Uta und Thilo von Debschitz – Fritz Kahn „Man Machine“


29.05.10

Als ich im November 2009 der Animation des Fritz Kahn Plakats Der Mensch als Industriepalast von Henning Lederer einen Beitrag widmete, hatte der Wissenschaftler, Visionär und geistige Vater dieses Plakates noch nicht einmal einen Wikipediaeintrag, das hat mich damals erstaunt, denn der Mann hat Einiges geleistet. Er war Ideengeber der Mensch-Machine-Metapher, die humanbiologische Fakten, Körperfunktionen und -prozesse in einer Weise erklärt und illustriert, die den Menschen in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts am vertrautesten war, mit industriellen Abläufen, mit Maschinen, mit Arbeit.

Er selbst, obwohl Schöpfer dieses starken Bildes vom Menschen als „leistungsfähigste Maschine der Welt“, von dem zahlreiche, interpretierende und nachahmende Werke aus den Bereichen Medizin, Information, Film und Werbung existieren, ist trotz des Einflusses den er auf die Informationsgrafik in der Humanbiologie hatte und seiner zu Lebzeiten großen Beliebtheit als wissenschaftlicher Autor, in Vergessenheit geraten.

Das unscheinbare Schienbein ist in der Lage, mehr als ein Dutzend erwachsene Männer zu tragen

Die Geschwister Uta und Thilo von Debschitz, sie Architektin und Kulturjournalistin, er ein Designer, sind durch Zufall auf das Werk Fritz Kahns gestossen und haben ein Buch über den Visionär und Wissenschaftler erarbeitet. In ihrem Vortrag auf der TYPO Berlin 2010 sprachen sie über dessen Entstehung und Inhalt und zeigten illustratorische und cineastische Rezeptionen auf sein Werk, von Woody Allen, über den Bauhaus Grafiker Herbert Bayer bis zum britischen Pop-Artisten Eduardo Paolozzi.

Aus: Was sie schon immer über Sex wissen wollten von und mit Woody Allen (Spermie)

Die Fülle an Material – von einer Vielzahl verschiedener Illustratoren gezeichnete, in Vergleiche und Metaphern umgesetzte humanbiologische Information – zu finden und zu sichten, zu benennen und zu archivieren, zu scannen und zu kommentieren, war eine zeitliche, finanzielle und emotionale Herausforderung. Das Buch, als Bildband konzipiert, umfasst die Bereiche Biografie, Schaffen und Rezeption und hat eine weltweite, für die Autoren überraschende, Resonanz hervorgerufen. Die gleichnamige Ausstellung im Medizinhistorischen Museum der Charité besuchten 24. 000 Menschen. Seit Januar 2010 kann man Fritz Kahn nun auch in der Wikipedia finden und den Eintrag haben nicht die Buchautoren verfasst.

Der Trailer für das Sundance Festival 2007, ebenfalls inspiriert von Fritz Kahns Metapher

 

TYPO Berlin 2010 „Passion“ – Inspiration im Stundentakt


28.05.10

Die Definitionen von Leidenschaft gehen selten über Gemütsbeschreibungen wie inbrünstig, begeistert und hingebungsvoll hinaus. Ähnlich wie Sehnsucht,  gehört sie zu den, wissenschaftlich wenig erforschten, emotionalen Phänomenen. Um zu wissen ob sie schmeckt wie Pfälzer Leberwurst oder doch wie eingeschlafene Füße muss man sie selbst probiert haben. Auf der  TYPO Berlin 2010 zum Thema Passion konnte man den vielleicht wertvollsten Effekt erleben, den beruflich gelebte Leidenschaft haben kann, die Übertragung dieses Gefühls auf Andere in Form von Begeisterung und Aufmerksamkeit – ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Designgeschäft, speziell im Kommunikationsdesign.

Julia Laub/Hartmut Bohnacker: Generative Gestaltung

Wie Leidenschaft zu Leistung wird die begeistert, vermittelten die wenigen Vorträge über Einzelprojekte am glaubhaftesten. Das war zum Einen die Präsentation des Buches Fritz Kahn – „Man Machine“ von Uta und Thilo von Debschitz und zum Anderen der Vortrag von Julian Zimmermann über das Corporate Design, das er für Togbui Ngoryifia Céphas Kosi Bansah den König der Volksgruppe Hohoe Gbi Traditional Ghana, die zum 3-Millionen-Volk der Ewe im Osten Ghanas gehören, entwarf. Beide gehören zu meinen persönlichen Favoriten dieser Konferenz, und werden noch genauer vorgestellt.

Der König ist Kunde

Auch der Schriftgestalter Yanone und der Informationsarchitekt Oliver Reichenstein stellten neue Projekte vor – die Schrift Amman, die den Namen ihres Entsstehungsortes trägt und ein Textverarbeitungsprogramm für das iPad, das sich nach der Leserichtung orientiert, die vom rechteckigen Format des Gerätes vorgegeben wird, also horizontal verläuft und damit die Lesbarkeit optimiert, was sich zugunsten der Konzentration beim Arbeiten und Lesen am Bildschirm auswirken soll.

Passion: Oliver Reichenstein über Lesbarkeit – Schreibbarkeit

Weitere Vorträge die viel positive Resonanz bekamen, obwohl reine Portfoliopräsentationen mit zum Teil recht alten Arbeiten, waren die Beiträge von Erik Kessels und Joachim Sauter. Als Kessels nüchtern und und ohne die Miene zu verziehen, die geniale „Schlimmer geht immer“-Kampagne für ein Null-Komfort-Hotel in Amsterdam vorstellte, blieb kein Auge trocken. Joachim Sauter von Art & Com hat souverän dargestellt, wie man Natur- und Zeitgeschichte erlebbar und reflektierbar macht, indem man sie virtuell und interaktiv auferstehen lässt. Eine Auswahl aus den beiden Vorträgen und weitere, von Eike König und Fons Hickmann gezeigte, Projekte werde ich in den nächsten Tagen etwas näher vorstellen, da sie wunderbar in das Konzept von TheJunction passen.

Alles in allem haben die Vorträge die ich verfolgt habe, wenig auf das Thema Passion eingespielt. Ich behaupte, dass  Hingabe an den Beruf, vor allem im hochqualitativen Ressort, zum guten Ton gehört und das die meisten erfolgreichen Gestalter unter dieser herzblutigen Berufskrankheit „leiden“. Ein übergreifendes Thema sollte auch inhaltlich zum Tragen kommen und nicht nur durch begeisternde Projekte repräsentiert werden. Das haben die vorigen Konferenzen SPACE, Image, Music usw. besser vermocht.

Mit der Abkehr vom gedruckten Programmheft hin zur interaktiven TYPO Applikation, hat der Veranstalter gezeigt, das die TYPO Berlin voll und ganz im digitalen Zeitalter angekommen ist. Dieses Tool hat mich zuverlässig durch die dreitägige Konferenz begleitet. Hier konnte man sein persönliches Programm zusammenstellen und wieder ändern, die Nachrichtenkanäle der TYPO abrufen und sich selbst auf der Twitterwall of Passion verewigen, sich zum Mittagessen verabreden und mitlesen, was andere Konfernzteilnehmer und Referenten von den Vorträgen halten.

Malte Christensen (@kopfbunt) kurz nach seinem Vortrag

Im Fall von David Carson und Studio Dumbar, war das nicht besonders viel. Carsons Vortrag habe ich selbst nicht gesehen, er hat aber mit den Bildern seiner ganz privaten Leidenschaften – Surfen und Frauen in Powerpoint präsentiert – mehrere hundert Leute aus dem anfangs randvollen Saal vertrieben, obwohl er mit dem Konzept seines Vortrags dem Konferenzthema näher war als manch anderer Redner. Ich bin ihm noch kurz vor Schluss der Konferenz begegnet, als er sich mit einer Gruppe von jungen Studentinnen fotografieren ließ. Es war bemerkenswert, das sich das Alter seiner Fans scheinbar genau entgegengesetzt zu seinem eigenen entwickelt.

Font Girls

Den finalen Vortrag performten Studio Dumbar, die ich gar nicht kannte. Hauptbestandteil der Dramaturgie war eine Reihe von Kurzinterviews mit Mitarbeitern des Studios zu verschiedenen Fragen z.B. über Essen, Trägheit und Tiere. Die Interviews wurden von Liza Enebeis (Typeradio) geführt. In fast bedrückender Atmosphäre, spielten sich die gesamten Sequenzen auf dem Gesicht einer Art menschlichen Wirts ab. Einem jungem Mann, der stillstehend, mit einer weißen Maske, die sprechenden Gesichter seiner Kollegen, von seinem ständig den Beamer justierenden Gegenüber, auf sein eigenes projeziert bekam. Ein  Tryptichon aus Leinwänden  zeigte gerenderte, animierte Skizzen und die Interviewfragen in Krakelschrift. #typo10 war sich einig: arty farty!, pretentious!, überflüssig! im Saal klatschten nur Wenige, die allerdings sehr bestimmt. Da ich das für exquisite Grafik vielfach ausgezeichnete Studio Dumbar aus Den Haag nicht kannte, war ich absolut unvoreingenommen. Weder fand ich die Performance langweilig, noch schlecht oder sinnentleert. Ich habe sie als Koketterie mit Kommunikation und Technik verstanden, mit 30 Minuten Dauer definitiv zu lang und innerhalb des Programms falsch platziert.

Mein Fazit: Die TYPO Berlin 2010 „Passion“ war eine lebendige, gutgelaunte Designveranstaltung, deren Programmverantwortliche den inhaltlichen Fokus im Hauptsaal, von der Typografie auf das gesamte Spektrum, das Kommunikationsdesign aktuell zu bieten hat, verlegt haben. Die drei Tage Dauerinspiration und Bildung waren sicherlich eines meiner Highlights in diesem Jahr. Emotional wurde die Konferenz zum größten Teil durch das Publikum getragen, es wurde überdurchschnittlich viel gelacht, in Szenen hinein applaudiert und vor Rührung geweint. Das vielversprechende Thema, war allenfalls eine Hilfslinie für das jährlich wechselnde Corporate Design der TYPO und ein durchaus wirksamer Stimmungsmacher bei Publikum und Sprechern.

Ab morgen gibt es hier bebilderte und bewegtbilderte Einzelbeiträge zu einigen Vorträgen bzw. Projekten im gewohnten TheJunction-Stil.

