Von wegen der Gärtner war’s: Krimiautor Sebastian Fitzek über Thriller, kreatives Schreiben und Lieblingskiller

Sebastian Fitzek macht derzeit wie kaum ein anderer die Krimiszene unsicher. Bereits sein erstes Buch Die Therapie war ein großer Erfolg und wurde als bestes Debüt für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Es folgten die Bestseller Amokspiel, Das Kind, Der Seelenbrecher, Splitter und Der Augensammler. Seine Fans dürfen sich bald auf neuen Lesestoff freuen: Am 27. September erscheint sein neuestes Werk Der Augenjäger.

Der gebürtige Berliner ist nicht nur in Deutschland erfolgreich unterwegs, sondern auch weltweit. Seine Bücher wurden bisher in über 20 Sprachen übersetzt – sogar in den Thriller-affinen USA und in der Krimi-Heimat England ist Sebastian Fitzek ein Verkaufsschlager. Das Geheimnis seines Erfolges? Krimis, die wahre Page-Turner sind und die man, wenn einmal angefangen, gar nicht mehr weglegen will. Und dazu noch ein Berlin, das sich nicht nur von seinen schönen Seiten zeigt, dafür aber die Leser um so mehr in seinen Bann zieht. Es schadet auch nicht, dass Sebastian Fitzek trotz des großen Erfolges bodenständig geblieben ist – ein waschechter sympathischer Berliner eben, mit dem sich bestimmt prima bei einem Bier über Gott und die Welt philosophieren lässt. TheJunction hatte die Gelegenheit, mit dem Krimistar über das Schreiben und aktuelle Projekte zu sprechen.

Quelle: Website des Autors

TheJunction: Wenn du einen neuen Roman schreibst, hast du die Geschichte dann schon vollständig im Kopf oder entwickelt sie sich beim Schreiben?

Sebastian Fitzek: Wie ich auf meine Ideen komme und ausarbeite, kann ich am besten mit einem Beispiel beantworten:

Die Idee zur Therapie kam mir tatsächlich, während ich in einem völlig überfüllten Wartezimmer eines Arztes darauf wartete, dass meine Freundin endlich wieder aus der Behandlung kommt. Als das nach einer halben Stunde immer noch nicht der Fall war, begann mein Thriller-Hirn zu grübeln: Was wäre, wenn dir jetzt alle sagen würden, sie wäre erst gar nicht hineingegangen? Wenn Sprechstundenhilfe und Arzt behaupteten, heute hätten sie meine Freundin gar nicht gesehen? Wenn auch die die anderen, wartenden Patienten mit dem Kopf schütteln würden? Welchen logischen Grund könnte es dafür geben, dass sie fortan nie wieder auftaucht? Nachdem ich diese Kern-Frage gefunden und für spannend befunden hatte, begann ich etwa ein Jahr lang nachzudenken. Danach hatte ich ein Exposé mit einer (wie ich finde) schlüssigen Story zusammen. Erst dann fing ich an zu schreiben.

Die Charaktere habe ich von Anfang an vor Augen, aber ich definiere sie nicht zu starr. Ich fertige also keine Lebensläufe oder ähnliches an, damit mich die Entwicklung, die die Figur beim Schreiben nimmt, auch selbst noch überraschen kann. Ich habe aber immer ein ganz klares Bild vor Augen und weiß bevor ich anfange, wie diese Person aussieht, wie es um ihre Psyche bestellt ist und wie sie ihre Herkunft und Vergangenheit geprägt hat.

Hast du unter deinen Büchern einen Lieblingsroman oder eine Lieblingsfigur?

Die Figuren, die mir besonders ans Herz gewachsen sind erkennt man immer daran, dass sie auch in anderen Büchern von mir wieder auftauchen.

Gibt es Romane, bei denen dir das Schreiben schwer fiel?

Es gibt bei jedem Roman Phasen, bei denen das Schreiben nicht leicht von der Hand geht. Schreiben ist wie Sport, man muss Tag für Tag seinen inneren Schweinehund überwinden. Dabei läuft‘s dann meistens ganz gut und hinterher fühlt man sich großartig.

Wie erklärst du dir deinen großen Erfolg?

Da muss man die Leser fragen, und zwar jeden einzeln. Ich denke, jeder hat einen eigenen, unterschiedlichen Grund, weshalb er mich gut findet (oder auch nicht;) Ich bin einfach nur froh, dass am Ende meine Mutter nicht die einzige auf der Welt war, der meine Geschichten gefallen haben.

Erzähl uns von deinem aktuellen Projekt, der Verfilmung von „Das Kind“.

Das läuft super, wir haben alles abgedreht und sind in der sogenannten „Post Production“, also im Schnitt. Musik wird komponiert und das Bild sowie der Ton bearbeitet. Es ist noch viel Arbeit bis der Film dann endgültig im nächsten Jahr in die Kinos kommt.

Der deutsche Feuilleton schaut oft gerne herablassend auf Thriller und Krimis. Was würdest du dem entgegensetzen?

Ein populärer Thriller verleitet (oftmals junge) Leser dazu, zum ersten Mal in ihrem Leben ein Buch in die Hand zu nehmen und sich die Welt des Lesens zu erschließen. Ein Verriss hält den Menschen davon ab, diese Welt des Lesens zu betreten. Jeder kann selbst entscheiden, welche Wirkung er für wichtiger hält.

