Anna Wintour in „The September Issue“ Oder: Vom Teufel zum Mensch
Anna Wintour ist wohl unbestritten eine der einflussreichsten Frauen in der Modewelt. Vor fünf Jahren wurde die „Grande Dame der Mode“ in der „Teufel trägt Prada“ als herrschsüchtige, rücksichtslose Sklaventreiberin dargestellt – in grandioser Besetzung durch Meryl Streep, die sich bei der Darstellung offensichtlich stark von Cruella de Vil inspirieren ließ. Glaubte man, Frau Wintour sei das Gerede um ihre Person egal, hat sie ein findiger Berater dann wohl doch überredet, den Mythos „Wintour“ mit dem gerade in Deutschland auf DVD erschienenen Doku-Pic „The September Issue“ ins rechte Spotlight zu rücken. Der Film möchte einen Einblick in ihr Leben diesseits und jenseits des Catwalks geben. Obwohl oftmals der Eindruck einer gut geölten PR-Maschinerie aufblitzt, kann man dennoch an einigen Stellen einen Blick auf die vermeintlich wahre Chefredakteurin bekommen. Bildstrecken werden kurzerhand abgeschmettert, Karl Lagerfeld wird mit einem Lippenkräuseln abgetan, als er eine Jacke „Anna“ tauft, und die ganze Modewelt muss auf den Beginn einer Catwalk-Show eine halbe Ewigkeit warten, weil Mme Wintour sich „verspätet“. Betrachtet man den Umgang der Chefredakteurin mit der Kreativchefin der Vogue – Grace Coddington – versteht man, wie es zu dem Spitznamen „Nuclear Wintour“ kam: Um jedes Fotoshooting, sogar um jedes Bild entbrennt ein wahrer Kampf zwischen den beiden Damen. Da sie bereits seit 23 Jahren zusammenarbeiten scheinen sie sich allerdings aufeinander eingespielt zu haben. Und Coddington ist wohl die einzige Frau der Welt, die es nicht müde wird, den täglichen Fashion-Kampf mit Anna aufzunehmen. Fast fühlt man sich bei den beiden – nicht nur äußerlich – an einen Komplemenärkontrast erinnert: Sie stehen im vollkommenen Kontrast, ergänzen sich aber anscheinend wunderbar.
Quelle: http://www.flickr.com/photos/kekkoz/4395769906/sizes/m/in/photostream/
Der Film gewährt auch private Eindrücke: So spricht Wintour davon, dass ihre Geschwister – alle in gehobenen „ernsthaften“ Positionen – sie lediglich mit einem Lächeln abtun, sobald sie von ihrer Arbeit redet. Sie schmunzelt, aber es wirkt, als wurme sie dieser Umstand trotzdem. Und wenn sie letztlich mit ihrer Tochter Bee Shaffer in einem schlichten Strickpulli auf der Couch sitzt und die Cover vorheriger Vogue-Ausgaben begutachtet, scheint es wirklich, als wäre die eiserne Lady ein Mensch. Der Umstand, dass auch ihre Tochter nichts mit dieser „komischen“ Modebranche anfangen kann, lässt sie fast ein wenig traurig wirken.
Insgesamt für Modefans ein interessanter – wenn auch kein allzu überraschender – Film, bei dem allerdings an vielen Stellen eine leider allzu leicht durchschaubare PR-Maschinerie offensichtlich wird. Daher verwundert es auch nicht, dass man sich die vollen knapp 90 Minuten fragt, wer nun wirklich hinter dieser Fassade steckt.





Kommentare zu diesem Beitrag