„Grund Sicherung“ – Designdiplom zum Thema Hartz IV


26.03.10

Der Anteil, der Empfänger von Arbeitslosengeld II in der deutschen Bevölkerung, beträgt im Januar 2010, 7,9 %. Allein in Berlin erhalten, mit einem Anteil von 16,7 %, momentan rund 570.000 Menschen Zuschüsse zum Lebensunterhalt, in Form von AlG II, Berlin hat rund 3,4 Millionen Einwohner. Die Debatten, Analysen und Studien schießen wie Pilze aus dem Boden. Das unbequeme und frustrierende Dauerthema beschäftigt Soziologen, Politiker, Gesellschaftskritiker – und Jakob Börner. Er hat dazu seine Diplomarbeit angefertigt, in Kommunikationsdesign.

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Die Portraits und Interieurs der Fotoserie „Grund Sicherung“ die der Hamburger fotografierte, zeigen Eltern, junge Menschen, gepflegte Fußböden, leuchtende Farben und ausschnitthaft festgehalten, offensichtlichen Mangel, zuweilen auch Stagnation. Die Kurzinterviews lassen Menschen vermuten, die so gar nicht in das Bild vom Hartz IV-Empfänger passen wollen, das gestützt durch Statistiken und Expertenkommentare, von Menschen entsteht, die auf staatliche Sicherung ihres Lebensunterhaltes angewiesen sind. Das hat einen Grund: die Serie ist nicht im statistischen Sinne repräsentativ, im Gegenteil sie ist subjektiv. Sie ist das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung eines Einzelnen mit der Veranschaulichung eines Abstraktums, das derzeit wieder in ratloser Munde, Einigen hier zu Wort kommenden, nicht über die Lippen will, Hartz IV. Der Fotograf erklärt seine Intention selbst in einem Gespräch. Er hätte nicht das Fremde, das Ausgrenzende festhalten wollen, sondern das Bekannte, das Gewohnte, etwas mit dem er sich selbst identifizieren könne. Er hat es gesucht, in den Menschen die er fotografiert hat, in den Geschichten, die sie über sich erzählen, und in dem, was ein zerknautschtes Bettlaken, der geblümte Duschvorhang und die Videotapesammlung zu verraten vermögen.

Aus der anfänglich geplanten Reportage über das Leben mit Hartz lV und Armut im weitesten Sinne, wurde eine Serie, Fotos und Interviews beinhaltend, die bereits in einer Printausgabe der Zeit erschien und noch bis kommenden Freitag in einer Ausstellung in Hamburg zu sehen, ist. In unserem Gespräch, hat mir Jakob Börner einige Hintergrundinformationen über den Entstehungsprozess dieser Fotos gegeben. Er erzählte vom Vermieter des Wohnhauses, in dem er zuerst die Möglichkeit hatte zu fotografieren, bevor er anfing bei Ämtern, Notunterkünften und Essenausgabestellen, Menschen anzusprechen. Die dürftigen Einzimmer-Appartments dieses Wohnhauses sind fast ausschließlich von Hartz lV-Empfängern bewohnt. Die Miete der Räume hat der Mann exakt an den zulässigen Miethöchstsatz angepasst. Er erzählte auch von einer, auf dem Foto, noch jung wirkenden Frau, Mieterin in diesem Haus, die mittlerweile verstorben sei, vermutlich an den Umständen ihres Lebenswandels. Von den meisten Beteiligten erfuhr Jakob Börner, das sie mittlerweile nicht mehr auf Hilfe durch Arbeitslosengeld II angewiesen sind. Die komplette Serie, bestehend aus Portraits, Interieurs und Interviews ist auf seiner Internetseite unter basic care zu sehen. Jakob Börners schriftliche Erläuterungen stehen im Folgenden in Auszügen unter den Fotos.