Fotos: © Julius Höhne

 

„Grund Sicherung“ – Designdiplom zum Thema Hartz IV


26.03.10

Der Anteil, der Empfänger von Arbeitslosengeld II in der deutschen Bevölkerung, beträgt im Januar 2010, 7,9 %. Allein in Berlin erhalten, mit einem Anteil von 16,7 %, momentan rund 570.000 Menschen Zuschüsse zum Lebensunterhalt, in Form von AlG II, Berlin hat rund 3,4 Millionen Einwohner. Die Debatten, Analysen und Studien schießen wie Pilze aus dem Boden. Das unbequeme und frustrierende Dauerthema beschäftigt Soziologen, Politiker, Gesellschaftskritiker – und Jakob Börner. Er hat dazu seine Diplomarbeit angefertigt, in Kommunikationsdesign.

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Die Portraits und Interieurs der Fotoserie „Grund Sicherung“ die der Hamburger fotografierte, zeigen Eltern, junge Menschen, gepflegte Fußböden, leuchtende Farben und ausschnitthaft festgehalten, offensichtlichen Mangel, zuweilen auch Stagnation. Die Kurzinterviews lassen Menschen vermuten, die so gar nicht in das Bild vom Hartz IV-Empfänger passen wollen, das gestützt durch Statistiken und Expertenkommentare, von Menschen entsteht, die auf staatliche Sicherung ihres Lebensunterhaltes angewiesen sind. Das hat einen Grund: die Serie ist nicht im statistischen Sinne repräsentativ, im Gegenteil sie ist subjektiv. Sie ist das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung eines Einzelnen mit der Veranschaulichung eines Abstraktums, das derzeit wieder in ratloser Munde, Einigen hier zu Wort kommenden, nicht über die Lippen will, Hartz IV. Der Fotograf erklärt seine Intention selbst in einem Gespräch. Er hätte nicht das Fremde, das Ausgrenzende festhalten wollen, sondern das Bekannte, das Gewohnte, etwas mit dem er sich selbst identifizieren könne. Er hat es gesucht, in den Menschen die er fotografiert hat, in den Geschichten, die sie über sich erzählen, und in dem, was ein zerknautschtes Bettlaken, der geblümte Duschvorhang und die Videotapesammlung zu verraten vermögen.

Aus der anfänglich geplanten Reportage über das Leben mit Hartz lV und Armut im weitesten Sinne, wurde eine Serie, Fotos und Interviews beinhaltend, die bereits in einer Printausgabe der Zeit erschien und noch bis kommenden Freitag in einer Ausstellung in Hamburg zu sehen, ist. In unserem Gespräch, hat mir Jakob Börner einige Hintergrundinformationen über den Entstehungsprozess dieser Fotos gegeben. Er erzählte vom Vermieter des Wohnhauses, in dem er zuerst die Möglichkeit hatte zu fotografieren, bevor er anfing bei Ämtern, Notunterkünften und Essenausgabestellen, Menschen anzusprechen. Die dürftigen Einzimmer-Appartments dieses Wohnhauses sind fast ausschließlich von Hartz lV-Empfängern bewohnt. Die Miete der Räume hat der Mann exakt an den zulässigen Miethöchstsatz angepasst. Er erzählte auch von einer, auf dem Foto, noch jung wirkenden Frau, Mieterin in diesem Haus, die mittlerweile verstorben sei, vermutlich an den Umständen ihres Lebenswandels. Von den meisten Beteiligten erfuhr Jakob Börner, das sie mittlerweile nicht mehr auf Hilfe durch Arbeitslosengeld II angewiesen sind. Die komplette Serie, bestehend aus Portraits, Interieurs und Interviews ist auf seiner Internetseite unter basic care zu sehen. Jakob Börners schriftliche Erläuterungen stehen im Folgenden in Auszügen unter den Fotos.

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„Zu dem Thema kam ich, als ich von einer Zeitschrift die Aufgabe bekam eine Fotoreportage zum Thema Hartz IV, Armut und Obdachlosigkeit anzufertigen. Ich begann mit einer klassischen Reportage. Das heißt, ich habe die Einrichtungen aufgesucht, die sich mit der Versorgung von Armen Menschen befassen, wie Obdachlosenheime, Essenausgabestellen oder die Busse die herumfahren und Essen an die Menschen verteilen aber auch die Orte an denen Obdachlose schlafen.“

„Wie bei allen Themen ist es für mich als Fotograf schwierig, mich zu überwinden um den Kontakt zu den Personen herzustellen. Ich fing die Serie in einem Wohnhaus an, in dem hauptsächlich Hartz IV Empfänger lebten. Da es dann meist typisch war, dass man sich erstmal unterhält, kam nach einiger Zeit die Idee, das Projekt zu erweitern und zuerst den besuchten Personen ein paar Fragen zu ihrer Meinung zu Hartz IV zu stellen und dann darauf folgend ein Portrait aufzunehmen. Die Interviews sind dabei sehr wichtig, da durch die Sprache der Personen ein noch persönlicherer Eindruck von der entsprechenden Person vermittelt werden kann, als es das Foto tut. Denn dort gibt es oft ja auch gar nichts besonderes zu sehen. Personen, die in ihren Wohnungen sitzen. Menschen, die auch alles andere machen könnten, bei denen man oft nicht darauf kommen würde, dass sie Hartz IV empfangen.“

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„So richtig habe ich nie Reportagefotografie betrieben. Ich fand es auch eher lästig, wenn ich in kurzer Zeit eine Reportage zu einem Thema anfertigte. Dies auch deshalb, da es schwierig ist in der Kürze der Zeit eine gute Reportage aufzunehmen. Reportagebfotos sollen von Geschehnissen berichten. Inhaltlich, lassen mich diese Bilder oft kalt, meist, weil sich ihre wohl komponierte Ästhetik wiederholt und abnutzt, zum anderen, da diese Fotografie zwar vielleicht schlimme Ereignisse zeigt, letztlich aber Außergewöhnliches, Ereignisse die fern von mir geschehen die mich nicht persönlich betreffen, die ich auch nicht mit eigner Erfahrung verknüpfen kann. Aber auch in mir fremden Dingen, lässt sich etwas finden, mit dem ich etwas anfangen kann, was mich und auch andere Unbeteiligte betrifft.“

„Jüngere Menschen aufzunehmen, war eine Möglichkeit die Gruppen von Personen einzuschränken. Da ich selber jünger bin, wählte ich Personen meines Alters. Dabei ging es mir wiederum um eine unterschiedliche Mischung. Diejenigen, die von Hartz IV voraussichtlich nur kurze Zeit betroffen sind sollten genauso gezeigt werden, wie Langzeitarbeitslose. Oft gab es bei meinen Besuchen bei den unterschiedlichen Personen Details, die ich interessant fand, auch, da sie einfach die vorgefundene Situation auf den Punkt brachten.“

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„Die Bedeutung der Interieurs liegt für mich eher bei dem was der Betrachter beim Ansehen der Bilder denkt oder spürt. Die Bilder entstanden meist intuitiv. Es geht es nicht um die sachliche Berichterstattung eines Reportagefotografen. Es geht um ein Puzzle aus vielen unterschiedlichen Personen, die hinter den Bildern stecken. Die Fotos sind vielmehr eine Zustandsbeschreibung der Lebensumstände.“

Alle Fotos:  © Jakob Börner

Zahlen von statista.de

Reaktion auf den Gastkommentar in der FAZ von Gunnar Heinsohn, Soziologe, Demograf, Ökonom und Autor (hier als Expertenkommentar bezeichnet)

Die Ausstellung Fotodiplome mit den Arbeiten von Jakob Börner läuft noch bis zum 02.04.2010 im Hamburger Gängeviertel, Valentinskamp 39, 20355 Hamburg

Der Freitag hats getwittert

 

Corporate Identity & Social Media – Eine Frage, Fünf Antworten


19.03.10

Hinter diesen Fenstern, die zum Rieter Areal in Konstanz am Bodensee gehören, findet am 26. März 2010,  bei möglicherweise nicht ganz so gemütlicher Beleuchtung der 1. Corporate Identity Gipfel statt. Bei dem eintägigen Bildungsevent geht es darum, aktuelle Tendenzen in der CI-Entwicklung aufzuspüren, den Wert einer Corporate Identity Strategie zu erfassen und die Wirtschaft dazu zu bringen, sich stärker mit dem Fachbereich Markenkommunikation auseinanderzusetzen. Der Begriff Corporate Identity im Zusammenhang mit zukunftsweisenden Tendenzen in der Markenkommunikation, rief hier in der Redaktion den Begriff Social Media auf den Plan. Eine Frage zum Thema war schnell formuliert und fünf Sprecher der Veranstaltung haben geantwortet. Unseren Herzlichen Dank an Ruedi Baur, Florian Dengler, Wally Olins, Andreas Rotzler und Evert Ypma!

Unsere Frage:

Wie wird Ihrer Meinung nach Social Media die Anforderungen
an Corporate-Identity-Entwickler verändern?

Social Media ist ein vergleichsweise junger Bereich eines Markenauftritts, der häufig noch vernachlässigt wird. Inwiefern ist Ihrer Meinung nach die Einbindung von beispielsweise Facebook und Twitter in eine gelungene Corporate Identity notwendig, wie verändert dies Ihre Arbeitsweise, oder generell die eines CI Entwicklers.

Die Antworten:


Ruedi Baur | Intégral Ruedi Baur

Zuerst möchte ich die Bezeichnung “Social Media” stark in Frage stellen. Auch wenn gewisse Aktivitäten die in Verbindung mit diesem Medium stehen, politische oder soziale Dimensionen haben können, sehe ich ihre Nähe zur Autonomität oder zu einer freien (liberalen) Dimension eher in ihrer ersten Phase. Sozial sind viele Medien leider nur in Ihrer erster Phase bevor Sie von der Neo-liberalen Gesellschaft kontrolliert werden. Im Moment der Einbeziehung der Strategien eines Corporates, das heisst der anonymen Mächte, in dieses Medium, werden diese sozialen Dimensionen sowieso schnell verschwinden. Die Frage für mich ist zur Zeit also eher wie man ein solches Medium vor Corporates schützen kann. Sonst werden wir es sowieso verlassen müssen oder es nur noch sehr vorsichtig benützen können. Ob ich das jetzt  so an meine Kunden weitergebe, obwohl von denen die meisten sowieso Un-corporates sind, stellt sich trotzdem an diesem Punkt als eine ethische Frage. Ich berate meinen Kunden nicht als Marke oder Institution in diese Medien zu gehen, sondern als Person, oder wenn möglich als Personen die in der Lage sind diese Nähe zu behalten, um das Anonyme und das Generelle zu vermeiden. Wenn ich Personen im Plural sage, tue ich das auch um die Diversität in diese Kommunikation einzubringen. Ich sehe in diesem Zusammenhang also keine Veränderung sondern eine Komplementarität, die nur interessant ist wenn sie die Möglichkeit der Nähe auch nutzt. Kann so etwas ein Corporate?

