Liebe. Eine Übung?
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„Er liebte sie von klein auf bis zu dem Moment, als er sie auf dem Friedhof begleitetet, und er liebt sie auch in der Erinnerung!“ – Kundera 2004: 84
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Ein neues Buch ist erschienen, ‘Liebe Eine Übung’, so der Titel. Einer der bekanntesten Soziologen, Niklas Luhmann, impliziert dem Zustand Liebe eine wissenschaftliche Theorie, einen Code, ähnlich wie Geld oder Macht und sagt: “Liebe ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“. Das als Nachlass publizierte Typoskript, das Luhmann 1969 seinem Seminar zugrunde legt enthält den argumentativen Kern seiner als abgehoben geltenden Theorien und gilt als Vorstufe seines späteren Buches “Liebe als Passion”.
Liebe, eine Übung?
Der Allgegenwart der gefühlten Hässlichkeit einer solchen Aussage obliege ich ohnmächtig und bin doch fasziniert. Der wohl schönsten und größten existentiellen Erschütterung die wir kennen, wird eine Rationalität zugeschrieben basierend auf Funktionalismus, Kybernetik und Evolutionstheorie. Grotesk, doch könnte eine Aussage wie diese jedem Liebeskummerleidenden eine starke Stütze sein.
„Verglichen mit anderen Medien der Erlebnissteuerung hat Liebe ihre Besonderheit in der Art und Weise, wie sie Selektionsform und Motivation verbindet. Nicht jede Liebe löst gleiche Projektionen aus, sie ist nicht beschränkt auf den für alle gleich gültigen Sinn, sondern trifft eine engere Auswahl, die nicht mehr auf jedermann übertragen werden kann, sondern nur für Sich-Liebende gilt.“
Gut, das wussten wir schon. Was ist daran besonders? Luhmann ordnet dem Medium Liebe eine doppelte Sinnbestätigung zu und sagt:
„In der Liebe findet man, wie oft bemerkt, eine unbedingte Bestätigung des eigenen Selbst, der personalen Identität. Hier und vielleicht nur hier, fühlt man sich als der akzeptiert, der man ist – ohne Vorbehalte und ohne Befristung, ohne Rücksicht auf Status und ohne Rücksicht auf Leistung.“
Doch besonders beeindruckt hat mich folgender Satz:
„Man findet sich in der Weltansicht des anderen erwartet als derjenige, der zu sein man sich bemüht.“
Die Wahrheit explodiert aus jeder Silbe, das Sichzurechtmachen und Herausputzen, die Selbststilisierung als Kunstwerk macht einen Menschen, uns, noch lange nicht liebenswert, sondern dient in erster Linie der Darstellung der eigenen Interaktion (erster Schritt) und signalisiert damit die Bereitschaft zur Entdeckung des liebenswerten Inneren (zweiter Schritt). Und ja, der Glaube ist das Wichtigste, gerade in Zeiten allgemeiner Segmentierungen, in Zeiten der Anonymität und Flüchtigkeit vieler sozialer Kontakte, entwickeln wir häufig die Einsicht, dass körperlich seelischen Bedürfnisse im Zusammenspiel mit unseren Gefühlen nach Erfüllung verlangen. Rationales Denken kann nicht angewendet werden, da es unsere Sinne und Gefühle sind, die uns dazu bewegen, bestimmte Dinge zu tun, die wir tun. Der Code der Versuchung, er wandelt sich, doch er besagt nicht, dass Liebe eine Art Naturphänomen oder als ewig geltende moralische Idee, also als historische und evolutionäre Konstante behandelt werden müsse. Die Beanspruchung ihrer Funktion und ihre Ausdrucksmöglichkeiten, ihrer gesellschaftlichen Integration und derer Folgeprobleme wandeln sich im Laufe der Entwicklung.
Das war Luhmann. Jetzt sind wir dran.
Vor knapp einem Jahr war ich auf einer WG-Party. Der Look: typisch Berlin, der Anlass: Ein Geburtstag. Wie bei jeder Geburtstagsparty gab es Geschenke. Ich konnte beobachten, wie ein süßes Blondes einem braunhaarigen, ebenfalls süßem Mädchen, ein Buch schenkte. Der Titel: P.S. Ich liebe Dich. Schlimm, dachte ich, was für ein schlimmer Titel. Wer kauft ein Buch mit einem Satz wie diesem? Die Beschenkte regierte freundlich, wie es sich gehört. Und meinte, erfolgreich vermittelnd:“Davon habe ich schon gehört, vielen Dank!“ und schaute dabei irritiert nach unten, als sei sie bei etwas erwischt worden. Die Schenkende freute sich. Sie hatte das Gefühl, dass Richtige gekauft zu haben.
Ein bis zwei Monate später, ich war gerade im Urlaub, erzählte Mutter von ihrer Neuentdeckung im Buchgeschäft: „P.S. Ich liebe Dich, kennst du das? Klingt kitschig ist aber toll geschrieben. Es folgt bald ein Kinofilm.“ Ein Kinofilm, wunderbar, dieser Satz ziert nicht nur den Titel 1000er Bücher, jetzt sind die Leinwände dran. Und letzte Woche, kommen wir zum Ende, hatte Mama bei ihrem Besuch in der Hauptstadt als Überraschung sogar die DVD dabei. Großes Kino auf der abendlichen Ledercouch. Geheult haben beide, Mutter und Sohn, das ist unbestritten. Soviel zur großartigen Fernsehwirklichkeit, die hat’s uns allen angetan.
