Li Wei and ‘A Pause for Humanity’

“Nur die Performance-Kunst bietet die Möglichkeit, am eigenen Körper das zu erfahren, was gleichzeitig die Message der Aktion ist.”  Li Wei

© Li Wei

© Li Wei

Das ist Li Wei. Er ist ein Performancekünstler, ein Visionär, ein Bewunderter. Er ist ständig auf der Suche nach dem perfekten Szenario. Er schafft es mit Fotografien und Vorführungen den Rezipienten zu fesseln. Er hält seine Umwelt mit dem was unmöglich scheint an. Er hält die Schwerkraft in seinen Händen. Manchmal trickst ein Drahtseil die Schwerkraft aus, aber es ist immer seine Kreativität, sein Mut das Unwirkliche wirklich zu machen.

Das Studium an einer privaten Kunsthochschule in Peking brach der seit 2000 international agierende Künstler nach einem Jahr ab. Man hätte dort nichts lernen können über Gegenwartskunst, begründet er die Entscheidung. Li Wei sieht in jeder Performance nicht nur das Endprodukt, sondern vielmehr den Kraftaufwand, der nötig ist, um das Ziel zu erreichen. Es ist die Kraft, die wir brauchen, um unsere persönlichen Freiräume zu verteidigen. Seine Arbeit ist eine Hommage an die menschliche Leidenschaft.

Das Leben steht für einen kurzen Moment still. Der verwirrte Betrachter wird eher an eine Film- oder Comicszene erinnert, als an die Wirklichkeit.
Mal schwebt der in Peking lebende Li Wei als grünes Logo auf einer roten Fahne, mal steckt er kopfüber im Straßenpflaster oder trifft sich mit Frau und Baby in schwindelerregender Höhe auf einem Stahlträger. Bei seinen Spiegel-Performances setzt er sich einerseits der öffentlichen Schaulust aus, andererseits hält er dem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes den Spiegel vor. „Was ich bei meinen Performances erlebe,” so Li Wei, „gibt mir den Antrieb für meine folgenden Projekte.” Als ständigen Balanceakt zwischen dem eigenen Freiheitsstreben und der Sorge um den Schutz der wenigen existenten emotionalen Schonräume, wie ihn z. B. die Familie bietet, beschreibt Li Wei seine künstlerische Arbeit.

© Li Wei

© Li Wei

Mit der Performance-Serie „Mirroring” begann Li Wei 2000. In einen ca. einen Quadratmeter großen Spiegel schnitt er ein Loch, durch das sein Kopf passt. Den Spiegel mit den Händen abstützend – so zeigen Dokumentationsfotos den Künstler an privaten, aber auch verschiedenen öffentlichen Orten in China und im Ausland. Aus der Entfernung aufgenommen, spiegeln sich sowohl die Beobachter als auch die Umgebung in der die Performance stattfindet, in der Fläche, die den Kopf des Künstlers umfasst. Die Sehirritation wird noch verstärkt, wenn Nahaufnahmen die Ränder des Spiegels und den Körper des Künstlers ausblenden. Lis Kopf scheint zu schweben, sei es inmitten einer Menschenmenge, in einer Häuserschlucht, am Himmel oder auf einer glitzernden Wasserfläche. „Der Spiegel lässt die konkrete Wirklichkeit zu einem immateriellen Abbild werden. Die gespiegelten Bilder werden jenseits der Spiegelfläche neu kontextualisiert. Letztendlich wird das sichtbar, was wir ständig in unserer Vorstellungskraft vollziehen. Wir setzen einzelne Eindrücke zu einer imaginären Wirklichkeit zusammen. Indem mein Kopf in der Mitte dieser Spiegelungen steckt, wird die wichtige Funktion der Gegenwartskunst evident: sie irritiert – wie diese Performance – und durchbricht blinde Alltäglichkeit. Wir sehen uns, aber auch die uns umgebende Wirklichkeit neu.”

Eine seiner erfolgreichsten Performances ist die „Falls”-Serie. Begonnen 2002, sieht man auf den Fotos der Aktionen den Künstler, wie er mit Kopf und Oberkörper im Asphalt einer Straße, dem Dach einer Hausruine oder in einer Eisfläche steckt.

© Li Wei

Die Beine ragen gestreckt gen Himmel. „Nein”, es handele sich hier nicht um Bilder, die am Computer erzeugt wurden, versichert der Künstler. Manchmal habe er mit stützenden Hilfskonstruktionen gearbeitet, aber grundsätzlich sei ihm auch hier der physische Kraftakt wichtig, zumindest für Momente die Spannung dieser Körperhaltung zu leisten, und die Absurdität der Situation am eigenen Leibe zu spüren. „Wenn man sich vorstellt, jemand von einem anderen Planeten würde heute auf der Erde ankommen… Das wäre doch nun wahrlich keine sanfte Landung im Sinne eines freudigen Anblicks. Ob man da nun nach China schaut oder auf einen anderen Teil der Welt: es ist doch verrückt, was wir uns selber antun. Und dieses Gefühl, mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen zu sein, und jegliche Bodenhaftung eingebüßt zu haben, das kennt sicher jeder. Da muss man nicht einmal von einem anderen Planeten kommen.”

Was verschlägt eine Kleinfamilie auf einen Stahlträger in schwindelerregender Höhe über den Dächern einer tristen chinesischen Wohnblock-Siedlung? Die Fotos unter dem Titel „A Pause for Humanity” (2005) zeigen den Künstler mit Frau und Säugling in einer Situation, die momenthaft an den Plan zum gemeinsamen Sprung in den Tod denken ließe.

© Li Wei

Die entspannten Gesichter beruhigen diesbezüglich. Besonders das erste Foto der Performance-Serie, auf dem Li mit dem Kopf an einen der besagten Träger gebunden über der Familie schwebt, macht deutlich: die gezeigte Situation ist – wie schon der Titel ankündigt – metaphorisch aufgeladen und mit Pathos besetzt. Auch wenn Details der Szenen surreal anmuten, so gelingt es Li mit diesen künstlerischen Interventionen, höchst präzise Aussagen darüber zu machen, was es in heutigen Zeiten – und nicht nur im sich rasant wandelnden China – heißt, den „Schonraum Familie” zu erhalten.

„Da ist das Gefühl der Haltlosigkeit, die Unsicherheit, was morgen sein wird. Eben das Gefühl, in der Luft zu hängen, keinen Boden unter den Füssen zu haben. Und auch wenn mir die Familie das Wichtigste ist und sie deshalb auch zum integrativen Teil meiner Performances wurde, frage ich mich: Wo sind die Grenzen dessen, was wir aushalten können?”

Auf seiner Website gibt es nicht nur weitere Fotografien zu bestaunen, sondern auch Videos, die einige Performances und deren Entstehung dokumentieren.



Via FFFOUND!

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