Alexey Titarenko, St.Petersburg and Time
Der russische Fotograf Alexey Titarenko, im zeitlos erscheinenden St. Petersburg geboren und aufgewachsen, entdeckte schon in frühester Kindheit seine Sensibilität für die Stimmungen dieser Stadt. Im Alter von acht Jahren bekam er von seinen Eltern seinen ersten Fotoapparat geschenkt. So ausgerüstet und nachdem er mal wieder Dostojewski gelesen hatte, unternahm Titarenko einen seiner unzähligen, frühen Streifzüge durch die Straßen St. Petersburgs. Bilder die er in seinem Kopf trug, inspiriert durch die Stadt, die Literatur und die klassische Musik erhielten durch den Druck auf den Auslöser vor dem richtigen Motiv Ausdruck. Doch nur Abdrücken verlieh den Fotografien nicht die von Titarenko so intensiv empfundene Tiefe der erlebten Momente.
Zur Zeit des Falls des totalitären Regimes der Sowjetunion wandelte sich die Stadt. Ein kriegähnlicher Zustand stellte sich ein und veränderte den Alltag der Menschen auf drastische Weise. Es war eine Zeit in der Auslagen in Geschäften Brach lagen und Lebensmittel rationiert wurden.
Das Bild der Stadt war gezeichnet von Menschen die dicht gedrängt von Geschäft zu Geschäft eilten mit der Absicht so viel wie nur möglich von dem knapp gewordenen und überlebenswichtigen Gut zu sammeln. Ihre Blicke durchdrungen von Verzweiflung und Sorge.
Diese Szenerien inspirierten Titarenko zu seiner Fotostrecke „City of Shadows”, die er von 1991 – 1994 umsetzt. Er konzipiert durch Langzeitbelichtung, Aufnahmen die unter anderem einen an einer Ecke stehenden Pensionär zeigen an dem der gespenstisch anmutende Verkehr vorbeizieht. Worauf wartet der Mann, auf den Bus oder auf eine bessere Zeit? Die Menschen die sich in die U-Bahn drängen: ist es das Bild einer in der Großstadt üblichen Rush Hour oder der verzweifelte Versuch sich in der Zeit des Falls der Sowjetunion in St. Petersburg am Leben zu erhalten?
Die Stadtaufnahmen stets geprägt von den Hauptelementen der Stadt, dem Wasser, seinen Kanälen und dem Eis, geben den Fotografien ein sich mit der Zeit kaum wandelnden Hintergrund. Im Vordergrund stehen die gespenstisch wirkenden Streifzüge der Stadtbewohner, getrieben durch zeitgeschichtliche Tragödien oder auch andere im Verborgenen liegende Sorgen. So bleibt es dem Betrachter verwehrt die Fotografien zeitlich zuordnen zu können. Sie sind zeitlos und bewegen sich durch die von Titarenko gewählte Technik in einer anderen Dimension. Es geht nicht mehr nur um das Festhalten eines Moments, sondern um das Festhalten der Bewegung, der Motivation des Moments. Was war? Was ist und was wird sein? All diese Fragen finden auf dem Wege der Interpretation Antworten in Titarenkos Werk „City of Shadows”.







Kommentare zu diesem Beitrag
Ganz ganz großartig. Danke für den Tipp.
von careaux am 16.01.09Wow! Welch beeindruckende Photokunst! Da sieht man, was man in Bildern alles ausdrücken kann.
von Everyman am 28.10.08