hinter zwei grauen Brandmauern hervorlugt. Mit wenigen Strichen und Farbtupfern hat der Zeichner eine typische Straßenszene aus Mitte festgehalten und sie zur Metapher erhoben für das Wechselspiel zwischen Alt und Neu, zwischen Aufbruch und Verharren, das für Viertel wie dieses symptomatisch ist.

Es ist der Blick des Zugezogenen, der Dinters Werk prägt, seitdem der gebürtige Hamburger vor 13 Jahren über den Umweg der bayerischen Barockstadt Landshut nach Berlin kam. Die Stadtbilder von Dinter sind Dokumente des Übergangs, wie er gerade zwischen Mitte und Pankow auch 17 Jahre nach dem Mauerfall immer noch allgegenwärtig ist.

Die Schnelllebigkeit, mit der sich Berlins östliche Innenstadt wandelt, ist dem 1971 geborenen Künstler suspekt und fasziniert ihn zugleich. Als Dinter, der zum Studium an die Kunsthochschule Weißensee nach Berlin kam, seine erste Wohnung an der Grenze zwischen Mitte und Wedding bezog, fühlte er sich in einen melancholischen Film von Wim Wenders versetzt. Tatsächlich strahlen Dinters Bilder eine ähnliche Atmosphäre aus wie die meditativen Kinobilder und Fotos des Regisseurs.

Beispielhaft zeigt das eine Szene aus der Torstraße: Zwischen zwei Wohnblöcken steckt ein niedriger 30er-Jahre-Bau, auf dessen Fassade die verblassten Buchstaben “kod” zu erkennen sind – Relikte des Schriftzuges “Skoda” aus DDR-Zeiten. Die Buchstaben hat Dinter leuchtend gelb unterlegt, die gleiche Farbe ziert einen modernen Transporter vor dem Gebäude. Auch wenn auf dem Bild kein Mensch zu sehen ist, hat man das Gefühl einer belebten Szene, einer Auseinandersetzung zwischen Vergangenheit und Zukunft, Abschied und Neuanfang. Eine Kulisse, gemacht wie für einen Berlinfilm, auch wenn der nur im Kopf des Betrachters abgeht.

Via Swatch Young Illustrators Award.

 

‘panoramic view of a utopian city’ by Roman Bittner


10.08.09

Zwischen kilometerhohen Wolkenkratzern, umschwirrt von Zeppelinen, verlieren sich Menschen in Häuserschluchten. Die Gebäude sind atemberaubend, verspielt und gewalttätig zugleich. Viele Hochhäuser erinnern an die Chicagoer Schule. Bedrückend schön sind die Visionen des Berliner Illustrators Roman Bittner, der diese Städte schuf. Seit einem Jahr zeichnet er Bild für Bild eine phantastische Gegenwelt, die “Ancient cities of tomorrow”. Hier verbindet er visuelle Zitate aus verschiedenen Epochen mit visionären Entwürfen, die nie gebaut wurden zum Panorama einer utopischen Stadt; die Entwürfe gehen zurück auf Architekten wie Hugh Serries, Le Corbusier oder Raymond Hood, das Berlin der 20. Jahre, Metropolis-Visionen, in denen Städte als ein Ganzes konzipiert wurden, einem lebendigen Organismus vergleichbar, mit rationaler, funktioneller Architektur. Sie erinnern an die Stadtvisionen der belgischen Comic-Zeichner Francois Schuiten und Benoit Peeters.

Mit dem Prinzip Konstruktion und seiner spezifischen Retro-Pixel-Ästhetik schafft Roman Bittner mit akribischer Vektorgrafik ein präzis umrissenes artifizielles Universum, in dem es Spaß macht, sich zu bewegen, zu suchen und zu finden. Die urbane Selbstinszenierung durch eine zweite Architekturschicht von amerikanischer und (altdeutscher) Reklame enthält mehr Diskussionsstoff zur aktuellen Lage der Städte, als die selbstgenügsame Verspieltheit Bittners vermuten lässt.

Via Swatch Young Illustrators Award.