Florian Dengler | MetaDesign | Executive Creative Director

Rein technisch betrachtet sind Social Media ja erst mal nur ein weiterer Kanal wie Outdoor, Print oder TV,  von dem man wissen muss, ob und wie man ihn inhaltlich und visuell bespielt, ob online oder mobil.

Aus strategischer Perspektive verändern Social Media das Thema Markenentwicklung und -führung aber massiv.  Wurde der Auftritt einer Marke lange Zeit zentral von Unternehmensseite gesteuert, so ermöglichen Social Media allen Usern, z. B. Mitarbeitern, Kunden oder Kritikern sich zur Marke zu äußern, sie zu bewerten oder zu gestalten. Erfolgreiche Marken kennen und verstehen ihre „Nutzer“ und deren soziale Plattformen. Diese optimal zu unterstützen und gegenseitige Loyalität aufzubauen wird somit eine wichtige neue Anforderungen an die Markenführung.

Wally Olins | Chairman, Publicist, Professor, Co-founder

The entire media landscape is changing very rapidly.  As we all know, conventional media are losing their prime position to the new media.  The emergence of twitter, facebook and so on means that the difference between external communication and internal communication is beginning to disappear.  If you are an employee of a company and you use facebook or twitter to communicate, either with your customers or other people inside the company who you may or may not know, then this clearly affects the identity of the entire organisation.

What the emergence of social media means for corporate identity so that it is no longer something that comes from the company to the customer and its own staff but it is emerging mutual as a relationship in which each stakeholder influences the other.

Andreas Rotzler | Interbrand |Chief Creative Officer Central and Eastern Europe

Back to the roots. Das Geschwätz der Kunden wird wieder wichtig, wie damals in Ägypten.
Storytelling, die Story hinter der Marke, wird noch mehr an Gewicht gewinnen. Ist sie einfach, einleuchtend und geschäftsfördernd? Nimmt sie der virtuelle Stammtisch auf und spinnt die Geschichte weiter? Kann sie Trends und Trendumkehrungen überleben? Social Medias zwingen Markenentwickler back to the roots. Das Geschwätz der Kunden ist wieder wichtiges Gut. Das ist die grosse Herausforderung für die Branche, denn geschäftsrelevante Markengeschichten zu entwickeln ist um ein Vielfaches fundamentaler als visuell/verbale Strategien.

Evert Ypma | Design, Research, Strategy, Education

Innerhalb dieser Fragestellung ist es überhaupt fraglich ob man noch von ‘Markenauftritt’ im klassischen Sinne sprechen kann. Kann die Marke eines Unternehmens oder eines Konsumprodukts noch als ‘Besitz’ der rechtlichen Inhaber betrachtet werden, da doch die Marke von der Begnadigung der Marken-Konsumenten lebt?
Zum Beispiel hat Nike – kulturell betrachtet – nicht die Kontrolle über seine  Marke, weil die Subkulturen selbst die symbolischen Verständigungs- und Wertgebungsprozesse gestalten. Die Marke spielt darauf ein und nutzt dies im Guten und auch fragwürdigen Sinne. Anstatt ‘brand government’ wird branding zu ‘brand governance’ und ‘public diplomacy’. Das die social networks darin eine immer grössere Rolle spielen ist evident.

Momentan sind die social network am Wachsen trotz relativ beschränkter Funktionalität. Die Zahl und ‘Qualität’ der Mitglieder bestimmt momentan noch ihren Wert. Mit der Zeit wird sich die Funktionalität dieser Netzwerke ändern, mehr Zwecke und Nutzen werden mit einander verbunden. In den Niederlanden, wo eine hohe Internet-Affinität wahr zu nehmen ist, sehen wir schon das Twitter ein integrales Teil in den Verhandlungen während parlamentarischer Sitzungen durch Volksvertreter ist. Auch sehen wir das Publikum durch online Zeitungen parallel den Debatten folgen und sie kommentieren.

Aber auch internationale professionelle Netzwerk benutzen die social networks um ihr Wissen auszutauschen. Das Freischalten der Kontrolle fällt der Privatwirtschaft noch schwer, aber ist absehbar. Und die Aufgabe der Moderation ist erstens Neuland für Unternehmen, aber zweitens auch eine Kontraktion. Ein privates Unternehmen ist kein öffentliches Gefäss und in seinem Rahmen oft protektionistisch ausgerichtet.

Ich verstehe nicht genau was Sie mit einer ‘gelungenen’ Corporate Identity meinen?
…eine visuelle Repräsentationstrategie; ein Corporate Design (das Design der Organisation der unternehmerischen Entität; eine Unternehmungskultur , den Ausgangspunkten der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit folgend; oder eine Marke (brand) die man wieder unter mehreren Perspektiven betrachten und definieren kann (innen/ aussen; praktisch/ philosophisch; politisch;kulturell; ökonomisch)?

Erstens würde ich Klarheit stellen, und Marke, Corporate Identity als Prozesse der Identifikation bezeichnen. Die statischen, gefrorenen Metaphern die im Fachbereich gängig sind , u.a. durch modernistisches Designdenken (Machbarkeit) und wirtschaftlichen Vorhersehbarkeitsmodellen, würde ich gerne als funktionale-, normative und emotionale Identifikationsprozesse bezeichnen. Diese Trennung schafft konzeptionelle Klarheit. Die Kommunikation mittels der Designpallette, direkte und indirekte, sowie verbale und non-verbale Kommunikation spielen eine entscheidende Rolle in diesen Identifikationsprozessen, somit auch die Social Networks.

Momentan benutzten sie eher die (zukünftigen) Arbeitsgeber um ihre (neuen) Mitarbeiter zu kontrollieren. Die soziale Kontrolle verläuft im Moment einseitig. Social networks stellen den Manager und den Mitarbeiter ‘gleich’. Die Idee der ‘Exklusivität’ wird aber auch  in den social networks weitergeführt. Facebook ist eine Volksangelegenheit und für die Führenden in der Gesellschaft eine Möglichkeit eine ‘digitale Theke’ zu haben. Freischaffende und die sozial-kulturelle Elite, die ökonomische Mittel- und Oberklasse, im Kontext einer Wissengesellschaft, benutzen die Netzwerke um ihre Geschäfte voran zu bringen.

Ich mache mir grosse Sorgen um die unbeachtete Zweiteilung in der Gesellschaft. Diejenigen die sich an der negativen Seite, und diejenigen die an der positiven Seite der digital globalisierten Wissensgesellschaft befinden. Es ist so einfach wie Migration: Wenn westliche Menschen an nicht-westliche Orte  verreisen, heisst dies Tourismus. Wenn nicht-westliche Menschen zu westlichen Orte reisen, labeln wir sie als unerwünschte potentiale Migranten. Diese Paradox wird oft vergessen. Mit den social networks haben die Unternehmen auf globaler Ebene eine Chance, mehr Sinn für Realität mit unternehmerischer Praxis zusammen zu bringen. Also, social networks als ‘Maschine’ für permanente ‘Realitätskontrolle’.

Aber bevor es soweit ist, müssen die social networks erst interessanter werden und mehr sein als ein sehr veredelter Emailverteiler und ein maxi-message board.

Anmerkung der Redaktion: Die Bilder stellvertretend für Arbeiten der Sprecher sind mit den zugehörigen Kampagnen verlinkt (ausser Centre Pompidou).

 

Kreatives Gegengift für verstaubte Fassaden


02.03.10

Mentalgassi ist eingefleischten TheJunction-Lesern natürlich ein Begriff. Im Mai letzten Jahres berichteten wir über die Berliner Streetart-Künstler, die deutsche Großstädte mit Fotoplakaten verschönern und dabei heimlich Straßenschildern, Recyclingcontainern und Fahrkartenautomaten ein Gesicht verleihen. Hier ein paar Einblicke in die kreativen Köpfe sowie noch mehr Arbeiten der talentierten Straßenkunstakteure:

Im Rahmen der Berliner Fashion Week versammelten sich ab dem 21. Januar dieses Jahres Designinteressierte, Kunstliebhaber und Kunstschaffende, so auch die Jungs von Mentalgassi, zwischen Backsteinfundament und Holzbalken zum kreativ interaktiven Aufeinandertreffen und Feiern, initiiert von Converse in Kooperation mit dem Lodown Magazin. Die kahlen, bröckeligen Wände eines entkernten Berliner Altbaus wurden während der siebentägigen Veranstaltungsreihe mit dem interaktiven Motto ,,You´re here“ zu kreativen Luftschlössern verwandelt. Aus einer Portion Farbe, künstlerischem Mut und Ideenreichtum entstanden Wandillustrationen, wie beispielsweise die des Kölner Künstlers HerrSchulze, der mit einem überdimensionalen Malen nach Zahlen Berlinbild zum Mitmachen anregte und kreativ versierten Menschen, sowie solchen, die davon noch nichts wussten, die Angst vor dem weißen Blatt der weißen Wand nahm und dem ein oder anderen Sternstunden im Bereich schöpferische Selbstverwirklichung verschaffte. Wie ein kreatives Kontrastmittel wirkte das bunte, lebendige Wandbild im Gegensatz zur Umgebung aus Verfall und alter Fassade und regte zu neuem Schaffen an.