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„Zu dem Thema kam ich, als ich von einer Zeitschrift die Aufgabe bekam eine Fotoreportage zum Thema Hartz IV, Armut und Obdachlosigkeit anzufertigen. Ich begann mit einer klassischen Reportage. Das heißt, ich habe die Einrichtungen aufgesucht, die sich mit der Versorgung von Armen Menschen befassen, wie Obdachlosenheime, Essenausgabestellen oder die Busse die herumfahren und Essen an die Menschen verteilen aber auch die Orte an denen Obdachlose schlafen.“

„Wie bei allen Themen ist es für mich als Fotograf schwierig, mich zu überwinden um den Kontakt zu den Personen herzustellen. Ich fing die Serie in einem Wohnhaus an, in dem hauptsächlich Hartz IV Empfänger lebten. Da es dann meist typisch war, dass man sich erstmal unterhält, kam nach einiger Zeit die Idee, das Projekt zu erweitern und zuerst den besuchten Personen ein paar Fragen zu ihrer Meinung zu Hartz IV zu stellen und dann darauf folgend ein Portrait aufzunehmen. Die Interviews sind dabei sehr wichtig, da durch die Sprache der Personen ein noch persönlicherer Eindruck von der entsprechenden Person vermittelt werden kann, als es das Foto tut. Denn dort gibt es oft ja auch gar nichts besonderes zu sehen. Personen, die in ihren Wohnungen sitzen. Menschen, die auch alles andere machen könnten, bei denen man oft nicht darauf kommen würde, dass sie Hartz IV empfangen.“

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„So richtig habe ich nie Reportagefotografie betrieben. Ich fand es auch eher lästig, wenn ich in kurzer Zeit eine Reportage zu einem Thema anfertigte. Dies auch deshalb, da es schwierig ist in der Kürze der Zeit eine gute Reportage aufzunehmen. Reportagebfotos sollen von Geschehnissen berichten. Inhaltlich, lassen mich diese Bilder oft kalt, meist, weil sich ihre wohl komponierte Ästhetik wiederholt und abnutzt, zum anderen, da diese Fotografie zwar vielleicht schlimme Ereignisse zeigt, letztlich aber Außergewöhnliches, Ereignisse die fern von mir geschehen die mich nicht persönlich betreffen, die ich auch nicht mit eigner Erfahrung verknüpfen kann. Aber auch in mir fremden Dingen, lässt sich etwas finden, mit dem ich etwas anfangen kann, was mich und auch andere Unbeteiligte betrifft.“

„Jüngere Menschen aufzunehmen, war eine Möglichkeit die Gruppen von Personen einzuschränken. Da ich selber jünger bin, wählte ich Personen meines Alters. Dabei ging es mir wiederum um eine unterschiedliche Mischung. Diejenigen, die von Hartz IV voraussichtlich nur kurze Zeit betroffen sind sollten genauso gezeigt werden, wie Langzeitarbeitslose. Oft gab es bei meinen Besuchen bei den unterschiedlichen Personen Details, die ich interessant fand, auch, da sie einfach die vorgefundene Situation auf den Punkt brachten.“

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„Die Bedeutung der Interieurs liegt für mich eher bei dem was der Betrachter beim Ansehen der Bilder denkt oder spürt. Die Bilder entstanden meist intuitiv. Es geht es nicht um die sachliche Berichterstattung eines Reportagefotografen. Es geht um ein Puzzle aus vielen unterschiedlichen Personen, die hinter den Bildern stecken. Die Fotos sind vielmehr eine Zustandsbeschreibung der Lebensumstände.“

Alle Fotos:  © Jakob Börner

Zahlen von statista.de

Reaktion auf den Gastkommentar in der FAZ von Gunnar Heinsohn, Soziologe, Demograf, Ökonom und Autor (hier als Expertenkommentar bezeichnet)

Die Ausstellung Fotodiplome mit den Arbeiten von Jakob Börner läuft noch bis zum 02.04.2010 im Hamburger Gängeviertel, Valentinskamp 39, 20355 Hamburg

Der Freitag hats getwittert

 

transmediale.10 – Unforgettable Memory von Liu Wei


28.01.10

Die transmediale.10 befasst sich grundsätzlich mit dem Begriff Zukunft. Wer eine Zukunft haben darf und wie diese aussieht wurde in ehemaligen sozialistisch-totalitären Systemen aus der Herrscherebene heraus entschieden und mit Gewalt durchgesetzt. Der damalige Student Liu Wei hat 1989 das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens überlebt, er ist Künstler geworden. Sein Text zum Kurzfilm Unforgettable Memory ist ein deutlicher Ruf nach der vernachlässigten Aufarbeitung furchtbarer Erlebnisse, die bis in die Gegenwart hineinwirken, die die Zukunft eines Landes prägen werden. Auf der transmediale wird sich die Filmreihe The Succession of the Future mit der Reflektion der Zukunftsvision Sozialismus und der heutigen Realität in (post)-sozialistischen Staaten auseinandersetzen.