Manche deiner Themen findest du in alltäglichen Situationen, zum Beispiel die Wartezimmerszene aus „Die Therapie“. Muss man sich das so vorstellen, dass du deine Tage kaum einfach ganz “normal” verbringen kannst, weil dir dauernd in jeder Situation neue Ideen einfallen? Schreibst du dir diese dann auf und hast eine kleine Sammlung an Ideen für neue Thriller?

Ja, ich finde mich ständig in merkwürdigen Alltagssituationen wieder, aus denen manchmal die Ideen für meine Geschichten entspringen. Ich sage ja immer, dass ich mich mittlerweile für einen „Irrenmagneten“ halte. Allerdings schreibe ich mir eine erste Idee nie auf. Nur wenn ich mich nach Monaten noch an sie erinnere ist sie es Wert, mich näher mit ihr zu beschäftigen.

Welchen Mörder aus der Popkultur findest du am interessantesten?

Hannibal Lecter und Dexter.

Du bist auf Facebook sehr aktiv und hast gerade einen Aufruf für 50.000 Fans der Verfilmung von „Das Kind“ gestartet, die – wenn erfolgreich – alle im Abspann genannt werden sollen. Wie wichtig ist dir der direkte Austausch mit den Fans?

Sehr wichtig. Jeder Künstler braucht sein Publikum und Feedback, sonst würde er mit seinen Werken ja nicht in die Öffentlichkeit treten. Ohne Lob und Kritik könnte ich mich nicht weiterentwickeln. Und ohne Reaktion würde das Schreiben zu einem anonymen Job im stillen Kämmerlein verkümmern. Ich bin froh, dass ich diesen Austausch habe.

Was können deine Leser als nächstes erwarten? Arbeitest du schon an einem neuen Buch?

Mein neuester Psychothriller, der am 27.9. erscheint, heißt: Der Augenjäger. Dort geht es um einen Arzt, der ein Doppelleben führt: Dr. Zarin Suker. Seine Patienten erleben ihn als einen versierten Augenchirurgen, bekannt für die kompliziertesten Operationen am menschlichen Sehorgan. Seine weiblichen Opfer erleben ihn als einen perversen Sadisten, der ihnen im wahrsten Sinne des Worts die Augen geöffnet hat. Ohne Betäubung. Noch sitzt Suker in Untersuchungshaft und die Beweislast ist erdrückend. Doch dann verschwindet die einzige Zeugin, die sich nach Sukers Behandlung nicht das Leben nahm, aus einem sicheren Haus im Opferschutz. Die Polizei greift zu einer verzweifelten Maßnahme, um die Bestie nicht wieder auf freien Fuß setzen zu müssen und wendet sich an Alina Gregoriev. Eine blinde Physiotherapeutin, die angeblich über besondere Fähigkeiten verfügt und die den Ermittlern schon einmal geholfen hat, eine verschwundene Person aufzuspüren. Damals, im Falle des Augensammlers …

Welche Tipps würdest du aufstrebenden Autoren geben?

Klingt banal ist aber wichtig: Schreiben, schreiben, schreiben. Nicht auf all die Laien hören, die einem den Rat geben, man solle sich für ein gutes Buch richtig viel Zeit lassen. Natürlich spricht nichts dagegen, sehr lange an einem Buch zu arbeiten. So lange man eben ARBEITET. Also jeden Tag schreibt, überarbeitet, feilt, schreibt, überarbeitet, feilt …etc. (Recherche zählt übrigens nicht zum Schreiben. Sie ist zwar notwendig, aber es gibt viele Kollegen (mich zum Beispiel) die mit dem Argument „Heute habe ich aber viel recherchiert“ darüber hinwegtäuschen, dass sie mal wieder keine Zeile zu Papier gebracht haben.)

Egal ob im Sport, in der Musik oder auch in der Literatur: Höchstleistungen entstehen nur durch stetige Übung.

Hand in Hand damit geht der Hinweis, dass man zum Schreiben Mut benötigt. Es gibt kein Buch der Welt, das perfekt ist und von allen Lesern nur gelobt wird. Ich kenne Autoren, die ihre Werke aus Angst vor der Reaktion der Leser nicht veröffentlichen. Das ist falsch, denn so kann das Buch ja nie erfolgreich werden. Selbst wenn sich also kein Verlag findet, der das Buch abdrucken will, hat man heutzutage vielfältige Möglichkeiten, es zum Beispiel im Selbstverlag im Internet zu versuchen.  Sie brauchen Feedback, Lob, Kritik.

Aber Vorsicht: Wenn jemand Tausende von Euros als Gegenleistung dafür verlangt, ihr Werk zu verlegen, sollten die Alarmglocken klingeln. Das ist in der Regel Abzocke und Betrug.

Vielen Dank für das Interview!

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Kommentare zu diesem Beitrag


Hi, hi,

klingt spannend. Ich denke, ich werde mir ein Buch kaufen und mit Therapie beginnen. Finde es spannend, was da im Wartezimmer im Kopf entstanden ist und bin gespannt, was da als Geschichte rauskommt…

Viele Grüße

Jens

von Jens Schönlau am 1.11.11

Danke für das tolle Interview. Ich habe eben erst sein 1. Buch (Therapie) durchgelesen und kann das auch nur jedem Krimi Fan ans Herz legen.

von Andreas am 11.09.11