Am Ende des siebentägigen Events durfte zusammen mit dem Broken Hearts Club und Bodi Bill frei nach dem Motto ,,Tear Down“ noch mal ordentlich gefeiert, geschmiert oder gemalt werden. Anschließend verabschiedete sich die interaktive Partyreihe nach London, Paris und Mailand. Die kreativen Ergüsse der jeweiligen lokalen Künstler und weiterer noch unbekannter, aber talentierter Kreativer kann man übrigens auch online bestaunen. Eine Reihe von Kurzfilmen, wie der von mentalgassi, zeigt die individuellen Inspirationen, die gestalterischen Prozesse der jungen Schaffenden, macht deutlich, was Kreative verschiedener Nationalitäten, unterschiedlicher Kontinente prägt. In naher Zukunft soll hier ein inspirierendes Künstlernetzwerk für kreative Köpfe der ganzen Welt entstehen, das die Lokalkünstler, die vorgestellten jungen Artists, Talente von bildender bis darstellender Kunst schöpferisch vereint – es bleibt spannend.

Converse

 

Prädikat Zukunft – Die transmediale.10


07.02.10

Den Helm mit rosa Atemflüssigkeit gefüllt, taucht Virgil Brigman hinab in die Meerestiefen des Kaimangrabens, in eine beklemmende Dunkelheit, in der das nukleare Verderben tickt, von Menschenhand erschaffen. Seine Mission ist eine Reise ohne Rückfahrkarte, seine Vision eine Welt in Frieden oder wenigstens, die Rettung seiner Besatzung und der freundlichen Wesen, die ihnen dort unten ständig begegnen. Das fluoreszierende Licht im Dunkel, die immaterielle Anwesenheit von Energie, die friedliche Stille, die ihn nach 139 Minuten Filmdauer, auf leuchtenden Schwingen in eine Zukunft mit Happy End rettet, haben mich damals fasziniert und The Abyss, ein Science Fiction Film, der das sonst genretypische Zukunftsszenario, mit einer fast ebenso unbekannten Tiefseeumgebung ersetzt, hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt.

Letzte Woche im Haus der Kulturen der Welt: frei von fiktionalem Pathos und doch ergreifend – hier rosa Flüssigkeit in Rundkolben, dort tiefste Dunkelheit, fluoreszierendes Licht, elektrizitätsschwangere Luft und jede Menge Stille, unterbrochen von einem immer wiederkehrenden Ton. Um die Ecke ein voller Kinosaal, alle paar Minuten ein cineastisch unterschiedlich umgesetztes Leitthema und ein paar Türen weiter, eine Wand in einem großen, dunklen, leeren Raum, über Tage hinweg dieselbe analoge Installation zeigend: horizontal aufgespannte Videobänder, vor weißem Licht ventilierend.

Die Übersichtlichkeit des Foyers entließ die Besucher in Räume, in denen dekorativer Kabelsalat, flimmernde Monitore und eine zwanglose Sitzordnung, die produktive Atmosphäre bestimmten. Computerkunst-Pionier und Ars Electronica Linz Gründer Herbert W. Franke referierte einleitend über alte visuelle und werteabhängige Vorstellungen von Zukunft, während die junge Redakteurin eines Internetfernsehsenders ihr mitgebrachtes Frühstück verzerrt und sich wirklich niemand daran störte.

In diesem Jahr bilanzierte die transmediale ehemalige Vorstellungen vom Jahr 2010, Welches lange als Inbegriff für Zukunft galt. Darüber hinaus, schuf sie ein multidisziplinäres Forum, das sich den tatsächlichen Entwicklungen annahm. Ein Themenschwerpunkt widmete sich Kreativität und Kultur als wirtschaftlich relevanten Faktor. Mit Workshops und Vorträgen wurde vermittelt und erörtert, wie man dieses Potential organisiert und dauerhaft tragfähig macht. Die Sprecherlisten der Konferenz Future Observatory waren lang, der Zeitstrahl für einen einzelnen Programmpunkt ging manchmal über die Horizontale einer ganzen Programmheftseite, man musste Zeit mitbringen und wirkliches Interesse. Künstler, Wissenschaftler, Philosophen, Pioniere, Designer und Medienaktivisten aus aller Welt, trafen in der Futurity Long Conversation aufeinande um vor einem internationalen – und das ist keine Floskel, die Sprache die ich am meisten gehört habe, war gebrochenes Englisch – Publikum ihren heutigen Blick auf die vergangenen und gegenwärtigen Zukünfte zu diskutieren.

Eingetaucht in Stille und Dunkelheit das Herzstück des Festivals – die Ausstellung Future Obscura – zugegeben, mein Staunen stellte sich erst ein, als ich das Konzept hinter den Exponaten ansatzweise begriffen hatte. Anfangs befremdet vom Geruch nach Strom und warmen Metall, musste ich mir auch hier Zeit nehmen um mich auf die Interaktion mit ihnen einzulassen. Wie bizarre Tiefseelebewesen bedurften viele der Ausstellungsstücke der Dunkelheit um ihre visuelle Wirkung zu entfalten und ihre Funktion übernehmen zu können.

Das heutige Verständnis von Arbeit wurde analog als traditionelle Biete-Suche-Tafel veranschaulicht als Teil des Future Exchange,  beherbergt von einem mehrkammerigen Konstrukt, spartanisch in mausgrau gestrichen und realisiert vom Architektenteam Raumlabor. Hier wurde Google zum Trotz, an alternativen Suchmaschinen geschraubt, kleine Robotoren entstanden aus Erdnuss und -Mischgemüsedosen wie nebenbei. Fair Trade innerhalb sozialer Netzwerke betrieben, wurde bei einer  Tasse Tee mit Kardamom, gebrüht auf der Heizfläche eines Bügeleisens, im Feral Trade Cafe erklärt, während man, verborgen hinter den umfunktionierten Türen, einem Tausendjährigen Stück lauschen konnte. Über den gesamten Festivalzeitraum hinweg, fanden hier Workshops statt.

Unsere Zukunft ist eine unvermeidbare Mission ohne Rückfahrkarte. die transmediale hat in diesem Jahr dazu eingeladen, sich ernsthaft und auf hohem Niveau mit vergangenen Visionen und entstandenen Tatsächlichkeiten auseinanderzusetzen, auf deren Grundlage unsere Zukunft entsteht. Mein Fazit: Hingabe und Zeit, sowie ein spezielles Interesse an  Technik, moderner Ethik und neuen Strukturen hinsichtlich kultureller Organisation, sind das Pfand, welches man einzahlt um aus den Vorlesungen, Gesprächen und Workshops Nutzen zu ziehen. Die gesamte visuelle Aufbereitung des Festivalthemas allerdings,  ist  sehr empfehlenswert für Kenner wie Nichtkenner. Definitiv ist man auf der transmediale um zu sehen, nicht um gesehen zu werden, Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Bis heute Abend um 23:00 läuft das Festival noch im HKW-Mutterschiff, die Ausstellung Future Obscura wird bis zum 09.02.2010 verlängert, die Einnahmen der beiden Tage, kommen den Erdbebenopfern in Haiiti zugute. Die Satelliten die das Festival begleiten, laufen noch unterschiedlich lange bis Ende Februar.

Mitgestaunt und wieder hervorragend fotografiert hat Julius Höhne. Herzlichen Dank!

Fotos: © Julius Höhne

 

Orientation in Thinking – DLD Session „map your future“


26.01.10

Das letzte Panel „Maps for the 21st Century“ des gestrigen Tages auf dem DLD (Digital, Life, Design Kongress) drehte sich um Orte, Daten und ihre Visualisierung in einem künstlerischen und wissenschaftlichen Kontext. Somit hob sich diese Session etwas von den anderen Panels ab, die sich unter Anderem den Themen Marken und Märkte, Content (im Sinne von journalistischen und informativen Inhalten im Internet),  Daten und Identität in sozialen Netwerken widmeten. Das Panel mit dem Slogan „Map Your Future“ basierte auf einer Projektinitiative des Schweizer Kunstkritikers, Kurators und Galeristen Hans Ulrich Obrist, der international bekannte Künstler dazu aufgerufen hat ihre Vorstellungen von Ort mit den Möglichkeiten der digitalen Techniken in Postern zu verarbeiten. Die Vorstellung Ort wurde dann auch vielfältig interpretiert. Die Videokünstlerin Rosa Barda geht in ihrer Arbeit von Fakten aus, die sie fiktiv weiterentwickelt. Für das Projekt beschäftigte sie sich mit Inseln, die ihre geografische Lage verändern und damit einen Teil ihrer Identität einbüßen. Sie hat zu diesm Fakt Spezialisten interviewt, die nach Maßnahmen gegen diesen Zustand forschen und diese in Videos dokumentiert.

der Mediziner Josef Penninger, erforscht die Ursachen von Krankheiten wie Adipositas, Arthritis und Osteoporose. Er hat eine funktionale Landkarte der genetischen Welt entworfen.

Aaron Koblin nutzt soziale Daten wie Flugverkehr und Kommunikationsverkehr für digitale Visualisierungen, die eine Schnittstelle von Kunst und Information schaffen.

Der Filmemacher Alexander Kluge referierte über die Subjektivität von geografischen Daten anhand eines kurzen geschichtlichen Abrisses der geografischen Kartografie. Seine Herleitung zeigte die starken Veränderungen auf der Weltkarte, die grundsätzlich Folge von Expansion, Kolonisation und der Verschiebung von politischen Machtverhältnissen seien. Für ihn existiert keine objektive Verortung anhand von Landkarten. Er sagte, alles was man brauche um einen Ort zu finden, sei ein funktionierendes GPS-Gerät. Er lenkte das Augenmerk auf uns Menschen, die er metaphorisch als wandelnde Landkarten ihres eigenen Lebens bezeichnete.

Der Designer und Stamen-Gründer Eric Rodenbeck zeigte Karten, die Kriminalität in San Fransisco verorten.

Die diesjährige DLD Konfernz geht heute in die dritte und letzte Runde, man kann sie über einen Live Blog verfolgen. Der Twitter hashtag #dld10, ist für Hintergrundinformationen und Livekommentare der Teilnehmer empfehlenswert. Reuters Livestream überträgt die Keynotes live.

