„Der Langhaarige darf fotografieren!“ — Harald Hauswald im Interview


08.11.09

Am 8. November 1989, heute vor 20 Jahren, führte der längst überfällige Protest der DDR-Bevölkerung, die Ausreise von Hunderttausenden über Ungarn und Prag und eine abgewrackte Wirtschaft zum Rücktritt der Regierung. Einen Tag später fällt die Berliner Mauer, 40 Jahre DDR-Diktatur sind de facto vorbei.

Harald Hauswald — Fotograf, Zeitzeuge und Mitbegründer einer der bekanntesten Fotografenagenturen in Deutschland, Ostkreuz — behauptet, die Mauer wäre schon vor ihrem Aufbau gefallen. In einem Interview, das genau genommen ein 1 1/2 stündiges Gespräch war, erzählte mir der Erschaffer unverwechselbarer Fotografien, aus seinem Leben in der DDR, von der Künstlerszene im Prenzlauer Berg und dem einzigen Refugium für Dissidenten das es in der DDR gab, den kirchlichen Einrichtungen. Er erzählte von seiner Arbeit als Fotograf unter doktrinären Umständen und den Repressalien denen er dadurch ausgesetzt war, verschweigt auch nicht mit welchen Mitteln er die Bespitzelungen der Stasi parierte.

Kürzlich im Jaron-Verlag erschienen ist Auferstanden aus Ruinen, eine fotografische Zeitreise und Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellungsreihe, die das 40-jährige Schaffen des Ausnahmefotografen an 20 renomierten deutschen Ausstellungsorten zeigt.  Eine Auswahl aktueller Ausstellungen von Harald Hauswald findet ihr hier.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Telegrammbote, Punk und Tangotänzer

TheJunction: In einigen Rezensionen ihrer fotografischen Arbeit aus der DDR, ist häufig von Distanz die Rede. Wie distanziert waren sie gegenüber ihren Motiven und dem Leben im Arbeiter- und Bauernstaat wirklich?
Harald Hauswald:
Ich denke ich war schon ziemlich nah dran an den Bildern. ein Freund hat mal über mich in einem Vorwort zu einem Buch geschrieben: „Wenn er Tangotänzer fotografiert hat, ist er zum Tangotänzer geworden und wenn er Punks fotografiert hat ist er zum Punk geworden.“ Ich hab schon immer versucht ziemlich nah an die Leute heranzukommen, deshalb auch meistens Weitwinkel, selten Teleobjektiv. Mit dieser Nähe zum Motiv musste man sich auch outen als Fotograf so ein zwei Meter vom Motiv weg. Ich denke nicht das ich innerlich distanziert war, meine Distanz bestand zur herrschenden Macht.
TheJ:
Deren Ausführer und opulente Machtdemonstrationen sie aber gar nicht fotografiert haben, sie haben unten fotografiert.
HH: Genau,ich hab mich eingesperrt gefühlt in der DDR, ich hab Druck von aussen gespürt und deswegen ist der Gegendruck von innen gekommen. Die Fotografie war meine Möglichkeit, wenigstens meinen Kopf von dem Gefühl des Eingesperrtseins zu befreien.

TheJ: War dieses Eingesperrtsein auch ihre Intention, direkt von der Straße, ins Leben hinein zu fotografieren?
HH: Nein, nicht nur, schließlich habe ich diesen Beruf erlernt. Als ich damals nach Berlin gekommen bin, habe ich erstmal als Telegrammbote angefangen. Damals wurden die E-Mails noch ausgedruckt und zu den Leuten nach Hause gebracht. Dabei habe ich natürlich das pure Leben gesehen, auf der Straße. Wir waren bis zu vier Stunden täglich zu Fuß unterwegs, wir sind durch den ganzen Prenzlauer Berg gelaufen. So haben viele angefangen. Schriftsteller und Maler die ich kenne, haben alle als Telegrammbote gearbeitet, weil man in der DDR das Recht, aber auch die Pflicht hatte zu arbeiten, und wenn man nicht gearbeitet hat, konnte man ganz schnell als kriminell eingestuft werden. Ich kenne einige die im Knast waren wegen Asozialität. Der Vorteil dieser Arbeit war, man bekam als Telegrammbote keinen Arbeitsvertrag, sondern hat auf Stundenbasis gearbeitet. Wenn ich irgendwas als Fotograf gefunden hätte,  hätte ich sofort irgendwo anfangen können.

