Grey Gardens-die unangepassten Bouvier-Frauen
Grey Gardens, so der Titel eines ungewöhnlichen Dokumentarfilms über ein Haus mit dem Namen Grey Gardens. Und über zwei Frauen, die in ihm lebten. 1970 gelangten diese Frauen zu eher ungewollter Berühmtheit, als sie auf der Titelseite des New York Magazines vorgeführt wurden. Edith Ewing Bouvier Beale – genannt “Big Edie” und Edith Bouvier Beale – genannt “Little Edie” lösten deswegen Amerikaweites Interesse aus, weil sie nicht irgendwer waren. Als Tante und Cousine waren sie verwandt mit der einstigen First Lady ihres Landes, Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis. Und zwar ersten Grades. Big Edie und Little Edie lebten in einer Villa, die 28 Zimmer zählte – so wie es sich in Anbetracht ihres Stammbaums auch geziemte. Nur war diese Villa im vornehmen East Hampton – und das verstörte die Gemüter – so heruntergekommen, dass die Gemeinde Big und Little Edie zwangsräumen wollte. Ein gefundenes Fressen für …die Boulevardpresse Amerikas. Als einige Jahre später die Gemüter beruhigt waren und die famose Verwandte dafür gesorgt hatte, dass das Haus für die Sippschaft bewohnbar bleibt, kamen die Dokumentar-Brüder Albert und David Maysles mit ihrer Kamera. Und der Absicht, die Frauen alles andere als vorzuführen. Unvoreingenommen und nah gingen sie an ihre Objekte heran. Sie zeigten zwei Frauen, Mutter und Tochter, die seit 25 Jahren in isolierter Zweisamkeit miteinander lebten.Wie kam es dazu, dass diese Frauen – Ableger amerikanischer Aristokraten – unter solchen Bedingungen lebten? Die Antwort: Sie waren aus der Reihe getanzt und dafür bestraft worden. Big Edie, die Mutter, verstieß in ihrer Blütezeit gegen sämtliche Regeln der gehobenen Gesellschaft. Als Kunstliebhaberin und Musikerin umgab sie sich lieber mit anderen Schaffenden, als hübsch und brav an Wohltätigkeitsveranstaltungen teilzunehmen. Zu allem Übel nahm sie kein Blatt vor den Mund. Das verärgerte und blamierte ihren Ehemann, Phealan Beale so sehr, dass er bald das gemeinsam gekaufte Grey Gardens verließ. Aus Mexiko schickte er seiner Frau dann ein Scheidungs-telegramm. Es waren die 40er – und da hatte man als Frau – auch wenn man talentiert und überdimensional gut aussehend war, dazu noch intelligent, eben doch nur die Chance an der Seite eines Mannes zu strahlen. Big Edie behielt Grey Gardens, Alimente erhielt sie nicht. Und so war sie auf die Unterstützung eines anderen Mannes angewiesen: ihren Vater. Der finanzierte seine Tochter bis zu dem Zeitpunkt, als sie wieder gegen alle Regeln verstieß. Die Konsequenz, Big Edie wurde enterbt, die Unterstützung endete. Also verkauften Mutter und Tochter das Familiensilber und es reichte. Aber es ging knapp zu im Hause Grey Gardens – hingegen nie unkultiviert. Kunst, Musik und Schauspiel standen fast täglich auf der Agenda der Beales.
Aufgrund ihrer Schönheit und ihres Showtalentes zog es Little Edie als junge Erwachsene in die große Stadt New York. Sie wurde verehrt von den begehrtesten Männern der Gesellschaft. Sie war ‚body beautiful Beale’ und begann als Modell zu arbeiten. Eigentlich aber wollte sie Schauspielerin oder Tänzerin werden. Alles sah danach aus, als würde ihr Traum wahr werden: Der Broadway-Produzent Max Gordon hatte sie zum Vorsprechen geladen. Doch kurz vor dem großen Tag wurde Little Edie von ihrer Mutter nach Hause zitiert. Little Edie kehrte zurück nach East Hampton und blieb für die nächsten 25 Jahre an der Seite von Big Edie. Mutter und Tochter verschanzten sich hinter den Hecken Grey Gardens. Sie tauchten ab in ein skurriles Leben gegenseitiger Abhängigkeit, das bis zu der Ankunft der Maysles-Brüder unentdeckt blieb.
Mit ihrer direkten Annäherung portraitierten die Filmemacher das exzentrische Mutter und Tochter Paar und ihre Hassliebe zueinander. Sie fingen die schönen und die traurigen Momente ein in dieser selbst gewählten Isolation und, ja! – sogar ihre Gesangs- und Tanzeinlagen.
Man sieht den Beales an, dass sie den Dokumentar-Filmern vertrauen, es gar genießen, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Keine Sekunde lang wird dieses Vertrauen ausgenutzt, keinen Moment werden die Frauen schamlos vorgeführt. Die kinematische Soziologie von Mutter und Tochter ist ein fragiles Thema. Doch schafft es die Maysles’sche Kamera, Big und Little Edie behutsam, wahr und liebenswert zu begegnen. In jedem Moment, auch in den wahnsinnigsten, behalten die Frauen ihre Würde.
Der Film bricht die sonst so übliche Dokumentarregel der Distanz-Wahrung. Da gibt es eine Szene in der Little Edie einen Teller Sandwichs an die Crew reicht. ‚Direktes Kino’ – direct cinema – so hieß und heißt der Stil mit dem die Maysles die Damen Beale portraitierten. Befragt danach, sagte Albert Maysles in einem Interview fast 30 Jahre nach Grey Gardens: „Well, I don’t interview people in my filming. I try to film what’s going on: The scenes, the events, the experiences of people…“
Grey Gardens ist ein rares Meisterwerk. Ein Film, der zwei Frauen unvergessen macht.
Grey Gardens goes Hollywood! Regisseur Michael Sucsy hat den Dokumentarfilm mit Drew Barrymore und Jessica Lange ge-remaked. Das Remake wird in den USA im November 2008 veröffentlicht.












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