Hintergrundinformationen zum Projekt und die Künstler

 

Marilynized Monsters – Jesse Lenz’ unfreiwillige Verharmlosung


12.01.10

Jesse Lenz bestückt Ex-Diktatoren von ultralinks bis ultrarechts, Phantasiemonster und andere Geißeln der Menschheit, mit warholschen Marilyn-Monroe-Attributen. Er legt amerikanischen Politikern der Gegenwart das gleiche Make-up an wie ihren Ehefrauen und Erzfeinden. Er schmeisst alle in einen Topf. Denn, auf alle diese Monster wendet er eine These an, die Lüge der gesellschaftlichen und medialen Popularisierung, die aus Mördern Kultfiguren mache. Als Audrucksmittel bedient er die prägnanten Erkennungsmerkmale, des zur Ikone der Pop-Art-Bewegung gewordenen Siebdruckgemäldes von Andy Warhol, seinerzeit kritisch brisant, heute in den Mainstream verbannt. Es würde genau das repräsentieren, was er an der popkulturellen Etablierung von Massenmördern so scharf kritisiert, eine grelle, Glück und Party-Nonstop suggerierende Maske, die dunklsten Abgründe deckelnd.

Meiner Meinung nach, macht er einen Fehler, er gibt nicht die tatsächlichen Ziele seiner Kritik, also Medien und einen undifferenziert konsumierenden Teil der Gesellschaft, der Lächerlichkeit preis, sondern diejenigen, die bewusst und unbewusst popularisiert werden, die Bösewichte der Weltgeschichte. Zumal sich schon jeder Dritte über die, dem Konzept sehr ähnlichen, Yearbook yourself Anwendung zum Deppen der vergangenen Jahrzehnte gemacht hat. Meine These: Lächerlichkeit verharmlost! Schwammig wird es, wenn man sich nicht mehr traut, beispielsweise Grausamkeit mit einer adäquaten Entsprechung visuell aufzuzeigen, und damit einen wahrgenommenen fehlgeleiteten Personenkult zu hinterfragen, vielleicht weil man Angst hat ein Gähnen zu provozieren, oder nicht angestrengt agitatorisch wirken möchte. Auch wenn Lenz mit seiner Interpretation des Warhol Gemäldes, dem er eine, wie er sagt, weitgehend unbekannt gebliebene Medienkritik zuspricht, eine Verurteilung der Verklärung und Ikonisierung dieser Personen anstrebt, popularisiert er sie eigenhändig, in dem er ihren Lach- und Tragewert als T-Shirt erhöht. Da beisst sich die Katze in den Schwanz und seine lange, meinetwegen auch gut hergeleitete Erklärung, liest der ein oder andere vielleicht gar nicht. Visuelle Kommunikation muss selbsterklärend sein, gutgemacht bedarf sie keiner verbalen Decodierung mehr. Von mir gibt es an dieser Stelle nur den erhobenen Zeigefinger. Zu den besprochenen Inhalten geht es über den Link oben.

yeeknew.com

 

„Can you tell me more…?“


09.11.09

I hardly publish articles written in English, actually I never do if I dont have to. German is my mother tongue and I feel somehow uncomfortable when writing English. Today is a special occasion — as we all know — and another special one as I introduce a letter, written by my dear friend, who was asked by another friend, a English speaking one, to tell him more about the German reunification 20 years ago. Thats why the letter is in English and so I am able to invite also non-German speakers to read this article. When I read the letter for the first time I was very touched and I was not the only one who asked oneself if this piece doesn’t deserve a broader audience. So I decided to ask her to give me permission to publish it here, even though I knew that I will have this long, long interview yesterday and this blog has a strong visual approach. But a blog is always about sharing. So why not share some personal expierience and give it some lines more…

The thing with this letter is, that it is written from the west side of the inner German boarder, and I guess this should be an interesting addition to the article yesterday…

A letter to a foreign fellow trying to explain my feelings about fall 1989 in Germany

»Can you tell me more about 3.10.?«

This year we celebrate the 20th anniversary of the Berlin wall having come down, which took place on 9th of November 1989. But the government decided some 18 years ago or so to make the 3rd of October the official memorial date, where the legal and monetary reunion took place in 1990 (so actually only 19 years ago).

Thinking about that time still moves me to tears, like yesterday when I passed a sign/memorial on the street on Potsdamer Platz. Also at the moment there are a lot of interviews, clips and original audio-pieces broadcasted on the radio and I am totally cought by that – every year again.
For example a few days ago it was the 20th anniversary of a special occasion in the Prague embassy of Germany where more than 700 refugees were seeking shelter. After more than ten days crumbed together in the garden of the embassy they were allowed to travel to the West. There is a famous audio piece by Genscher, the minister of foreign affairs back then, going something like: “I came to tell you, that today your depart…” and nothing more than incredible screaming was to be heard. Everytime I hear that, and even when I write about that now, I get goose flesh.

It may sound stupid, because especially younger folks don’t quite share my strong feelings about that occasion. But I am old enough to have a clear memory of these days back 20 years ago.
Growing up right at the border in the west – you probably have heard of “Fulda gap”? – where every guest was taken to the border strip, and everybody had relatives in the east, sometimes just few km apart, but unfortunately on the other side. My father is from Berlin, so our family used to travel at least once a year on this long and exhausting journey through the former east by car, waiting for hours on the border, every cm of the car got searched through. I remember sending parcels to the eastern relatives with the classic west stuff – coffee and chocolate – every now and then.

Since the embassy thing in September ’89 it was clear, that there was a change going on, but it still was a big surprise when suddenly on the 9th of November we were able to watch the wall coming down on television – that was a very emotional moment for us eastern Westgermans.

And then suddenly they all came over. We already got a lot of refugees since summer 1989 but then from 10th of November on Fulda was INVADED by Thuringians and Saxonians, being one of the nearest cities.
They all came to pick up their 100 DM “Begrüßungsgeld” (welcoming money), queueing for ages in the freezing cold, with babies and elderly (EVERYbody got 100 DM, y’know)
The city council couldn’t quite cope, so they asked in our nearby school (where I was aged 16) for volunteers to help. So I found myself taking care of the Eastgermans for more than a week providing tea, soup and babyfood.

After some occasional visits I made my first serious steps direction east in 1991 to Weimar to join some fellow architecture students there and from 1993 on studying visual communication at the Bauhaus-University. I ended up living there almost 13 years (with some breaks inbetween in Berlin, The Netherlands and Hamburg).
If I am asked where my hometown is, I tend to say Weimar instead of Fulda because I lived there for the most important part in my life and met most of my best friends there.
And that all would never have been possible without the German reunion. My profession and life would be completely different I guess.

This is, in short, the story of my great emotional involvement with the German reunification. I wish more people would remember these days – and the years (and conditions) before theses days in autumn of 1989.
When I moved far west to Rhineland (Düsseldorf, Cologne area) I was shocked, that most of the people I met there have never ever been in the eastern part of Germany. After all these years! And unfortunately meanwhile a lot of eastern Germans tend to speak about the GDR times as “not all too bad” which is absolutely rubbish. It was a bad, criminal, repressive system. Let us not forget.

 

„Der Langhaarige darf fotografieren!“ — Harald Hauswald im Interview


08.11.09

Am 8. November 1989, heute vor 20 Jahren, führte der längst überfällige Protest der DDR-Bevölkerung, die Ausreise von Hunderttausenden über Ungarn und Prag und eine abgewrackte Wirtschaft zum Rücktritt der Regierung. Einen Tag später fällt die Berliner Mauer, 40 Jahre DDR-Diktatur sind de facto vorbei.

Harald Hauswald — Fotograf, Zeitzeuge und Mitbegründer einer der bekanntesten Fotografenagenturen in Deutschland, Ostkreuz — behauptet, die Mauer wäre schon vor ihrem Aufbau gefallen. In einem Interview, das genau genommen ein 1 1/2 stündiges Gespräch war, erzählte mir der Erschaffer unverwechselbarer Fotografien, aus seinem Leben in der DDR, von der Künstlerszene im Prenzlauer Berg und dem einzigen Refugium für Dissidenten das es in der DDR gab, den kirchlichen Einrichtungen. Er erzählte von seiner Arbeit als Fotograf unter doktrinären Umständen und den Repressalien denen er dadurch ausgesetzt war, verschweigt auch nicht mit welchen Mitteln er die Bespitzelungen der Stasi parierte.

Kürzlich im Jaron-Verlag erschienen ist Auferstanden aus Ruinen, eine fotografische Zeitreise und Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellungsreihe, die das 40-jährige Schaffen des Ausnahmefotografen an 20 renomierten deutschen Ausstellungsorten zeigt.  Eine Auswahl aktueller Ausstellungen von Harald Hauswald findet ihr hier.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Telegrammbote, Punk und Tangotänzer

TheJunction: In einigen Rezensionen ihrer fotografischen Arbeit aus der DDR, ist häufig von Distanz die Rede. Wie distanziert waren sie gegenüber ihren Motiven und dem Leben im Arbeiter- und Bauernstaat wirklich?
Harald Hauswald:
Ich denke ich war schon ziemlich nah dran an den Bildern. ein Freund hat mal über mich in einem Vorwort zu einem Buch geschrieben: „Wenn er Tangotänzer fotografiert hat, ist er zum Tangotänzer geworden und wenn er Punks fotografiert hat ist er zum Punk geworden.“ Ich hab schon immer versucht ziemlich nah an die Leute heranzukommen, deshalb auch meistens Weitwinkel, selten Teleobjektiv. Mit dieser Nähe zum Motiv musste man sich auch outen als Fotograf so ein zwei Meter vom Motiv weg. Ich denke nicht das ich innerlich distanziert war, meine Distanz bestand zur herrschenden Macht.
TheJ:
Deren Ausführer und opulente Machtdemonstrationen sie aber gar nicht fotografiert haben, sie haben unten fotografiert.
HH: Genau,ich hab mich eingesperrt gefühlt in der DDR, ich hab Druck von aussen gespürt und deswegen ist der Gegendruck von innen gekommen. Die Fotografie war meine Möglichkeit, wenigstens meinen Kopf von dem Gefühl des Eingesperrtseins zu befreien.