© Harald Hauswald

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Wegen der Liebe

TheJ: Sie sind in Radebeul bei Dresden geboren und aufgewachsen. Warum sind sie nach Berlin gezogen und nicht in Radebeul geblieben?
HH:
Über Nacht, durch eine Frau. Sie war Berlinerin und wir haben ein halbes Jahr in Radebeul gelebt, bis sie den Kleinstadtmief nicht mehr ausgehalten hat und mich vor die Wahl gestellt hat, entweder Berlin oder wir müssen uns trennen. Dann haben wir uns in den Zug gesetzt und sind nach Berlin gefahren.
TheJ: Das ist im Prinzip eine Geschichte die auch heute geschrieben werden könnte. Berlin als Zufluchtsort vor Kleinstädterei und Spielwiese für Kreativität.
HH: Ja, Berlin war die westlichste Stadt im Osten und am wenigstens kontrollierbar.
TheJ: Obwohl Berlin vermauert war und  geografisch eine der östlichsten Städte Deutschlands ist?
HH: Ja, trotzdem! Die Szene ist meiner Meinung nach entstanden, weil Prenzlauer Berg der dichtbesiedelste Bezirk war. Hier haben mal 185.000 Einwohner gelebt. Einige Bezirke wurden aus Prestigegründen mehr saniert, z.B. Pankow als Sitz vieler Botschaften oder Mitte wegen der Touristen. Den Prenzlauer Berg hat man vernachlässigt, überall noch Kriegsschäden und Baulücken. Deshalb war die kommunale Wohnungsverwaltung froh, wenn noch die letzte Bruchbude vermietet wurde, damit die Häuser nicht ganz verwahrlosen. Die Leute haben dann ja wenigstens gemalert…
TheJ: …oder Baumaterial geklaut um die Wohnung auszubauen.
HH: Ja, das habe ich auch gemacht. Jedenfalls sind fast alle Leute die von außerhalb zugezogen sind, automatisch im Prenzlauer Berg aufgeschlagen. Es gab damals nur 3-4 interessante Kneipen und die Leute die aktiver am Nachtleben beiteiligt waren, haben sich dort getroffen, irgendwann kannte man sich dann.
TheJ: Und dort hat sich dann auch die Ost-Berliner Künstlerszene getroffen?
HH: Absolut! Da hat man auch die Leute getroffen die anders gedacht haben.

© Harald Hauswald

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Andersdenkende erwünscht

TheJ: War dieses Andersdenken, die globale Verbindung die man mit diesen Menschen hatte?
HH: Das war die Sehnsucht nach der Globalität. Wir haben unter einer Käseglocke gelebt, der Rest der Welt war für uns unerreichbar. Es gab immer eine Jugendbewegung die anders war, in den 60gern fing das mit der Beatmusik an, in den 70gern waren es die Tramper, in den 80gern die Punks und dann die Hooligans. Es gab immer irgendwelche Gruppierungen die dann natürlich auch von der Stasi beäugt wurden, ausgiebig.

TheJ: Wurde irgendwann einmal zu DDR Zeiten ihre Arbeit als Fotograf gewürdigt, und abgesehen von Bespitzelungen, überhaupt wahrgenommen?
HH:
Nur von der kirchlichen Seite. Die Kirche war wie ein Refugium für Dissidenten, überall wo es kirchliche Einrichtungen gab, fand man auch Leute die anders waren. Bei Zittau gibt es das Melzerheim die waren irgendwann soweit, das die ganzen Mitarbeiter der kirchlichen Einrichtung, sich nach und nach die Häuser im Dorf gekauft haben und eine Petition an Honecker schreiben wollten, um ihr Gebiet als autonom zu erklären.
Ich hatte damals einige Aufträge von der Kirchenzeitung und  ca. 50 Ausstellungen aber nur in Jugendclubs, kirchlichen Räumen und Privaträumen. Ab ’87/’88 gab es eine kleine Öffnung. Einige Redakteure  haben dann die Zensur nicht mehr so streng mitgemacht. Ich hattte dann sogar Veröffentlichungen vom Sonntag, dem jetztigen Freitag und wurde sogar noch im Herbst ’89 in den Künstlerverband der DDR aufgenommen.
TheJ: Geschah die Aufnahme Pre- oder Postwende? Herbst ’89 sagt ja nichts über die politische Situation Ostdeutschlands aus.
HH: Das war im September. ich hatte eigentlich eine Sperre von der Stasi für den Künstlerverband, die 1984 oder 1985 verhängt wurde.Es hieß auf einem Din A4-Blatt mit rotem Filzstift: „Den Fotografen Harald Hauswald auf keinen Fall in den Künstlerverband aufnehmen“. Die letztendliche Aufnahme lief dann an den Vorständen des Verbandes vorbei. Die Aufnahmearbeit war eine Tanzserie die in den interessanten Clubs entstand die in Ostberlin immer überfüllt waren, Knaack und Franz.

