Prädikat Zukunft – Die transmediale.10
07.02.10
Den Helm mit rosa Atemflüssigkeit gefüllt, taucht Virgil Brigman hinab in die Meerestiefen des Kaimangrabens, in eine beklemmende Dunkelheit, in der das nukleare Verderben tickt, von Menschenhand erschaffen. Seine Mission ist eine Reise ohne Rückfahrkarte, seine Vision eine Welt in Frieden oder wenigstens, die Rettung seiner Besatzung und der freundlichen Wesen, die ihnen dort unten ständig begegnen. Das fluoreszierende Licht im Dunkel, die immaterielle Anwesenheit von Energie, die friedliche Stille, die ihn nach 139 Minuten Filmdauer, auf leuchtenden Schwingen in eine Zukunft mit Happy End rettet, haben mich damals fasziniert und The Abyss, ein Science Fiction Film, der das sonst genretypische Zukunftsszenario, mit einer fast ebenso unbekannten Tiefseeumgebung ersetzt, hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt.
Letzte Woche im Haus der Kulturen der Welt: frei von fiktionalem Pathos und doch ergreifend – hier rosa Flüssigkeit in Rundkolben, dort tiefste Dunkelheit, fluoreszierendes Licht, elektrizitätsschwangere Luft und jede Menge Stille, unterbrochen von einem immer wiederkehrenden Ton. Um die Ecke ein voller Kinosaal, alle paar Minuten ein cineastisch unterschiedlich umgesetztes Leitthema und ein paar Türen weiter, eine Wand in einem großen, dunklen, leeren Raum, über Tage hinweg dieselbe analoge Installation zeigend: horizontal aufgespannte Videobänder, vor weißem Licht ventilierend.
Die Übersichtlichkeit des Foyers entließ die Besucher in Räume, in denen dekorativer Kabelsalat, flimmernde Monitore und eine zwanglose Sitzordnung, die produktive Atmosphäre bestimmten. Computerkunst-Pionier und Ars Electronica Linz Gründer Herbert W. Franke referierte einleitend über alte visuelle und werteabhängige Vorstellungen von Zukunft, während die junge Redakteurin eines Internetfernsehsenders ihr mitgebrachtes Frühstück verzerrt und sich wirklich niemand daran störte.
In diesem Jahr bilanzierte die transmediale ehemalige Vorstellungen vom Jahr 2010, Welches lange als Inbegriff für Zukunft galt. Darüber hinaus, schuf sie ein multidisziplinäres Forum, das sich den tatsächlichen Entwicklungen annahm. Ein Themenschwerpunkt widmete sich Kreativität und Kultur als wirtschaftlich relevanten Faktor. Mit Workshops und Vorträgen wurde vermittelt und erörtert, wie man dieses Potential organisiert und dauerhaft tragfähig macht. Die Sprecherlisten der Konferenz Future Observatory waren lang, der Zeitstrahl für einen einzelnen Programmpunkt ging manchmal über die Horizontale einer ganzen Programmheftseite, man musste Zeit mitbringen und wirkliches Interesse. Künstler, Wissenschaftler, Philosophen, Pioniere, Designer und Medienaktivisten aus aller Welt, trafen in der Futurity Long Conversation aufeinande um vor einem internationalen – und das ist keine Floskel, die Sprache die ich am meisten gehört habe, war gebrochenes Englisch – Publikum ihren heutigen Blick auf die vergangenen und gegenwärtigen Zukünfte zu diskutieren.
Eingetaucht in Stille und Dunkelheit das Herzstück des Festivals – die Ausstellung Future Obscura – zugegeben, mein Staunen stellte sich erst ein, als ich das Konzept hinter den Exponaten ansatzweise begriffen hatte. Anfangs befremdet vom Geruch nach Strom und warmen Metall, musste ich mir auch hier Zeit nehmen um mich auf die Interaktion mit ihnen einzulassen. Wie bizarre Tiefseelebewesen bedurften viele der Ausstellungsstücke der Dunkelheit um ihre visuelle Wirkung zu entfalten und ihre Funktion übernehmen zu können.
Das heutige Verständnis von Arbeit wurde analog als traditionelle Biete-Suche-Tafel veranschaulicht als Teil des Future Exchange, beherbergt von einem mehrkammerigen Konstrukt, spartanisch in mausgrau gestrichen und realisiert vom Architektenteam Raumlabor. Hier wurde Google zum Trotz, an alternativen Suchmaschinen geschraubt, kleine Robotoren entstanden aus Erdnuss und -Mischgemüsedosen wie nebenbei. Fair Trade innerhalb sozialer Netzwerke betrieben, wurde bei einer Tasse Tee mit Kardamom, gebrüht auf der Heizfläche eines Bügeleisens, im Feral Trade Cafe erklärt, während man, verborgen hinter den umfunktionierten Türen, einem Tausendjährigen Stück lauschen konnte. Über den gesamten Festivalzeitraum hinweg, fanden hier Workshops statt.
Unsere Zukunft ist eine unvermeidbare Mission ohne Rückfahrkarte. die transmediale hat in diesem Jahr dazu eingeladen, sich ernsthaft und auf hohem Niveau mit vergangenen Visionen und entstandenen Tatsächlichkeiten auseinanderzusetzen, auf deren Grundlage unsere Zukunft entsteht. Mein Fazit: Hingabe und Zeit, sowie ein spezielles Interesse an Technik, moderner Ethik und neuen Strukturen hinsichtlich kultureller Organisation, sind das Pfand, welches man einzahlt um aus den Vorlesungen, Gesprächen und Workshops Nutzen zu ziehen. Die gesamte visuelle Aufbereitung des Festivalthemas allerdings, ist sehr empfehlenswert für Kenner wie Nichtkenner. Definitiv ist man auf der transmediale um zu sehen, nicht um gesehen zu werden, Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.
Bis heute Abend um 23:00 läuft das Festival noch im HKW-Mutterschiff, die Ausstellung Future Obscura wird bis zum 09.02.2010 verlängert, die Einnahmen der beiden Tage, kommen den Erdbebenopfern in Haiiti zugute. Die Satelliten die das Festival begleiten, laufen noch unterschiedlich lange bis Ende Februar.
Mitgestaunt und wieder hervorragend fotografiert hat Julius Höhne. Herzlichen Dank!
Fotos: © Julius Höhne




