TheJ: War dieses Eingesperrtsein auch ihre Intention, direkt von der Straße, ins Leben hinein zu fotografieren?
HH: Nein, nicht nur, schließlich habe ich diesen Beruf erlernt. Als ich damals nach Berlin gekommen bin, habe ich erstmal als Telegrammbote angefangen. Damals wurden die E-Mails noch ausgedruckt und zu den Leuten nach Hause gebracht. Dabei habe ich natürlich das pure Leben gesehen, auf der Straße. Wir waren bis zu vier Stunden täglich zu Fuß unterwegs, wir sind durch den ganzen Prenzlauer Berg gelaufen. So haben viele angefangen. Schriftsteller und Maler die ich kenne, haben alle als Telegrammbote gearbeitet, weil man in der DDR das Recht, aber auch die Pflicht hatte zu arbeiten, und wenn man nicht gearbeitet hat, konnte man ganz schnell als kriminell eingestuft werden. Ich kenne einige die im Knast waren wegen Asozialität. Der Vorteil dieser Arbeit war, man bekam als Telegrammbote keinen Arbeitsvertrag, sondern hat auf Stundenbasis gearbeitet. Wenn ich irgendwas als Fotograf gefunden hätte,  hätte ich sofort irgendwo anfangen können.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Wegen der Liebe

TheJ: Sie sind in Radebeul bei Dresden geboren und aufgewachsen. Warum sind sie nach Berlin gezogen und nicht in Radebeul geblieben?
HH:
Über Nacht, durch eine Frau. Sie war Berlinerin und wir haben ein halbes Jahr in Radebeul gelebt, bis sie den Kleinstadtmief nicht mehr ausgehalten hat und mich vor die Wahl gestellt hat, entweder Berlin oder wir müssen uns trennen. Dann haben wir uns in den Zug gesetzt und sind nach Berlin gefahren.
TheJ: Das ist im Prinzip eine Geschichte die auch heute geschrieben werden könnte. Berlin als Zufluchtsort vor Kleinstädterei und Spielwiese für Kreativität.
HH: Ja, Berlin war die westlichste Stadt im Osten und am wenigstens kontrollierbar.
TheJ: Obwohl Berlin vermauert war und  geografisch eine der östlichsten Städte Deutschlands ist?
HH: Ja, trotzdem! Die Szene ist meiner Meinung nach entstanden, weil Prenzlauer Berg der dichtbesiedelste Bezirk war. Hier haben mal 185.000 Einwohner gelebt. Einige Bezirke wurden aus Prestigegründen mehr saniert, z.B. Pankow als Sitz vieler Botschaften oder Mitte wegen der Touristen. Den Prenzlauer Berg hat man vernachlässigt, überall noch Kriegsschäden und Baulücken. Deshalb war die kommunale Wohnungsverwaltung froh, wenn noch die letzte Bruchbude vermietet wurde, damit die Häuser nicht ganz verwahrlosen. Die Leute haben dann ja wenigstens gemalert…
TheJ: …oder Baumaterial geklaut um die Wohnung auszubauen.
HH: Ja, das habe ich auch gemacht. Jedenfalls sind fast alle Leute die von außerhalb zugezogen sind, automatisch im Prenzlauer Berg aufgeschlagen. Es gab damals nur 3-4 interessante Kneipen und die Leute die aktiver am Nachtleben beiteiligt waren, haben sich dort getroffen, irgendwann kannte man sich dann.
TheJ: Und dort hat sich dann auch die Ost-Berliner Künstlerszene getroffen?
HH: Absolut! Da hat man auch die Leute getroffen die anders gedacht haben.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Andersdenkende erwünscht

TheJ: War dieses Andersdenken, die globale Verbindung die man mit diesen Menschen hatte?
HH: Das war die Sehnsucht nach der Globalität. Wir haben unter einer Käseglocke gelebt, der Rest der Welt war für uns unerreichbar. Es gab immer eine Jugendbewegung die anders war, in den 60gern fing das mit der Beatmusik an, in den 70gern waren es die Tramper, in den 80gern die Punks und dann die Hooligans. Es gab immer irgendwelche Gruppierungen die dann natürlich auch von der Stasi beäugt wurden, ausgiebig.

TheJ: Wurde irgendwann einmal zu DDR Zeiten ihre Arbeit als Fotograf gewürdigt, und abgesehen von Bespitzelungen, überhaupt wahrgenommen?
HH:
Nur von der kirchlichen Seite. Die Kirche war wie ein Refugium für Dissidenten, überall wo es kirchliche Einrichtungen gab, fand man auch Leute die anders waren. Bei Zittau gibt es das Melzerheim die waren irgendwann soweit, das die ganzen Mitarbeiter der kirchlichen Einrichtung, sich nach und nach die Häuser im Dorf gekauft haben und eine Petition an Honecker schreiben wollten, um ihr Gebiet als autonom zu erklären.
Ich hatte damals einige Aufträge von der Kirchenzeitung und  ca. 50 Ausstellungen aber nur in Jugendclubs, kirchlichen Räumen und Privaträumen. Ab ’87/’88 gab es eine kleine Öffnung. Einige Redakteure  haben dann die Zensur nicht mehr so streng mitgemacht. Ich hattte dann sogar Veröffentlichungen vom Sonntag, dem jetztigen Freitag und wurde sogar noch im Herbst ’89 in den Künstlerverband der DDR aufgenommen.
TheJ: Geschah die Aufnahme Pre- oder Postwende? Herbst ’89 sagt ja nichts über die politische Situation Ostdeutschlands aus.
HH: Das war im September. ich hatte eigentlich eine Sperre von der Stasi für den Künstlerverband, die 1984 oder 1985 verhängt wurde.Es hieß auf einem Din A4-Blatt mit rotem Filzstift: „Den Fotografen Harald Hauswald auf keinen Fall in den Künstlerverband aufnehmen“. Die letztendliche Aufnahme lief dann an den Vorständen des Verbandes vorbei. Die Aufnahmearbeit war eine Tanzserie die in den interessanten Clubs entstand die in Ostberlin immer überfüllt waren, Knaack und Franz.

© Harald Hauswald

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TheJ: Apropos Tanzen bzw. Feiern, das war schon ein großer Bestandteil ihrer Fotografie der DDR-Ära, Feiern, angefangen vom einfachen Versammeln, Tanzen, bis hin zu Bildern von völlig Besoffenen.
HH: Das war die Möglichkeit wo man am besten fotografieren konnte, z.B. auf den zahlreichen Mottofesten. Man fiel nicht auf, man konnte sich relativ frei bewegen und unbehelligt fotogtafieren. Aber ohne Kontakte zu den Veranstaltern und Gästen, lief nichts, jeder der Freiraum bot und wollte, versuchte sich vor der Stasibeobachtung zu schützen. Als Fotograf stand man immer unter dem Verdacht von der Stasi zu sein. Die Punks haben später mal gesagt: „Wenn der mit den langen Haaren kommt, der darf fotografieren.“

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Von Mund zu Mund

TheJ: Wollte sich alles was mit Freiräumen zu tun hatte, vom Staat distanzieren?
HH: Prinzipiell schuf nur die Kirche diese Art von Freiräumen. Angefangen von offener Jugendarbeit über Proberäume für Punkbands bis hin zu Ausstellungen von Kunst die auf dem staatlichen Index stand. Für das Buch Ost-Berlin, das 1987 zusammen mit Lutz Rathenow entstand, und dessen Ostberlin-Premiere in der Gezemanehkirche mit einer Ausstellung gefeiert werden sollte. Die Reaktionen der Staatsorgane darauf waren verwunderlich.
Am Morgen der Eröffnung war Lutz in der Kirche, als der Politoffizier vom Stadtbezirk da war, um die Ausstellung abzuhängen. Rathenows Reaktion darauf: „Das ist ja prima, die ARD kommt gleich und dann ist das spätestens heute Abend in den Tagesthemen, einen besseren Gefallen können sie uns doch gar nicht tun.“  Nach 10 Minuten kam der Offizier wieder und meinete zähneknirschend „Die kann hängen bleiben“. Trotzdem wir keinen einzigen Pressehinweis auf die Ausstellung hatten, kamen rund 800 Menschen.
TheJ: Wie hat sich das verbreitet?
HH: Einfach nur von Mund zu Mund.

© Harald Hauswald

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Ost-Berlin gab es nicht

TheJ: Ich möchte näher auf das Buch „Ost-Berlin“ eingehen. Soweit ich weiss, stand das Buch auf dem Index der DDR und ist nur in der BRD erschienen.
HH: Wir haben es in der DDR gar nicht erst eingereicht. Es ist in der BRD gedruckt worden.
Lutz Rathenow hatte nach West-Berlin schon Kontakte. Berlin war ja der Sonderfall, hier waren schätzungsweise 14 Journalisten aus dem Westen akkreditiert, die hier auch gelebt haben. Die haben unser Material immer hin und her geschafft, die hatten eine Grenzempfehlung und sind nicht kontrolliert worden. Die durften Arbeitsmaterial unkontrolliert ein- und ausführen. Über die hatte ich schon vorher erste Veröffentlichungen in der taz und in der Litfaß, deshalb ging auch der Ärger mit der Stasi los.
TheJ: Wie kam es überhaupt zur Entstehung des Buches?
HH: 1987 war die Berliner 750-Jahrfeier und wir hatten eine Menge Material beisammen, also wollten wir was draus machen. Der Lektor vom Piper-Verlag war sofort dafür, es wurden 3000/4000 Stück gedruckt und die waren innerhalb eines Jahres vergriffen. In der DDR wurde es fotokopiert weitergereicht.
TheJ: Das Buch war in der DDR also nie im Buchladen zu kaufen?
HH: Nein, das wäre schon allein wegen des Titels nicht gegangen. Ost-Berlin, das hieß „die Hauptstadt der DDR“. Ost-Berlin wurde nie gesagt, die haben zwar von West-Berlin gesprochen, aber nie von Ost- Berlin. Kurt Hager hat wegen des Buchs sogar einen Brief an Erich Mielke geschrieben.
Auf der Leipziger Messe wurde es jeden Tag vom Zoll beschlagnahmt und Lutz hat es immer wieder ins Regal zurückgestellt. Sonst haben die DDR-Bürger immer die Westbücher geklaut und dieses Buch wurde von einem DDR-Bürger immer wieder reingestellt. Rathenow hat sich sein gesamtes Honorar in Büchern auszahlen lassen, um die in Umlauf zu bringen.