© Harald Hauswald

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TheJ: Apropos Tanzen bzw. Feiern, das war schon ein großer Bestandteil ihrer Fotografie der DDR-Ära, Feiern, angefangen vom einfachen Versammeln, Tanzen, bis hin zu Bildern von völlig Besoffenen.
HH: Das war die Möglichkeit wo man am besten fotografieren konnte, z.B. auf den zahlreichen Mottofesten. Man fiel nicht auf, man konnte sich relativ frei bewegen und unbehelligt fotogtafieren. Aber ohne Kontakte zu den Veranstaltern und Gästen, lief nichts, jeder der Freiraum bot und wollte, versuchte sich vor der Stasibeobachtung zu schützen. Als Fotograf stand man immer unter dem Verdacht von der Stasi zu sein. Die Punks haben später mal gesagt: „Wenn der mit den langen Haaren kommt, der darf fotografieren.“

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Von Mund zu Mund

TheJ: Wollte sich alles was mit Freiräumen zu tun hatte, vom Staat distanzieren?
HH: Prinzipiell schuf nur die Kirche diese Art von Freiräumen. Angefangen von offener Jugendarbeit über Proberäume für Punkbands bis hin zu Ausstellungen von Kunst die auf dem staatlichen Index stand. Für das Buch Ost-Berlin, das 1987 zusammen mit Lutz Rathenow entstand, und dessen Ostberlin-Premiere in der Gezemanehkirche mit einer Ausstellung gefeiert werden sollte. Die Reaktionen der Staatsorgane darauf waren verwunderlich.
Am Morgen der Eröffnung war Lutz in der Kirche, als der Politoffizier vom Stadtbezirk da war, um die Ausstellung abzuhängen. Rathenows Reaktion darauf: „Das ist ja prima, die ARD kommt gleich und dann ist das spätestens heute Abend in den Tagesthemen, einen besseren Gefallen können sie uns doch gar nicht tun.“  Nach 10 Minuten kam der Offizier wieder und meinete zähneknirschend „Die kann hängen bleiben“. Trotzdem wir keinen einzigen Pressehinweis auf die Ausstellung hatten, kamen rund 800 Menschen.
TheJ: Wie hat sich das verbreitet?
HH: Einfach nur von Mund zu Mund.

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Ost-Berlin gab es nicht

TheJ: Ich möchte näher auf das Buch „Ost-Berlin“ eingehen. Soweit ich weiss, stand das Buch auf dem Index der DDR und ist nur in der BRD erschienen.
HH: Wir haben es in der DDR gar nicht erst eingereicht. Es ist in der BRD gedruckt worden.
Lutz Rathenow hatte nach West-Berlin schon Kontakte. Berlin war ja der Sonderfall, hier waren schätzungsweise 14 Journalisten aus dem Westen akkreditiert, die hier auch gelebt haben. Die haben unser Material immer hin und her geschafft, die hatten eine Grenzempfehlung und sind nicht kontrolliert worden. Die durften Arbeitsmaterial unkontrolliert ein- und ausführen. Über die hatte ich schon vorher erste Veröffentlichungen in der taz und in der Litfaß, deshalb ging auch der Ärger mit der Stasi los.
TheJ: Wie kam es überhaupt zur Entstehung des Buches?
HH: 1987 war die Berliner 750-Jahrfeier und wir hatten eine Menge Material beisammen, also wollten wir was draus machen. Der Lektor vom Piper-Verlag war sofort dafür, es wurden 3000/4000 Stück gedruckt und die waren innerhalb eines Jahres vergriffen. In der DDR wurde es fotokopiert weitergereicht.
TheJ: Das Buch war in der DDR also nie im Buchladen zu kaufen?
HH: Nein, das wäre schon allein wegen des Titels nicht gegangen. Ost-Berlin, das hieß „die Hauptstadt der DDR“. Ost-Berlin wurde nie gesagt, die haben zwar von West-Berlin gesprochen, aber nie von Ost- Berlin. Kurt Hager hat wegen des Buchs sogar einen Brief an Erich Mielke geschrieben.
Auf der Leipziger Messe wurde es jeden Tag vom Zoll beschlagnahmt und Lutz hat es immer wieder ins Regal zurückgestellt. Sonst haben die DDR-Bürger immer die Westbücher geklaut und dieses Buch wurde von einem DDR-Bürger immer wieder reingestellt. Rathenow hat sich sein gesamtes Honorar in Büchern auszahlen lassen, um die in Umlauf zu bringen.

