Wenn Berlin Anzug trägt
Gestern ging die zwölfte NEXT, eine Messe für digitale Trends, in Berlin zu Ende und zurück bleibt ein sehr komischer Eindruck: Das Gefühl, dass schon beim Reinkommen alles steif wirkt und der Umstand, das Berlin plötzlich Anzug trägt. Das ist neu und viele Besucher haben sich daran sehr gestört.
Aber der Reihe nach: Die Location, die STATION Berlin, ist noch immer der perfekte Veranstaltungsort. Ein alter Postbahnhof, aufgehübscht mit einigen modernen Glaselementen sorgt für das nötige urbane Flair. Rohe Wände, unverkleidete Rohre aber trotzdem nicht heruntergekommen – ist sehr Berlin.
Die Stände, die Nebenbühnen und der Eingangsbereich wirkten dann aber eher so, als sei dem Veranstalter das Geld ausgegangen. Von vorne noch alles in Ordnung, konnte der Blick hinter die Stände – und die Besucher konnten nun mal um jeden einzelnen herum gehen – nicht verbergen, dass man nach dem Filmkulissenprinzip gebaut hat. Das mag Absicht gewesen sein – uns hat es nicht gefallen.
Nun misst sich ja aber eine solche Konferenz vor allem an den Vorträgen und den Besuchern. Im Vorfeld als „the leading European conference for the digital industry“ angepriesen, hinkte die Veranstaltung aber an beiden Tagen genau diesem selbst gesteckten, sehr ambitionierten Claim hinterher. Die Stars der Szene suchte man vergeblich und bis auf wenige Ausnahmen waren weder Referenten noch Themen „leading“. Hier stach sicher Helen Papagiannis, Doktorandin und Künstlerin im Bereich „Augemented Reality“ mit ihrem erfrischenden Vortrag heraus. Die treibende Frage der beiden Messetage nach dem Postdigitalen, an der sich viele Tracks versuchten, blieb dabei weitgehend unbeantwortet. Und auch die „Erfindung der postdigitalen Agentur“ war mehr Versuch als Revolution.
Bleibt das Netzwerken und das Drum-herum. Hier ein Wort des Lobes: Das Catering war großartig! Das kann man aber für die horrenden Eintrittpreise auch erwarten. Die Suche nach Teilnehmern ohne Anzug, die nicht vom Veranstalter oder vom magentafarbenen Hauptsponsor waren, gestaltete sich schwierig; aber besonders am Ende des ersten Tages kam dann doch ein wenig Stimmung auf.
Stimmung auch, die viele gerne mit auf die offizielle NEXT-Party mitgenommen hätten. Leider war der stickige, kleine Raum so schnell überfüllt, dass Einlassverbot und Straßenparty angesagt waren. Auch hier werden sich vor allem die zahlenden Teilnehmer nicht besonders gefreut haben.
Aber zurück zum Anzug. Ein leitender Angestellter der Telekom, im Anzug, sieht in genau diesem Symbol auch eine Aussage für die Entwicklung der Messe, denn wo mehr große Firmen, dann eben im Anzug, aufträten änderten sich eben auch die Investitionssummen und –möglichkeiten. Wird die NEXT also erwachsen?
Bleibt als Fazit: In kurzen Momenten, blitze das alte NEXT-Gefühl noch auf. Die meiste Zeit aber war der Besucher auf einer Messe die ihrem eigenen Anspruch hinterherhinkte und vielleicht im nächsten Jahr den Anzügen der Republik wieder etwas mehr ausweichen sollte, damit es der Besucher nicht konstant tun muss.




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