re:view PRÊT À PORTER PARIS – Head In The Clouds

Die Pariser Modewoche wurde von einem Engländer eröffnet, einer der mit seinen Entwürfen zu den meist beachteten Designern im momentanen Modezirkus zählt – Gareth Pugh. Die Vorderseite in Weiß, die Rückseite komplett in Schwarz, Kragen und ‘Rüstungen’ die an das Goldene Zeitalter unter Elisabeth I. erinnerten.

Gareth Pugh
Gareth Pugh

Seine Kleider sind theatralische Kunstwerke, großartig konstruiert und alles andere als für die Straße gemacht. Vielleicht lieben ihn genau deshalb Stars wie Kylie Minoque oder die deutlich abstraktere Roisin Murphy. Pugh ist nicht der erste Absolvent des Central Saint Martins der an der Seine zum Star wird, er tritt in die Fußstapfen von John Galliano oder Alexander McQueen.

Alexander McQueen
Alexander McQueen

Auch diese beiden haben Aufsehen erregt und sind mittlerweile feste Größen und Impulsgeber. Gallianos Kollektion für Dior zeigte kurze Kleidchen mit schwingenden Röckchen, alles war sexy und leider viel zu kommerziell. Was er unter eigenem Namen zeigte ist ebenfalls nicht der Rede wert. Inspiriert von den Bärenfellmützen englischer Soldaten zeigte er Kombinationen in rot und schwarz, dazu ein paar Blumendrucke und lächerliche Perücken. Alles nicht sehr originell. Alexander McQueen platzierte seine Modelle zwischen ausgestopften Elefanten und Eisbären, und wollte vielleicht so auf den Klimawandel und das Aussterben bedrohter Tierarten aufmerksam machen. Seine Kleider waren bedruckt mit gespiegelten Holzmaserungen und Amethystdrusen, er bestickte ganze Outfits mit Steinen und bändigte sie mit breiten Lederkorsagen. Noch eins drauf setzte die Urmutter der britischen Mode, Vivienne Westwood. ‘Do it Yourself‘ war das Motto und so sah es auch aus.

Valentino
Valentino

Aber auch wenn man eine solide Kollektion in der Tradition des Brotgebers abliefert, ist man noch lange nicht auf der sicheren Seite. Diese Erfahrung macht in diesen Tagen Alessandra Facchinetti, die noch bis vor wenigen Tagen die Nachfolge von Valentino Caravani inne hatte. Eine Kollektion die von Edelsteinen inspiriert war, weich fließende Stoffe mit dekorativen Stickereien, alles typisch Valentino. Permira, eine Investmentfirma, ist seit Mai 2007 Eigentümer und ein Umsatzverlust von 16% war eben nicht hinzunehmen. Es stellt sich jedoch die Frage, warum man noch die Modenschau über die Bühne brachte und die Designerin nicht schon im Vorfeld informierte?  “It was with deep regret that I learnt from the press that I would no longer be working with Valentino. This news came as a great surprise since the company’s top management has not yet seen fit to inform me of the above,” so Facchinetti im Telegraph. In der Mode ist eben nur die Fassade hell leuchtend, dahinter ist sie eine Schlangengrube.

Comme des Garçons
Comme des Garçons

„Und über uns im schönen Sommerhimmel / War eine Wolke, die ich lange sah / Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich auf sah, war sie nimmer da.”* Rei Kawakubo krönte die Modelle mit gen Himmel schwebenden Wolkengebilden, während ihre Mode zurück zum Ursprung der Marke ging – Schwarz. Zu Beginn der 80er Jahre setzte sie mit Comme des Garçons einen klares Statement, sie lieferte einen deutlichen Gegenentwurf zu den femininen Powersuits die etwa durch Montana oder Mugler propagiert wurden. Kawakubo hat bewiesen, dass sie mit ihrer avantgardistischen Mode auch mehr als 20 Jahre nach Markteinführung noch eine der wichtigsten Impulsgeber in der Mode ist. Die Kollektion selbst lässt sich allerdings nicht in Worte fassen, sie ist nicht greifbar. Schwarze Stoffgebilde die ihre Struktur durch das Material und den Schnitt erhalten, bestehend aus zusammengesetzten geometrischen Formen. Ihre Röcke und Kleider erinnern an auseinander genommene Fußbälle, dazu Jacken die auf dem Rücken zu schließen sind und Unterkonstruktionen aus Vinyl. Nur wenige weiße Farbtupfer, als zierendes Element eingesetzt, lockern die Strenge auf. Und verdeutlichen wieder wie raumgreifend das Schwarz ist.

Avantgarde kann auch leuchten wie Solarzellen, das bewies Nicolas Ghesquière bei Balenciaga. “Matte and shine, playing with textures to see how they reflect or absorb light. And playing with our house codes.”, beschreibt der Designer selbst seine Kollektion. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, ausser dass er jedem Modell eine Tasche in die Hand drückte und so das Kerngeschäft allen vor Augen führte: Ohne Accessoires geht auch bei Balenciaga nichts!

Wunderkind
Wunderkind

„If you didn’t ask yourself too many questions about the viability of Joop’s creations-multicolor polka-dot suit, anyone?-this stream-of-consciousness collection was an amusing ride.”, Nicole Phelps bei Style.com über Wunderkind. Wolfgang Joop mixt wieder Stoffe und Muster, und bringt trotzdem gekonnt Harmonie in die Kollektion. Er beweist wieder, dass das Label Wunderkind zurecht einen Platz auf der Modebühne verdient und die Marke trotz der Potsdamer Wurzeln alles andere als provinziell ist.

Nun sind wieder vier Wochen vorbei, vier Modestädte haben sich wieder gegenseitig den Rang streitig machen wollen und bewiesen, dass alle Vier einen besonderen Reiz haben. Paris war der Abschluss und es wird Zeit Bilanz zu ziehen: Trotz der vielschichtigen Strömungen wird auf die Schulter das Hauptaugenmerk gelegt – Mal eckig wie bei Balmain, mal rund wie bei Calvin Klein Collection, aber immer betont. Es wird viel Wert auf Material gelegt, technische Neuerungen sind bei Prada, Balenciaga und Hussein Chalayan zu sehen. Und dann gibt es Kollektionen, die so gleich sind, dass man ins grübeln kommt, Chloé und Christopher Kane zum Beispiel. Im Februar geht der ganz Zirkus von vorn los, und alles wird dann ein alter Hut sein.

*B.Brecht, “Erinnerungen an Marie A.”

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