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Nicht im Sinne der DDR

TheJ: Haben sie auch schon zu Ostzeiten für westdeutsche Medien gearbeitet?
HH: Ich hab einige Sachen für den Stern und die Geo gemacht.
TheJ: Um was ging es in diesen Reportagen?
HH: 1986 gab es ein Berlin-Special für die 750-Jahrfeier. Dafür habe ich zwei Sachen gemacht einmal über Berlin die Stadt und eine Szene-Reportage. Dafür hatte ich direkt einen Auftrag. Später hatte ich noch eine Reportage über die Zionskirche gemacht, die war bekannt durch den Überfall der Skins 1987.
TheJ: Wie ist das mit der Bezahlung gelaufen?
HH: Das ist ein interessanter Aspekt, denn die Stasi hat in West-Berlin recherchiert, ob ich da ein Konto habe. Das die auf die Banken in West-Berlin Zugriff hatten, hatte ich nicht vermutet. Ein Westberliner Freund hatte in München über seine Mutter ein Konto für mich eingerichtet. Er hat mir dann immer mal wieder Geld mitgebracht oder dafür Ausrüstung gekauft.
TheJ: Das Honorar konnte also nicht direkt an sie überwiesen werden?
HH: Um Gottes willen, ich hätte ja zugegeben das ich mich strafbar gemacht hab. Ein klarer Fall von Devisenvergehen.
TheJ: War es per se verboten für den Westen zu arbeiten?
HH: Ja!
TheJ: Die Stasi hatte doch sicher Zugriff auf die Zeitungen?
HH: Nach der Geo-Geschichte wurde mir der Benutzerausweis für die Fotoentwicklungsstelle beim Berliner Verlag, die grundsätzlich für Honecker-Fotografien Westequipment von Kodak benutzte, entzogen, mit der Begründung ich wäre nicht im Sinne der DDR tätig.
TheJ: Die Kontakte zum Westen waren also immer da?
HH: Überlebenswichtig! Für mich waren sie deswegen wichtig, da die Presseaufmerksamkeit aus der BRD mich vor Inhaftierung schützte, wenn ich Vernehmungen zugeführt wurde. Das wäre sofort im Rias gekommen. Da die DDR aber um internationale Anerkennung bemüht war, und das Inhaftieren eines Fotografen absolutes Unverständnis hervorgerufen hätte, hat die Stasi sich davor gehütet mich ins Gefängnis zu stecken. Es gab auch einen Haftbefehl von 1985 der nie ausgeführt wurde, da er laut oberstem Stasichef aus politischen Gründen im Moment nicht ratsam sei. Ich habe gegen vier Paragraphen verstoßen: Weitergabe geheimer Nachrichten, Agententätigkeit, staatsfeindliche Hetze und Devisenvergehen. Das hätten bis zu 12 Jahre Haft in Bautzen sein können.

