Pfundig. Die Bilder von Jenny Saville.

© Johnie Shand Kydd
© Johnie Shand Kydd

Was macht Kunst aus? Ist sie schön? Liegt sie im Auge des Betrachters? Ist sie politisch oder gesellschaftskritisch? Oder doch nur ein Handwerk, das jener beherrscht und ein anderer nicht? Jenny Saville ist kunstfertig. Und sie nimmt Stellung zu einem Thema, das aus allgemeinem Überdruss gerade mal wieder nicht en vogue ist. Übergewichtige Frauen, ihr weißes, üppiges Fleisch sind ihre Inspiration. Unsere Gesellschaft, die trotz Dove-Werbekampagne und Cat-Walk-Streik in Spanien weiterhin das Bild einer allzeit bereiten, überschlanken Frau propagiert (neuester Auswuchs: Größe 0!) findet dicke Frauen nicht schön. Sie findet sie faul, unbeherrscht, manchmal sogar abstoßend. Mit ihrer Kunst schafft Saville eine Nische für übergewichtige Frauen in der gegenwärtig visuellen Kultur. Nicht nur ihre Motive, auch die Formate sind zumeist massige, großformatige, fast riesige Ölgemälde. Der Vergleich mit Rubens muss nicht unterstellt werden, die Künstlerin zieht ihn selbst. Da unser Blick nun schon so sehr an das gängige Schöne gewohnt ist, wirken ihre Bilder durchaus schockierend. Wenn dicke Leiber sich gegen Glasplatten drängen, jede einzelne Speckrolle on display, da hält man schon mal kurz den Atem an. Schön ist das nicht. Aber warum eigentlich nicht?

Ein visuell sehr fesselndes Bild von Saville ist die Darstellung eines Transvestiten, der mit einem echten Penis und falschen Brüsten ausgestattet ist. Die Künstlerin selbst führt aus: „Mit dem Transvestiten war ich auf der Suche nach einem Körper, der sich zwischen den Geschlechtern bewegt. [...] Vor dreißig oder vierzig Jahren hätte solch ein Körper nicht existieren können, und ich hielt Ausschau nach einer Art Gegenwartsarchitektur des Körpers.

Ich wollte einen visuellen Weg zwischen den Geschlechtern malen, so etwas wie eine Geschlechterlandschaft, die vom Penis über den Bauch zu den Brüsten und schlussendlich zum Kopf führt. Dabei versuchte ich, Lippen und Augen sehr verführerisch darzustellen und Wegweiser einzubauen, die das Auge des Betrachters um das Fleisch herumführen.”

Es lässt sich erkennen, dass Jenny Saville den Betrachter immer ungeschönt und direkt auf die ungebetenen Details ihrer Darstellungen lenken will. Der Mensch ist, wie der Mensch ist: mitunter grotesk in seiner Körperlichkeit, unerwartet und immer auf neuen Pfaden der Leinlichkeit. Jedes gesellschaftliche Körperideal impliziert zugleich die Existenz dessen, was Menschen nicht mehr sehen wollen oder sogar ablehnen. Charakteristisch für Savilles Arbeiten sind dickleibige Frauen, gewaltige Körper und unförmige Haut. Ihr Werk stellt die Weigerung einer leeren, immer gleichen Schönheit dar.

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