TYPO Berlin 2010 „Passion“ – Inspiration im Stundentakt

Die Definitionen von Leidenschaft gehen selten über Gemütsbeschreibungen wie inbrünstig, begeistert und hingebungsvoll hinaus. Ähnlich wie Sehnsucht,  gehört sie zu den, wissenschaftlich wenig erforschten, emotionalen Phänomenen. Um zu wissen ob sie schmeckt wie Pfälzer Leberwurst oder doch wie eingeschlafene Füße muss man sie selbst probiert haben. Auf der  TYPO Berlin 2010 zum Thema Passion konnte man den vielleicht wertvollsten Effekt erleben, den beruflich gelebte Leidenschaft haben kann, die Übertragung dieses Gefühls auf Andere in Form von Begeisterung und Aufmerksamkeit – ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Designgeschäft, speziell im Kommunikationsdesign.

Julia Laub/Hartmut Bohnacker: Generative Gestaltung

Wie Leidenschaft zu Leistung wird die begeistert, vermittelten die wenigen Vorträge über Einzelprojekte am glaubhaftesten. Das war zum Einen die Präsentation des Buches Fritz Kahn – „Man Machine“ von Uta und Thilo von Debschitz und zum Anderen der Vortrag von Julian Zimmermann über das Corporate Design, das er für Togbui Ngoryifia Céphas Kosi Bansah den König der Volksgruppe Hohoe Gbi Traditional Ghana, die zum 3-Millionen-Volk der Ewe im Osten Ghanas gehören, entwarf. Beide gehören zu meinen persönlichen Favoriten dieser Konferenz, und werden noch genauer vorgestellt.

Der König ist Kunde

Auch der Schriftgestalter Yanone und der Informationsarchitekt Oliver Reichenstein stellten neue Projekte vor – die Schrift Amman, die den Namen ihres Entsstehungsortes trägt und ein Textverarbeitungsprogramm für das iPad, das sich nach der Leserichtung orientiert, die vom rechteckigen Format des Gerätes vorgegeben wird, also horizontal verläuft und damit die Lesbarkeit optimiert, was sich zugunsten der Konzentration beim Arbeiten und Lesen am Bildschirm auswirken soll.

Passion: Oliver Reichenstein über Lesbarkeit – Schreibbarkeit

Weitere Vorträge die viel positive Resonanz bekamen, obwohl reine Portfoliopräsentationen mit zum Teil recht alten Arbeiten, waren die Beiträge von Erik Kessels und Joachim Sauter. Als Kessels nüchtern und und ohne die Miene zu verziehen, die geniale „Schlimmer geht immer“-Kampagne für ein Null-Komfort-Hotel in Amsterdam vorstellte, blieb kein Auge trocken. Joachim Sauter von Art & Com hat souverän dargestellt, wie man Natur- und Zeitgeschichte erlebbar und reflektierbar macht, indem man sie virtuell und interaktiv auferstehen lässt. Eine Auswahl aus den beiden Vorträgen und weitere, von Eike König und Fons Hickmann gezeigte, Projekte werde ich in den nächsten Tagen etwas näher vorstellen, da sie wunderbar in das Konzept von TheJunction passen.

Alles in allem haben die Vorträge die ich verfolgt habe, wenig auf das Thema Passion eingespielt. Ich behaupte, dass  Hingabe an den Beruf, vor allem im hochqualitativen Ressort, zum guten Ton gehört und das die meisten erfolgreichen Gestalter unter dieser herzblutigen Berufskrankheit „leiden“. Ein übergreifendes Thema sollte auch inhaltlich zum Tragen kommen und nicht nur durch begeisternde Projekte repräsentiert werden. Das haben die vorigen Konferenzen SPACE, Image, Music usw. besser vermocht.

Mit der Abkehr vom gedruckten Programmheft hin zur interaktiven TYPO Applikation, hat der Veranstalter gezeigt, das die TYPO Berlin voll und ganz im digitalen Zeitalter angekommen ist. Dieses Tool hat mich zuverlässig durch die dreitägige Konferenz begleitet. Hier konnte man sein persönliches Programm zusammenstellen und wieder ändern, die Nachrichtenkanäle der TYPO abrufen und sich selbst auf der Twitterwall of Passion verewigen, sich zum Mittagessen verabreden und mitlesen, was andere Konfernzteilnehmer und Referenten von den Vorträgen halten.

Malte Christensen (@kopfbunt) kurz nach seinem Vortrag

Im Fall von David Carson und Studio Dumbar, war das nicht besonders viel. Carsons Vortrag habe ich selbst nicht gesehen, er hat aber mit den Bildern seiner ganz privaten Leidenschaften – Surfen und Frauen in Powerpoint präsentiert – mehrere hundert Leute aus dem anfangs randvollen Saal vertrieben, obwohl er mit dem Konzept seines Vortrags dem Konferenzthema näher war als manch anderer Redner. Ich bin ihm noch kurz vor Schluss der Konferenz begegnet, als er sich mit einer Gruppe von jungen Studentinnen fotografieren ließ. Es war bemerkenswert, das sich das Alter seiner Fans scheinbar genau entgegengesetzt zu seinem eigenen entwickelt.

Font Girls

Den finalen Vortrag performten Studio Dumbar, die ich gar nicht kannte. Hauptbestandteil der Dramaturgie war eine Reihe von Kurzinterviews mit Mitarbeitern des Studios zu verschiedenen Fragen z.B. über Essen, Trägheit und Tiere. Die Interviews wurden von Liza Enebeis (Typeradio) geführt. In fast bedrückender Atmosphäre, spielten sich die gesamten Sequenzen auf dem Gesicht einer Art menschlichen Wirts ab. Einem jungem Mann, der stillstehend, mit einer weißen Maske, die sprechenden Gesichter seiner Kollegen, von seinem ständig den Beamer justierenden Gegenüber, auf sein eigenes projeziert bekam. Ein  Tryptichon aus Leinwänden  zeigte gerenderte, animierte Skizzen und die Interviewfragen in Krakelschrift. #typo10 war sich einig: arty farty!, pretentious!, überflüssig! im Saal klatschten nur Wenige, die allerdings sehr bestimmt. Da ich das für exquisite Grafik vielfach ausgezeichnete Studio Dumbar aus Den Haag nicht kannte, war ich absolut unvoreingenommen. Weder fand ich die Performance langweilig, noch schlecht oder sinnentleert. Ich habe sie als Koketterie mit Kommunikation und Technik verstanden, mit 30 Minuten Dauer definitiv zu lang und innerhalb des Programms falsch platziert.

Mein Fazit: Die TYPO Berlin 2010 „Passion“ war eine lebendige, gutgelaunte Designveranstaltung, deren Programmverantwortliche den inhaltlichen Fokus im Hauptsaal, von der Typografie auf das gesamte Spektrum, das Kommunikationsdesign aktuell zu bieten hat, verlegt haben. Die drei Tage Dauerinspiration und Bildung waren sicherlich eines meiner Highlights in diesem Jahr. Emotional wurde die Konferenz zum größten Teil durch das Publikum getragen, es wurde überdurchschnittlich viel gelacht, in Szenen hinein applaudiert und vor Rührung geweint. Das vielversprechende Thema, war allenfalls eine Hilfslinie für das jährlich wechselnde Corporate Design der TYPO und ein durchaus wirksamer Stimmungsmacher bei Publikum und Sprechern.

Ab morgen gibt es hier bebilderte und bewegtbilderte Einzelbeiträge zu einigen Vorträgen bzw. Projekten im gewohnten TheJunction-Stil.

Fotos: © Julius Höhne

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