© Harald Hauswald

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TheJ: Was unterschied den normalen DDR-Bürger von Menschen wie ihnen und anderen Systemkritikern?
HH: Der Großteil der Menschen hat sich für den ganzen Scheiß gar nicht interessiert, die haben sich rausgehalten, ihr Datschendasein geführt, aber das war auf eine Weise auch sympathisch. Die Leute haben sich ihre Nischen geschaffen und haben viel näher zusammengerückt gelebt. Die Menschen waren offener, es gab diese Ellenbogengesellschaft nicht. Geld war für Konsumzwecke nicht so wichtig, denn es gab ja kaum was zu kaufen. Alles war erschwinglich, von daher ließ es sich leben und das haben die Leute auch gemacht.

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Visafrei bis Shanghai

TheJ: Als es dann zum Mauerfall kam, wie war das für sie? Was hat Harald Hauswald in dem Moment gedacht, gefühlt, sich gewünscht?
HH: Ich hab gehofft, das ich als Fotogtaf überleben kann.
TheJ: War das gleich so ein wichtiger Gedanke damals?
HH: Relativ schnell, es war klar das es härter wird. Auf der anderen Seite war es der größte Moment in meinem Leben, über Nacht Gedanken- und Reisefreiheit geschenkt zu bekommen.
TheJ: Und jetzt, 20 Jahre später, fühlen sie sich frei?
HH: Ja, Ich fühle mich frei. Wir machen mit der Agentur ein neues Projekt, über die Stadt. Dafür war ich gerade zwei Wochen in Shanghai. Ich bin auch auf Shanghai gekommen, weil es damals auf einer der Demos ein Plakat gab: „Visafrei bis Shanghai“, das wollte ich dann auch mal machen.

© Harald Hauswald

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Die DDR war eine Kunstwelt

TheJ: In der Rezeption der DDR spielt Verklärung eine ziemlich große Rolle. Wie sehen sie das?
HH: Mir ist oft vorgeworfen worden, das ich die DDR so trist dargestellt hätte, aber so war sie ja auch. Ich denke das ich mit meinen Bildern etwas gegen die Verklärung der DDR machen kann.
TheJ: Wer hat ihnen das vorgeworfen?
HH: Z.B. Ausstellungsbesucher, es gab bitterböse Vorwürfe: „Wo sind denn unsere lachenden Kinder in den Kindergärten“ u.s.w. Da gibt es eine ganze Menge die zu schnell vergessen haben wie dieses Land mal aussah.
TheJ: Natrürlich lachen Kinder. Kinder lachen auch in Nordkorea.
HH: Ich habe das fotografiert was ich gesehen hab und so war es nun mal. Die Leute vergessen einfach wie es mal ausgesehen hat. Das sind die, die sich am Händchen durchs Leben haben führen lassen von der Regierung und heute müssen sie selber laufen.
HH: Bei einer Schulveranstaltung meinte ein Schüler: „Meine Eltern haben gesagt, das Gesundheitssystem sei viel besser gewesen“  Was nützt ein ausgebautes Gesundheitssystem, wenn Medikamente fehlen und die Infrastruktur nicht stimmt. Was nützt ein gutes Schulsystem wenn scheiß Lehre gemacht wird, Geschichtsfälschung betrieben wird und es keine Meinungsfreiheit gibt.
TheJ: Gibt es irgendein materielles oder ideeles Gut, was durch den Mauerfall kaputtgegangen ist?
HH: Nein, es war eine Kunstwelt und die Sachen die gut waren, der Zusammenhalt, die soziale Sicherheit u.s.w. wurden von aussen durch Druck künstlich erzeugt. Das konnte nicht bestehen, davon hätte man sich gewünscht, das es übrig bleibt. Das ist auch das, dem viele hinterherjammern, aber das musste verschwinden, denn der Rest der Welt hat schon immer anders gelebt. Und ich gehe noch weiter, die Mauer war schon abgerissen bevor sie überhaupt aufgebaut wurde, der Widerstand hatte sich zwar nie richtig formiert,  ist aber auch nie wirklich erlahmt.

ENDE

Harald Hauswald lebt heute noch im Prenzlauer Berg und arbeitet nach wie vor als Fotograf. 1990 gründete er mit anderen Fotografen, die Agentur Ostkreuz. Er fotografierte Hooligans, die Hausbesetzerunruhen in der Mainzerstraße und schoß so einige Reportagen für die Zeit und die Geo.

 
  1. „Can you tell me more…?“ - TheJunction

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  2. harald hauswald – der langhaarige darf fotografieren « rollerfink

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