re:view Haute Couture de Paris AW 08
Tot gesagte leben länger – für kein Metier stimmt dies mehr als für die „Hohe Schneiderkunst”. Drei Tage Schauen heißt vor Augen geführt zu bekommen wie durch perfektes Handwerk wahre Kunst entsteht. Die dort zeigenden Häuser – 11 offizielle Mitglieder der Haute Couture und vier Nichtfranzösische – erfüllen strenge Auflagen und unterwerfen sich einem nicht gerade wirtschaftlichen Reglement, und trotzdem sind sie in jeder Saison die absoluten Glanzlichter.
„Solange ich lebe, wird die Haute Couture nicht sterben” so Mouna al Ayoub – eine der besten Kundinnen, sie sammelt die Kleider wie Moderne Kunst. Sie und die anderen „Süchtigen”, geschätzte 300 Damen weltweit, sorgen dafür das François Lesage Kunstwerke auf Kleider stickt oder André Lemarié für Chanel die berühmten Kamelien fertigt. Aber eigentlich geht es bei dem ganzen Aufwand gar nicht um den Verkauf (nur 1% vom Umsatz erzielen die einzelnen Marken mit Couture) sondern um den Werbeeffekt. Circa 1.500 Seiten Berichterstattung pro Saison entsprechen einem Werbeetat von etwa 15 Millionen Euro, diese unbezahlbare PR wiegt den Verlust der bis zu 3 Millionen Euro teuren Veranstaltungen mehrfach auf. Das Hauptgeschäft der Firmen sind Accessoires, vorallem Taschen machen einen Großteil am Umsatz. Doch mittlerweile scheint die Couture auch wieder finanziell an Boden zu gewinnen. Christian Lacroix konnte seinen Umsatz in den letzten zwei Jahren um vierzig Prozent steigern, Givenchy um dreißig.
Für den kommenden Winter wird es wieder viel zu schreiben geben – Krinolinen bei Gaultier, Galliano kehrt zu den Wurzel von Dior zurück und gerahmte Köpfe bei Chanel. Christian Dior erweckte nach dem zweiten Weltkrieg die Haute Couture wieder zum Leben. Seine Kleider trotzten der Nachkriegstristese Glanz ab. John Galliano hat sich die Form des legendären Modells ‘Bar’ zum Vorbild genommen, New Look-Allure durch an die Schoßjacke erinnernde Korsagen. Zu den Aufgaben von Frankreichs Première Dame gehört auch Botschafterin des Kulturgutes ‘Haute Couture’ zu sein, Galliano scheint Carla Bruni-Sarkozy mit seiner Kollektion bedacht zu haben. …
Bernadette Chirac erkohr Chanel aus, das klassische Kostüm war ihre Rüstung und verlieh ihr Würde. Variationen beherrschen die Chanelkollektionen, Variationen in Schwarz-Weiß und Tweed. Auch für die kommende Saison ändert sich nichts. Karl Lagerfeld, seit 1983 für Chanel verantwortlich, macht die Modelle zu Ikonen und rahmt die Gesichter. Die Bilder könnten den Kamin im Élysée-Palast schmücken. Die erste Dame Frankreichs der Zukunft hat Jean-Paul Gaultier im Auge. Stäbe und Röhrchen wirken wie Krinolinen oder werden wie Gerüste um das eigentliche Kleid montiert, die Kollektion gipfelt in der Verfremdung als Brautschleier.
Trotz der enormen Kosten einer solchen Inszenierung gibt es immer wieder Idealisten die es in die Kleidermacher-Superliga treibt. In diesem Jahr nahm die ‘Chambre Syndicale de la Couture Parisienne’ – die Berufsgenossenschaft der Couturiers – neue Mitglieder als Gäste auf. Victor & Rolf verhalf vor Jahren die Couture-PR zu einem Raketenstart für die Ready-to-wear. Für die 14 Gäste im diesjährigen Kalender werden sich ähnliche Chancen auftun.
Die Haute Couture ist tot, lang lebe die Haute Couture.














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