Aber warum erzähle ich das? Ich liebe Dich, irgendwas stresst hier, oder nicht? Du schaust auf den Buchtitel und erkennst wie ein Flugzeug mit seinen Abgasen die Worte mit I, L und D in den Himmel schreibt. Du folgst den Worten und denkst an etwas Bestimmtes. Du schließt die Augen, träumst und erinnerst dich. Du weißt es ist kitschig, aber du tust es. Doch was passiert? Ich sag’s dir. Du hoffst!
Menschen egal welchen Alters, mit oder ohne Erfahrung, haben großen Respekt vor diesen drei Worten. Warum? Sie verbinden damit ein bestimmtes Gefühl, eine Art Erwartung an diese Sache, diese Sache die wir schlicht Liebe nennen. Nicht einfach, denn wir alle wünschen uns und halten es doch für undenkbar, dass die Liebe unseres Lebens etwas Leichtes, etwas Gewichtsloses sein könnte; wir stellen uns vor, dass unsere Liebe ist, was sie sein muss; dass ohne sie unser Leben nicht unser Leben wäre. Die Angst vor Einsamkeit; die Angst, dass wenn wir uns allzu oft verlieben und wieder entlieben, es für uns schwerer wird, überhaupt zu lieben. Die Angst, das Liebe nur bis zu einem gewissen Punkt Bedeutung hat und man darüber hinaus über alles verhandeln könne. Dazu die Erfahrungen, die Ängste und die Vergangenheit, sie beseelen unsere Geschwindigkeit im Leben. All dieses Wissen und all diese Macht über diese Sache, diese Sache mit der Liebe.
Absurd ist, dass Luhmann selbst das Wort Passion verwendet. Liebe als Passion, sein Nachfolgewerk, beschreibt bereits im Titel was es impliziert, die Passion, einen Zustand, in dem man sich passiv leidend, nicht aktiv wirkend vorfindet. Liebe bricht herein, sie fragt nicht, sie klopft nicht an. Sie ist unvernünftig und macht doch glücklich. Sie zeigt uns wiederkehrend, dass es keine Abkürzungen gibt, weder im Leben, noch in der Liebe selbst. Dieses Glück, dieser Schmerz darf und muss empfunden werden. Alternativen gibt es nicht. Liebe macht uns zu etwas Besonderem. Sie schenkt uns Schönheit und verleiht uns Würde. Sie lässt uns träumen, sie gibt uns ein Ziel. Und vor allem, sie gibt uns Hoffnung. Neben der gefühlten Flut von Emotion, empfinden wir Hoffnung, ein Zustand aus Agonie, Optimismus und Gebet für ein Leben voller leidenschaftlicher Energie, Gefühlen und ja, Liebe.
Unabhängig von gesellschaftlicher Wandlung, Geschichte und Forschung, war ist und bleibt sie, das hoffe ich, ein unantastbares Phänomen menschlicher Individualität. Das zeigt dass wir leben, und das, nur das, ist das Wichtigste.
Das Typoskript Luhmanns ‘Liebe Ein Übung’ zeigt eine von vielen Möglichkeiten des Versuches dem Zustand Liebe der Wissenschaft zuzuodnen. Zusammenfassend gibt es Auskunft über verschiede Merkmale/Handlungen menschlichen Verhaltens und regt zum Nachdenken an. Eine Übung ist Liebe dennoch nicht, denn wäre sie es, wüssten wir was zu tun ist. Zum Glück ist sie es nicht.






Kommentare zu diesem Beitrag
Toller Artikel. Danke!
Auch deine eigenen Ausführungen und Erfahrungen habe mich gefallen. Habe das Buch direkt bestellt!
viele Grüße
von flo am 11.08.11Flo
[...] so schreibt Niklas Luhmann, der Autor und einer der größten Soziologen unserer Zeit. Norman von The Junction hat sich das posthum veröffentlichte Werk einmal genauer angesehen und schreibt: "Das [...]
von Two for Fashion: Mode, Design, Lifestyle Blog – powered by OTTO: » Top 5 der Woche am 18.12.09@ Alfred
„Liebe leben macht Liebe?“ oder eher „Liebe leben IST Liebe“. Kann eine ohnmächtige Erschütterung wie diese durch Handeln wirklich immer wieder und wieder passieren? Das ist zu einfach. Das Geschriebene geht mit der Beobachtung einher, nicht vom Reden über die Liebe. Die Praxis versteht sich.
von norman-TheJunction am 24.11.08Schade, vielleicht haben Sie es nicht verstanden?
von Alfred am 24.11.08Übung meint hier Praxis, Handeln also Liebe ist nur dort, wo sie stattfindet durch Lieben. Nicht von Liebe reden ist Liebe sondern Liebe leben macht Liebe. Immer wieder und wieder, darum Übung.
Darum lieben Frauen auch so gern immer wieder…einen anderen.
Merci, ist ein spannendes Thema.
von norman TheJunction am 3.11.08Da kann ich nur zustimmen, bestimmte Themen sollten nicht permanent hinterforscht werden. Toller Beitrag.
von TOM am 3.11.08