© Harald Hauswald

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Nicht im Sinne der DDR

TheJ: Haben sie auch schon zu Ostzeiten für westdeutsche Medien gearbeitet?
HH: Ich hab einige Sachen für den Stern und die Geo gemacht.
TheJ: Um was ging es in diesen Reportagen?
HH: 1986 gab es ein Berlin-Special für die 750-Jahrfeier. Dafür habe ich zwei Sachen gemacht einmal über Berlin die Stadt und eine Szene-Reportage. Dafür hatte ich direkt einen Auftrag. Später hatte ich noch eine Reportage über die Zionskirche gemacht, die war bekannt durch den Überfall der Skins 1987.
TheJ: Wie ist das mit der Bezahlung gelaufen?
HH: Das ist ein interessanter Aspekt, denn die Stasi hat in West-Berlin recherchiert, ob ich da ein Konto habe. Das die auf die Banken in West-Berlin Zugriff hatten, hatte ich nicht vermutet. Ein Westberliner Freund hatte in München über seine Mutter ein Konto für mich eingerichtet. Er hat mir dann immer mal wieder Geld mitgebracht oder dafür Ausrüstung gekauft.
TheJ: Das Honorar konnte also nicht direkt an sie überwiesen werden?
HH: Um Gottes willen, ich hätte ja zugegeben das ich mich strafbar gemacht hab. Ein klarer Fall von Devisenvergehen.
TheJ: War es per se verboten für den Westen zu arbeiten?
HH: Ja!
TheJ: Die Stasi hatte doch sicher Zugriff auf die Zeitungen?
HH: Nach der Geo-Geschichte wurde mir der Benutzerausweis für die Fotoentwicklungsstelle beim Berliner Verlag, die grundsätzlich für Honecker-Fotografien Westequipment von Kodak benutzte, entzogen, mit der Begründung ich wäre nicht im Sinne der DDR tätig.
TheJ: Die Kontakte zum Westen waren also immer da?
HH: Überlebenswichtig! Für mich waren sie deswegen wichtig, da die Presseaufmerksamkeit aus der BRD mich vor Inhaftierung schützte, wenn ich Vernehmungen zugeführt wurde. Das wäre sofort im Rias gekommen. Da die DDR aber um internationale Anerkennung bemüht war, und das Inhaftieren eines Fotografen absolutes Unverständnis hervorgerufen hätte, hat die Stasi sich davor gehütet mich ins Gefängnis zu stecken. Es gab auch einen Haftbefehl von 1985 der nie ausgeführt wurde, da er laut oberstem Stasichef aus politischen Gründen im Moment nicht ratsam sei. Ich habe gegen vier Paragraphen verstoßen: Weitergabe geheimer Nachrichten, Agententätigkeit, staatsfeindliche Hetze und Devisenvergehen. Das hätten bis zu 12 Jahre Haft in Bautzen sein können.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

TheJ: Was unterschied den normalen DDR-Bürger von Menschen wie ihnen und anderen Systemkritikern?
HH: Der Großteil der Menschen hat sich für den ganzen Scheiß gar nicht interessiert, die haben sich rausgehalten, ihr Datschendasein geführt, aber das war auf eine Weise auch sympathisch. Die Leute haben sich ihre Nischen geschaffen und haben viel näher zusammengerückt gelebt. Die Menschen waren offener, es gab diese Ellenbogengesellschaft nicht. Geld war für Konsumzwecke nicht so wichtig, denn es gab ja kaum was zu kaufen. Alles war erschwinglich, von daher ließ es sich leben und das haben die Leute auch gemacht.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Visafrei bis Shanghai

TheJ: Als es dann zum Mauerfall kam, wie war das für sie? Was hat Harald Hauswald in dem Moment gedacht, gefühlt, sich gewünscht?
HH: Ich hab gehofft, das ich als Fotogtaf überleben kann.
TheJ: War das gleich so ein wichtiger Gedanke damals?
HH: Relativ schnell, es war klar das es härter wird. Auf der anderen Seite war es der größte Moment in meinem Leben, über Nacht Gedanken- und Reisefreiheit geschenkt zu bekommen.
TheJ: Und jetzt, 20 Jahre später, fühlen sie sich frei?
HH: Ja, Ich fühle mich frei. Wir machen mit der Agentur ein neues Projekt, über die Stadt. Dafür war ich gerade zwei Wochen in Shanghai. Ich bin auch auf Shanghai gekommen, weil es damals auf einer der Demos ein Plakat gab: „Visafrei bis Shanghai“, das wollte ich dann auch mal machen.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Die DDR war eine Kunstwelt

TheJ: In der Rezeption der DDR spielt Verklärung eine ziemlich große Rolle. Wie sehen sie das?
HH: Mir ist oft vorgeworfen worden, das ich die DDR so trist dargestellt hätte, aber so war sie ja auch. Ich denke das ich mit meinen Bildern etwas gegen die Verklärung der DDR machen kann.
TheJ: Wer hat ihnen das vorgeworfen?
HH: Z.B. Ausstellungsbesucher, es gab bitterböse Vorwürfe: „Wo sind denn unsere lachenden Kinder in den Kindergärten“ u.s.w. Da gibt es eine ganze Menge die zu schnell vergessen haben wie dieses Land mal aussah.
TheJ: Natrürlich lachen Kinder. Kinder lachen auch in Nordkorea.
HH: Ich habe das fotografiert was ich gesehen hab und so war es nun mal. Die Leute vergessen einfach wie es mal ausgesehen hat. Das sind die, die sich am Händchen durchs Leben haben führen lassen von der Regierung und heute müssen sie selber laufen.
HH: Bei einer Schulveranstaltung meinte ein Schüler: „Meine Eltern haben gesagt, das Gesundheitssystem sei viel besser gewesen“  Was nützt ein ausgebautes Gesundheitssystem, wenn Medikamente fehlen und die Infrastruktur nicht stimmt. Was nützt ein gutes Schulsystem wenn scheiß Lehre gemacht wird, Geschichtsfälschung betrieben wird und es keine Meinungsfreiheit gibt.
TheJ: Gibt es irgendein materielles oder ideeles Gut, was durch den Mauerfall kaputtgegangen ist?
HH: Nein, es war eine Kunstwelt und die Sachen die gut waren, der Zusammenhalt, die soziale Sicherheit u.s.w. wurden von aussen durch Druck künstlich erzeugt. Das konnte nicht bestehen, davon hätte man sich gewünscht, das es übrig bleibt. Das ist auch das, dem viele hinterherjammern, aber das musste verschwinden, denn der Rest der Welt hat schon immer anders gelebt. Und ich gehe noch weiter, die Mauer war schon abgerissen bevor sie überhaupt aufgebaut wurde, der Widerstand hatte sich zwar nie richtig formiert,  ist aber auch nie wirklich erlahmt.

ENDE

Harald Hauswald lebt heute noch im Prenzlauer Berg und arbeitet nach wie vor als Fotograf. 1990 gründete er mit anderen Fotografen, die Agentur Ostkreuz. Er fotografierte Hooligans, die Hausbesetzerunruhen in der Mainzerstraße und schoß so einige Reportagen für die Zeit und die Geo.

 

The Picasso of Inkasso — NOMAD Solo Exhibition


30.10.09

Meine erste Begegnung mit NOMAD, dem durch seine Karriere als Sperrmüll-und Hauswandveredler  ein gewisser Ruf vorauseilte, der auch mich erreichte, die sich mit Street Art nur im Vorbeigehen befasst, fand 2008 in dem Showroom statt, für den ich damals Ausstellungen organisierte. Kurz vorher rief er an, um mitzuteilen, das er mal vorbeischaut, „die Location zu checken und so“, um dann seinen Beitrag zur geplanten Ausstellung anzufertigen, das war ein Tag vor der Vernissage. Nomad sah besser aus als ich dachte und war leichter zu händeln als vermutet. Am Tag darauf kam er mit seinem Bild, Kohle auf Packpapier, quasi Lebensgröße, nackter Mann in hockender Pose, die Hände verzweifelt vor dem Gesicht verschränkt, den Pimmel empfindlich entblößt im Zentrum des Bildes, eingerahmt von sorgfältig gezeichneten Füßen. Ein anderes Beinpaar streckte sich über seinem Kopf wie ein Geweih. Das Bild, direkt nach der Eröffnungsrede verkauft, war zum Heulen schön, nicht alles richtig gemalt, ein Rumprobieren noch, aber mit einer emotionalen Ansprache, deren Intensität auf mehr hoffen ließ. Beim Kaffee, vor dem Bild hockend eingenommen, fanden wir heraus das wir einige Allergien gemeinsam haben und ich erklärte schüchtern meine Sympathie mit dem Typen der I LOVE YOU an die Hauswand malte, die ich sehe wenn ich gemeinsam mit zu vielen leeren Gesichtern und ihren Tageszeitungen, mit der U1 fahre. Meistens fühle ich mich von der Aussage des Schriftzugs nicht angesprochen aber berrührt. Er musste dann noch mal weg. Von der Baustelle nebenan besorgte er sich schmale Reste von Rigipsplatten um das Bild aufzuspannen, griff zu Bohrmaschine und Dübel, jeder Handgriff saß, Perfektion im Umgang mit dem Unvollkommenen sprach aus dem was er tat und wie er es tat.

Der Schritt von der Straße in die Galerie, schon vorher vollzogen, sollte von Dauer sein. Nicht alles was NOMAD künstlerisch ausdrücken kann, passt in korrekte Outlines, passt an eine Häuserwand, auf einen Fernseher oder ein ausrangiertes Möbelstück. Die schnelle Arbeitsweise, die Leidenschaft, die pointierten Aussagen hat er mitgenommen, seine grafischen und  typografischen Gewohnheiten mit  Malerei gepaart, die den Menschen und seine Eigenarten zum Anlass nimmt, überhaupt erst zum Pinsel zu greifen.

Heute öffnet NOMADS erste Solo-Ausstellung in der Circle Culture Galerie. Geht hin, es wird voll, es wird ein Rausch, es wird lustig und ihr werdet einen Künstler erleben von dem wir noch hören werden.

