Versunkene Schätze in Serie, Teil Drei: Unfreiwillige Helden und Taschentuchalarm in Third Watch
Serien, die ordentlich auf die Tränendrüse drücken und nur so mit medizinischen Fachbegriffen um sich werfen, haben lange Tradition. Seien es der Klassiker Emergency Room, aktuell die wahnsinnig attraktiven Götter in weiß bei Grey’s Anatomy oder der grantige Dr. House in der gleichnamigen Serie – dramatische Geschichten zwischen Leben und Tod reißen das Publikum einfach mit. Eine Sendung, die ähnlich emotional und spannend allerlei Rettungsgeschichten erzählt, die Retter jedoch in blau präsentiert und hierzulande kaum beachtet wurde, ist Third Watch, ein Ableger der Hitschmiede der ER-Macher. Die Serie porträtierte von 1999 bis 2005 die Abenteuer von Polizisten, Sanitätern und Feuerwehrmännern des fiktiven 55. New Yorker Reviers, die bei ihrem Einsatz während der dritten Tagesschicht von 15 bis 23 Uhr (englisch „Third Watch“) die Straßen des Big Apples behüten. Dabei geht es meistens nicht nur wahnsinnig dramatisch zu, sondern auch Action und reichlich Humor stehen an der Tagesordnung. Wer jetzt befürchtet, dabei handele es sich um ein oberflächliches Kitschfest, sei beruhigt: Third Watch zieht einen mit ereignisreichen Storys nicht nur ganz schnell in seinen Bann, sondern sorgt dafür, dass man die vielseitigen Figuren innerhalb kürzester Zeit in sein Herz schließt.
Quelle: Warner Bros.
Ausschlaggebend dafür sind vor allem die gegensätzlichen Teams, auf die die Zuschauer in Third Watch treffen. Besonders stechen Faith und Bosco hervor – ein Team, wie es ungleicher kaum sein könnte, das sich aber gleichzeitig perfekt ergänzt. Während die herzensgute Faith damit kämpft, ihre kriselnde Ehe, zwei Kinder und den knochenharten Job unter einen Hut zu bringen, genießt der politisch nicht ganz korrekte Bosco sein Single-Dasein in vollen Zügen und eckt sowohl privat als auch beruflich immer wieder an. Angesichts der herrlichen Wortgefechte zwischen den beiden und den wunderbaren Onelinern Boscos, ist beste Unterhaltung garantiert. Aber auch die anderen Figuren wissen zu überzeugen: Da wäre der leicht mürrische und nicht gerade schlanke Polizist Sully, der sich mit Ty, dem Sohn seines verstorbenen Partners zusammentut. Oder die nicht enden wollende Dreiecksgeschichte zwischen dem Feuerwehrmann Jimmy, seiner Exfrau Kim und ihrem Sanitäterkollegen Bobby.
Kurzum: Bei solch einem großen Cast sind komplizierte Verwicklungen vorprogrammiert. Third Watch gelingt es dabei bei all der Dramatik, trotzdem authentisch zu wirken und nicht in eine Seifenoper „abzurutschen“. Auch wenn bei den Charakteren die Gefahr besteht, in platte Figuren zu verfallen, widerstehen die Macher der Serie dieser Versuchung und präsentieren sie als komplexe Menschen mit reichlich Stärken und mindestens genauso vielen Fehlern. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei auch der Schauplatz von Third Watch: Statt die xte Serie zu haben, die in New York spielt, aber im sonnigen Kalifornien gedreht wurde (und auch sehr danach aussieht), gibt es hier tatsächlich den echten Big Apple zu bewundern. Da sich die Mehrheit der Geschichten auch auf den Straßen New Yorks abspielt, wird die Stadt damit selbst zu einem Charakter, der eine ordentliche Prise Leben zur Atmosphäre der Serie beiträgt. Ein New York mit vielen nicht so schönen Ecken, harten Wintern und wenig Glamour, das dennoch nur so vor Charme trotzt.
Und wenn man schon bei New York und Geschichten rund um die lebensrettende Zunft ist, muss man natürlich auch automatisch an die Terroranschläge vom 11. September denken. Da sich die Serie zu just jenem Zeitpunkt in der dritten Staffel befand, kam natürlich schnell die Frage auf, ob und wie die Macher der Serie mit dem dramatischen Vorfall umgehen. Kurz vor dem Anschlag waren schon die ersten Folgen für die neue Season abgedreht – nach langem Überlegen entschied man sich aber dafür, diese nach hinten zu verschieben und den Staffelauftakt mit zwei Folgen zu gestalten, die den 11. September thematisieren. Und das gelang ihnen wunderbar: Entstanden sind zwei sehr ruhige Folgen, die sich auf die einzelnen Figuren der Serie konzentrieren und ganz persönliche Geschichten erzählen, statt das Ereignis als Ganzes zu thematisieren und jemals die Anschläge oder das World Trade Center selbst zu zeigen. Während die erste Folge vor den Anschlägen spielt und in dem Moment aufhört, in dem das erste Flugzeug das Word Trade Center trifft, spielt die zweite Folge zehn Tage danach. Bewegend, aufrichtig und emotional, ohne reißerisch zu sein – so, wie auch die Serie insgesamt ist. Da in Third Watch auch regelmäßig echte Polizisten und Feuerwehrmänner als Komparsen mitspielten, hatte das fiktive Aufarbeiten der Anschläge auch einen traurigen Hintergrund: Viele der Darsteller, die auch im wahren Leben die Straßen New Yorks hüteten, sind am 11. September ums Leben gekommen. Und so steht eine Folge, die im Sommer 2001 gedreht wurde, im Zeichen all der Polizisten , die in einer Schlüsselszene der Episode neben zwei Hauptdarstellern zu sehen sind und wenige Monate zuvor gestorben waren.
Wer sich selbst einen Eindruck von Third Watch machen möchte, kann dies zurzeit auf DVD tun. Bisher gibt es die ersten beiden Staffeln im Handel zu kaufen – eine Veröffentlichung der anderen vier lässt leider auf sich warten, da die Musikrechte der verwendeten Songs zum Teil horrende Summen fordern. Ein Wehrmutstropfen gerade für deutsche Fans, die dank VOX nur in den Genuss der ersten drei Staffeln kamen.
TheJunction präsentiert in der neuen Reihe „Versunkene Schätze in Serie“ regelmäßig besondere Klassiker der TV-Geschichte ebenso wie verkannte TV-Schätze unserer Zeit.





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