Die Gewinnerin des zweiten Festivalpasses Suzanne W. wird von mir benachrichtigt. Herzlichen Glückwunsch!

Es ist die Erinnerung an 1989, meinem zweiten Studienjahr, in dem ich fast ums Leben gekommen wäre. Ich bin über mein Überleben nicht glücklich, sondern fühle eine große Trauer wegen meiner Unfähigkeit, etwas im Angesicht des Todes zu tun. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Mutters Haar ist grau geworden und geliebte Menschen haben die Tränen getrocknet. Ruhvoll wie für die Ewigkeit herrscht auf dieser ersten Strasse Chinas die Stille vor. Stille, Vergessen und das bewußte Zudecken der Erinnerungen der Menschen verwandelt sie in ein Vacuum. Die Passanten sind in ein unscharfes Bild verwoben, die wahre Erinnerung ist verschwunden, Illusionen sind geblieben. Während die Zeit vergeht, macht uns diese Erinnerung immer hilfloser. Dass wir beim Anblick der Realität stumm bleiben, ist ein Beweis für unsere Scheinheiligkeit und Schwäche. Die Lebenden leben immernoch in der Frage der Toten. Die Sonne geht immer am nächsten Morgen auf und die vier Jahreszeiten bleiben im Wechsel. Der Unschuldige starb auf der einen Seite der Welt während die Schuldigen auf der anderen Seite der Welt groß sind. Das ist die Realität, die sich während dem gesamten Verlauf der Geschichte nicht gewandelt hat.

 

Marilynized Monsters – Jesse Lenz’ unfreiwillige Verharmlosung


12.01.10

Jesse Lenz bestückt Ex-Diktatoren von ultralinks bis ultrarechts, Phantasiemonster und andere Geißeln der Menschheit, mit warholschen Marilyn-Monroe-Attributen. Er legt amerikanischen Politikern der Gegenwart das gleiche Make-up an wie ihren Ehefrauen und Erzfeinden. Er schmeisst alle in einen Topf. Denn, auf alle diese Monster wendet er eine These an, die Lüge der gesellschaftlichen und medialen Popularisierung, die aus Mördern Kultfiguren mache. Als Audrucksmittel bedient er die prägnanten Erkennungsmerkmale, des zur Ikone der Pop-Art-Bewegung gewordenen Siebdruckgemäldes von Andy Warhol, seinerzeit kritisch brisant, heute in den Mainstream verbannt. Es würde genau das repräsentieren, was er an der popkulturellen Etablierung von Massenmördern so scharf kritisiert, eine grelle, Glück und Party-Nonstop suggerierende Maske, die dunklsten Abgründe deckelnd.

Meiner Meinung nach, macht er einen Fehler, er gibt nicht die tatsächlichen Ziele seiner Kritik, also Medien und einen undifferenziert konsumierenden Teil der Gesellschaft, der Lächerlichkeit preis, sondern diejenigen, die bewusst und unbewusst popularisiert werden, die Bösewichte der Weltgeschichte. Zumal sich schon jeder Dritte über die, dem Konzept sehr ähnlichen, Yearbook yourself Anwendung zum Deppen der vergangenen Jahrzehnte gemacht hat. Meine These: Lächerlichkeit verharmlost! Schwammig wird es, wenn man sich nicht mehr traut, beispielsweise Grausamkeit mit einer adäquaten Entsprechung visuell aufzuzeigen, und damit einen wahrgenommenen fehlgeleiteten Personenkult zu hinterfragen, vielleicht weil man Angst hat ein Gähnen zu provozieren, oder nicht angestrengt agitatorisch wirken möchte. Auch wenn Lenz mit seiner Interpretation des Warhol Gemäldes, dem er eine, wie er sagt, weitgehend unbekannt gebliebene Medienkritik zuspricht, eine Verurteilung der Verklärung und Ikonisierung dieser Personen anstrebt, popularisiert er sie eigenhändig, in dem er ihren Lach- und Tragewert als T-Shirt erhöht. Da beisst sich die Katze in den Schwanz und seine lange, meinetwegen auch gut hergeleitete Erklärung, liest der ein oder andere vielleicht gar nicht. Visuelle Kommunikation muss selbsterklärend sein, gutgemacht bedarf sie keiner verbalen Decodierung mehr. Von mir gibt es an dieser Stelle nur den erhobenen Zeigefinger. Zu den besprochenen Inhalten geht es über den Link oben.

