Ein Abend mit Chris Garneau
Da sitzt er, der Mann mit dieser andersartigen Stimme. Chris Garneau. Sein Debüt-Album Music For Tourists hätte im letzten Jahr den Melancholie-Preis verdient – ein leises Meisterwerk der schönen Schwere. Als er 2006 an Music For Tourists arbeitete und von Tod und Trennung und Abschieden sang, da war Garneau gerade mal 23. Seither sind zwei Jahre vergangen, mittlerweile ist eine EP erschienen, das zweite Album soll im März rauskommen. Als er im NBI-Keller aufsteht, um mir die Hand zu schütteln, erkenne ich ihn erst gar nicht. Viel kleiner, als ich erwartet hatte, ist er. Und mit der dicken Nickelbrille sieht er seinen eigenen Promofotos nicht sonderlich ähnlich.
Nach einem Profilvergleich Flyerbild/Realität ist die Echtheit des Künstlers allerdings geklärt und wir legen los. Zurückhaltend ist er, das fällt mir als erstes auf, er macht kein großes Trara um sich. Dass es zum Beispiel ein neues Album geben wird, ist allein einem Wikipedia-Eintrag zu entnehmen. Eleanor and the Cats and Kids soll es angeblich heißen. Auf seiner eigenen Website und der seiner Plattenfirma Absolutely Kosher Records ist davon allerdings nichts erwähnt. Warum? Garneau zuckt mit den Achseln. Aber es stimmt, es ist fertig und im Kasten. Nur der Titel hat sich geändert: L-Radio wird auf dem Cover stehen, verrät er mir. Im Gegensatz zu dem ich-bezogenen Music For Tourists dreht sich das neue Album inhaltlich weniger stark um ihn selbst, erklärt Garneau. Diesmal wird es auch noch um andere Menschen gehen, grinst er selbstironisch. Seine Sichtweise ist weiter geworden. Die zwei Jahre zwischen Album eins und zwei haben ihn offensichtlich erwachsener werden lassen. Als konzeptionell fester beschreibt er L-Radio. Das liegt auch daran, dass die Entstehung der Texte dieses Mal in einen viel engeren Zeitraum fiel.
Aber vor allem der Klang des Albums hat sich stark verändert, findet Garneau: „It feels like a leap for me.“ Ein Sprung, weil das Album viel stärker besetzt ist – mehr Arrangements, mehr Instrumente und auf fast jedem Lied Schlagzeug! Auch wenn die Produktion dichter und professioneller klingt als der Vorgänger, bleibts doch organisch und echt, sagt der Pianomann. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Aufnahmen nicht im Studio gemacht wurden, sondern in einem Haus am See, weit weg von der Stadt, ohne Telefon und Internet. Insgesamt drei Monate verschanzten sich Garneau und sein Produzent Saul Simon Macwilliams in der Einöde. An Instrumenten haben sie alles eingepackt, was in den Bulli passte. Hin und wieder kamen Freunde vorbei, um Teile einzuspielen oder einzusingen, ansonsten gab es keine Ablenkung. Volle Konzentration. Ein paar der neuen Songs wird er später spielen, zwei oder drei. Den Rest des neuen Albums wird es in voller Länge erst im nächsten Frühjahr geben. Bis dahin gibt’s für die Freunde des Musikers aus New York vorläufig fünf relativ neue Stücke auf der EP namens C-Sides, auch die klingen klassisch garneau-ig: leise, manchmal fragil, immer irgendwie einsam. Trotzdem ist der mittlerweile 25-Jährige nicht der Melancholiker für den man ihn aufgrund seiner Musik halten könnte. Natürlich ist er das zum Teil, aber er ist es eben nicht nur. Er mag es durchaus auch leicht, sagt er zum Schluß und lacht.
Und er mag offensichtlich keine Äpfel, Bananen und Zitronen. Denn diesen Teil seines Caterings zwängt er mir regelrecht auf, kurz bevor ich den Raum im NBI-Keller verlasse. Also stehe ich wenig später mit einer Obstration für die gesamte Woche vor der Bühne, von der Chris Garneau seine Geschichten in den Berliner Abend singt, hauptsächlich die alten. Zwischen Herzensbrechern wie Castle Time und We Don’t Try erzählt er auch von seiner dreckigen Wäsche, die dafür verantwortlich zu machen ist, dass er dieses ungeliebte T-Shirt tragen muss. Banal aber liebenswert. Die Leute die eben seufzten lachen jetzt. Das Ganze kommt angenehm uninszeniert rüber. Mit dem Elliott Smith Cover Behind The Bars endet die Reise für uns Touristen. Später zuhause mache ich mir eine heiße Zitrone und höre mir das Album noch mal an.
Das zweite Album des New Yorker Musikers Chris Garneau erscheint voraussichtlich im März 2009.





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