Völkerverständigung mal anders – Online-Games als Melting Pot

Quelle: http://www.flickr.com/photos/stephi2006/3935192240/sizes/l/in/photostream/

Ein abgedunkelter Raum, das einzige Licht strahlt vom Monitor des PCs, der Boden übersät mit Essensresten und Colaflaschen…Vor dem Computer sitzt
a) ein dürrer, neurotischer Nerd mit Brille und ängstlichem Blick
b) ein dem Gothic-Kult zugetaner Langhaariger mit Bart und schwarzer Kleidung
c) ein dicker, einsamer 14-Jähriger mit fettigen Fingern von zu viel Fast Food.
Alle drei sind natürlich männlich, blass und kennen Sonnenlicht nur aus Erzählungen.

So oder ähnlich sieht der typische Online-Gamer in den Köpfen vieler aus, die ihrerseits das Spielen nur aus Erzählungen oder vernichtenden Artikeln kennen. Aber stimmt das wirklich? Was macht sie tatsächlich aus, die Spezies “MMO Gamer”? Und was bedeutet überhaupt diese Abkürzung? Tauchen wir ab in die Welt der Kriegskunst – die World of Warcraft – um das herauszufinden.

Anfangen können wir mit mir: Weiblich, mag Sonne, hat studiert und spielt seit sechs Jahren aktiv und intensiv WoW, das mit 12 Millionen Spielern weltweit erfolgreichste „Massively Multi Online Game“. Damit hat das Klischee nicht gerechnet. Auch eine Menge anderer Dinge tauchen in den üblichen Beschreibungen nicht auf. Erfolgreiche Ärzte, knallharte  Anwälte und ganze Familien, die gemeinsam spielen; Beziehungen, die sich im Spiel – bzw. Ingame (ein Hoch auf Anglizismen, unsere ständigen Begleiter im Gaming-Kosmos)  entwickeln und sogar zu Ehen wachsen. Von 12-jährigen frechen Kindern bis zu 65-jährigen lustigen Rentnern ist quer durch die sozialen Schichten und Kulturen alles dabei, was man sich nur vorstellen kann. Gamer sind keine einsamen, scheuen, introvertierten Einsiedler, sondern schließen sich zu Spielerverbänden – Gilden – zusammen, führen bis zu 24 andere Mitspieler an, klügeln Taktiken aus, erkunden zusammen mit anfangs Fremden, später Freunden die kunterbunten Welten. Das Spielen verbindet, man lernt Menschen kennen, denen man sonst nie begegnet wäre. Der 23-jährige Arbeitslose teilt ein und dasselbe Hobby mit dem 40-jährigen Manager – in dieser Welt stehen beide auf einer Stufe, ziehen gemeinsam durch die Lande und kämpfen Seite an Seite gegen gefährliche Gegner. Sozialer Hintergrund, Alter, Nationalität – all das zählt nicht. Hier sehen wir nicht Polen, Deutsche, Türken oder Schweden sondern Elfen, Zwerge, Orcs und Trolle.

Die Gilde ist quasi das Sammelbecken, in dem alle zusammenfinden und zumindest ein Stück weit den Menschen hinter dem Charakter kennenlernen. Hier werden ingame gemeinsame Abenteuer überstanden und manchmal Freundschaften fürs Leben außerhalb des Spiels geschlossen. Treffen in der Realität – im Real Life – sind nicht ungewöhnlich, sogar über die Grenzen des eigenen Landes hinaus. So kommt es vor, dass Spieler z.B. nach Dänemark reisen, um dort mit einem Haufen Skandinaviern, einigen Deutschen und  einer Handvoll Holländern ein wunderbares Wochenende zu verbringen und neben Fachsimpeleien zum Spiel über Gott und die Welt zu reden. Oben genannte Typen a)-c) sind nicht dabei. Natürlich nicht, sie sitzen ja einsam und allein vor ihren heimischen Rechnern. Wer allerdings da ist, sind Männer wie Frauen, Schüler, Studenten, IT-Spezialisten, Elektroniker, Krankenschwestern…ein buntes Allerlei völlig unterschiedlicher Menschen, die Gemeinsamkeiten entdecken, mit denen sie nie gerechnet hätten.

Spielen macht einsam? Gamer sind Freaks? Nein, im Gegenteil: Spielen kann zusammenführen und Grenzen überwinden, Toleranz stärken und helfen über den Tellerrand zu blicken. Man muss es nur richtig angehen und offen sein – auch, wenn einem unerwartet doch mal Typ a)-c) über den Weg läuft…

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Kommentare zu diesem Beitrag


Top! Eine schöne Beschreibung einer mal anderen Sichtweise auf die Online-Gamer Community.

So…jetzt zieh ich mir mal meinen schwarzen Mantel an und geh vor die Tür… heute wird noch eine Ratte geopfert!

von Oli am 10.05.11