NOMAD:                            „ Rainbow Coloured Tears of a Clown“

VERNISSAGE:                 30. OKTOBER 2009, 19:00 UHR
AUSSTELLUNG:             31. OKTOBER BIS 9. JANUAR 2010
ÖFFNUNGSZEITEN:     DIENSTAGS BIS SAMSTAGS, 14 BIS 18 UHR
LOCATION:                      CIRCLECULTURE Gallery, Gipsstraße 11, 10119 Berlin

 

An Assembled City — Dionisio González


27.10.09

Favelas heissen die besonders in Randlagen der großen Städte Brasiliens liegenden Armenviertel. Sie werden oft als „Stadt in der Stadt“ bezeichnet; sie sind weitgehend unabhängig von der offiziellen Stadtverwaltung organisiert, oft unter der Leitung des Anführers des dortigen Drogenkartells. Vergleichbare informelle Siedlungen findet man auch in den meisten anderen Entwicklungsländern. Es ist begrifflich nicht ganz richtig, Favelas als Slums zu bezeichnen, da sie nicht durch den Verfall städtischer Zonen, sondern durch unregulierte Besiedlung entstehen. Für Rio de Janeiro gibt es Schätzungen, die aussagen das ca. 30 Prozent der Bevölkerung in Favelas leben. Folgende gemeinnützige Projekte und Initiativen setzten sich bisher für die Legalisierung und Integration der Viertel in die urbanen Infrastrukturen der brasilianischen Städte ein: Favela-Bairro, Celula Urbana, Viva Favela um nur einige zu nennen. An Assembled City von Dionisio González setzt sich intensiv mit der Architektur und Sozialkultur der Favelas von São Paulo auseinander.

In seinen Fotoarbeiten beschäftigt sich Dionisio González mit den Favelas der Brasilianischen Metropole São Paulo. Die eigene Raumidentität dieser Gebiete ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Bewohner der Behausungen gleichzeitig die Erbauer sind. Es gibt keine Baupläne von unabhängigen Architekten, es geht in erster Linie darum, mit vorhandenen Materialien eine Abschirmung von der Außenwelt zu schaffen. Die labyrinthartigen und improvisierten Strukturen der Favelas sind ständig in Bewegung; sie wachsen und verwandeln sich immer weiter. Diese Bewegung greift Dionisio González in seinen Arbeiten auf. Am Computer fügt er in seine Fotografien neue Gebäudestrukturen ein, die er in einem aufwendigen Prozess eigens für das jeweilige Motiv kreiert. Dionisio González versucht mit konstruktiven Alternativen die bereits vorhandenen Strukturen nach den Bedürfnissen der Bewohner weiterzuführen und zu verbessern. Der Künstler befindet sich im Austausch mit den Bürgermeistereien der Favelas rings um São Paulo, um Wege zu finden, die eine oder andere von ihm entworfene Gebäudestruktur tatsächlich in die Tat um zu setzen. Diese Gebäude sind als soziale Zentren gedacht.

 

FINAL – Sweden


19.08.09

© Norman Röhlig

© Norman Röhlig

„HEJ“ …. nicht „Hey“ oder „Hi“, eben „Hej“, so begrüßen die Ortsansässigen ihre Mitmenschen auf der skandinavischen Halbinsel. Und jeder, der bereits in den Genuss kam, ein wenig mehr von dieser wunderbaren Kultur zu erleben, wird bestätigen, dass die Begrüßung nur der Anfang eines nimmer enden wollenden Zaubers ist. Ein Zauber, den ich erneut für ein paar Tage erleben durfte und nachhaltig tief in meinem Herzen tragen werde.

Warum? Was ist anders? Was ist neu? Ich könnte die Mentalität und Freundlichkeit der Einwohner, ihr sicheres und ausgeprägtes Gespür für Ästhetik und Design, ihre Liebe zum Detail, zur Natur oder gar diese endlosen unberührten Küsten und Landstriche benennen und bin mir dennoch sicher, begrifflich nur einen Teil der gesamten Faszination erfasst zu haben.

Doch blende ich all das aus, schließe meine Augen und höre einzig auf das, was mein Herz mir sagt, gilt es ein weiteres Wort der Aufzählung folgen zu lassen: Leichtigkeit. Ein Wort, das im Zuge der hektischen Privilegien unserer Zeit zu großen Teilen nur noch als Konstrukt besteht, bekommt im Land der tausend Inseln wieder jene Qualität zurück, die, wie ich finde, für uns alle wichtig sein sollte.

So traf ich bei meiner Rundreise durch West-Schweden auf die Geschichten dreier Familien, die exemplarisch für ihre Mitmenschen beschreiben, was es bedeutet, der Kultur und den natürlichen Ressourcen ihres Landes so nah wie möglich zu sein und dennoch ihr Geld damit zu verdienen. Eine Kunst, die nur selten gelingt. Die folgenden Beispiele zeigen, dass es möglich ist.

Lars Stålnacke, Besitzer von Björholmens Marina, schuf weit draußen auf Tjörn, dem Festland im Nordwesten, dort wo die Straße endet und das Meer beginnt, eine traumhafte Unterkunft mit ungestörtem Blick auf das Meer am Rande einer Mole, den weder die Gäste noch ich so schnell vergessen werden. Weitere Infos hier: www.bjorholmensmarina.se

Björholmens Marina © Jessica Braun

Björholmens Marina © Jessica Braun
Kenth und Camilla Hofsten

Kenth und Camilla Hofsten

Nach gut einer halben Stunde Fährfahrt treffe ich auf Käringön ein. Dort empfing mich Camilla Hofsten, Besitzerin verschiedener Ferienwohnungen/Häuser auf der winzigen Insel. Auf Käringön betreibt sie zusammen mit ihrem Vater Kenth die Karingo Oyster Bar, eine der bekanntesten Austern Bars in Westschweden. Zur Ergänzung, die Luxuskompetenz in Sachen Austern, Lobster und Co. begeisterte nicht nur uns Touristen, sondern auch Prinz Albert kommt ab und an zum Austern schlürfen vorbei. Weitere Infos hier: www.karingo.com

© Kenth und Camilla Hofsten

© Kenth und Camilla Hofsten
© Norman Röhlig

© Norman Röhlig
© Jessica Braun

© Jessica Braun

„The quality of the fish is the best if you eat it right out of the ocean!”, so Per Karlsson zwei Sekunden bevor er die Austern direkt aus dem Meer fischte, sie öffnete und uns sofort zum Verzehr vorbereitete. Karlsson betreibt die für Touristen öffentlich zugängliche Fischerhütte im klassischen gelben Anstrich. Fisch, wie er frischer nicht sein kann, wird hier je nach Angebot in der oberen Etage der smarten Hütte oder direkt auf dem traditionellen Segelboot verzehrt. Weitere Infos hier: www.evertssjobod.se


Zu guter Letzt, und mein persönliches Highlight: die Insel Väderöarna. Wer den Trip im Schnellboot überstanden hat, ist nicht nur dem Puls der Seelöwen, sondern auch dem unserer Erde erschreckend nah. Schnell wird klar, dass Erlebnisse wie diese zu jenen Momenten zählen, welche wir im Alltag nur ganz selten erleben, nämlich nicht nur Besucher, sondern ein Teil der Natur, der Erde zu sein. Ein Ort der natürlichen Schönheit. Ein Ort der Einsamkeit und Melancholie. Ein Ort, der zum Nachdenken anregt, zum Durchatmen, und zum Entspannen. Aber vor allem ein Ort, der uns auch nachhaltig dazu bewegt, der Natur das zurück zu geben, was sie verdient hat: Ruhe.

Weiter Infos hier: www.vaderoarna.nu

© Norman Röhlig

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Vielen Dank für die Reise!

 

Olaf Hajek


17.08.09

Olaf Hajek ist einer der bekanntesten deutschen Illustratoren. Mit Leichtigkeit überschreitet er permanent die Grenzen zwischen Illustrationen für Magazine und freien künstlerischen Arbeiten und hat in zahllosen Bildern seinen ganz persönlichen Stil kultiviert.

In Hajeks Bildern vermischen sich die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, südamerikanische Folklorekultur, Mythologie, Religion, Geschichte und Geographie. Hajek kombiniert damit zwei Konzepte, die in der westlichen Welt als gegensätzlich gelten: Realität und Mythologie, Phantasie oder Magie.

Der Berliner bezieht sich gern auf Wunder, Heldentaten, Halluzinationen und Märchenmotive. Er verschiebt und kombiniert – durchaus mit artistischer Virtuosität und intellektuellem Kalkül – disparate Realitätsausschnitte und bettet diese in einen neuen überraschenden, oft mythischen Sinnzusammenhang ein.

Oft finden sich die Figuren disproportional dargestellt und figurieren vor einem theatralischen Vorder- oder Hintergrund. Seine Bilder entstehen überwiegend in Acryl auf Karton oder Papier und erhalten aufgrund einer speziellen Wisch- und Schabetechnik eine künstliche Patina, die Hajeks Bilder an Kubanische Werbeplakate aus den 60er Jahren erinnern lassen.

Doch bleiben sie – obwohl sie sehr malerisch erscheinen – durch ihren prägnanten Strich irgendwie grafisch. Hajeks individueller Stil wurde zuerst vom SZ-Magazin entdeckt, heute arbeitet der Illustrator für große Modefirmen und Magazine wie The New Yorker oder das Wall Street Journal, zumeist in Berlin, aber auch in New York und Los Angeles. Hajek erhielt zahlreiche Preise für seine Arbeiten, zuletzt die Goldmedaille des Art Directors Club Europe in London.

Via Swatch Young Illustrators Award

 

Way Out West is diffrent… to diffrent to ignore!


15.08.09

Der erste Tag vom Way Out West ist vorüber. Die Stimmung ist nur schwer zu beschreiben, aber ich glaube, Anthony hat es auf den Punkt gebracht:

The spirit of this place has really touched me!


Und ich will jetzt keinen Abgesang auf die Worte Anthony’s leisten, aber Way Out West ist wirklich anders. Die Schweden beweisen erneut, dass es möglich ist, ein Line- Up auf höchstem Niveau mit zig Tausenden von Besuchern, auch ohne die bekannten, abgewetzten, staubigen und versoffenen Festivaleigenschaften, zu präsentieren.

Und ja, seit zwei Tagen scheint hier Sonne. Logisch, jedes Festival zeigt sich bei solch wunderbaren Wetterbedingungen von der attraktivsten Seite. Aber diese Kombination aus unendlichen, nimmer enden wollenden Klängen der Interpreten und die malerische, saftig-grüne Location Slottsskogen erinnert schon fast an ein Happening.

Hier ein paar Fotos, oder direkt zur Festivalsite.

@ Norman Röhlig

@ Norman Röhlig
© Norman Röhlig

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© Norman Röhlig

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