yeeknew.com

 

„Can you tell me more…?“


09.11.09

I hardly publish articles written in English, actually I never do if I dont have to. German is my mother tongue and I feel somehow uncomfortable when writing English. Today is a special occasion — as we all know — and another special one as I introduce a letter, written by my dear friend, who was asked by another friend, a English speaking one, to tell him more about the German reunification 20 years ago. Thats why the letter is in English and so I am able to invite also non-German speakers to read this article. When I read the letter for the first time I was very touched and I was not the only one who asked oneself if this piece doesn’t deserve a broader audience. So I decided to ask her to give me permission to publish it here, even though I knew that I will have this long, long interview yesterday and this blog has a strong visual approach. But a blog is always about sharing. So why not share some personal expierience and give it some lines more…

The thing with this letter is, that it is written from the west side of the inner German boarder, and I guess this should be an interesting addition to the article yesterday…

A letter to a foreign fellow trying to explain my feelings about fall 1989 in Germany

»Can you tell me more about 3.10.?«

This year we celebrate the 20th anniversary of the Berlin wall having come down, which took place on 9th of November 1989. But the government decided some 18 years ago or so to make the 3rd of October the official memorial date, where the legal and monetary reunion took place in 1990 (so actually only 19 years ago).

Thinking about that time still moves me to tears, like yesterday when I passed a sign/memorial on the street on Potsdamer Platz. Also at the moment there are a lot of interviews, clips and original audio-pieces broadcasted on the radio and I am totally cought by that – every year again.
For example a few days ago it was the 20th anniversary of a special occasion in the Prague embassy of Germany where more than 700 refugees were seeking shelter. After more than ten days crumbed together in the garden of the embassy they were allowed to travel to the West. There is a famous audio piece by Genscher, the minister of foreign affairs back then, going something like: “I came to tell you, that today your depart…” and nothing more than incredible screaming was to be heard. Everytime I hear that, and even when I write about that now, I get goose flesh.

It may sound stupid, because especially younger folks don’t quite share my strong feelings about that occasion. But I am old enough to have a clear memory of these days back 20 years ago.
Growing up right at the border in the west – you probably have heard of “Fulda gap”? – where every guest was taken to the border strip, and everybody had relatives in the east, sometimes just few km apart, but unfortunately on the other side. My father is from Berlin, so our family used to travel at least once a year on this long and exhausting journey through the former east by car, waiting for hours on the border, every cm of the car got searched through. I remember sending parcels to the eastern relatives with the classic west stuff – coffee and chocolate – every now and then.

Since the embassy thing in September ’89 it was clear, that there was a change going on, but it still was a big surprise when suddenly on the 9th of November we were able to watch the wall coming down on television – that was a very emotional moment for us eastern Westgermans.

And then suddenly they all came over. We already got a lot of refugees since summer 1989 but then from 10th of November on Fulda was INVADED by Thuringians and Saxonians, being one of the nearest cities.
They all came to pick up their 100 DM “Begrüßungsgeld” (welcoming money), queueing for ages in the freezing cold, with babies and elderly (EVERYbody got 100 DM, y’know)
The city council couldn’t quite cope, so they asked in our nearby school (where I was aged 16) for volunteers to help. So I found myself taking care of the Eastgermans for more than a week providing tea, soup and babyfood.

After some occasional visits I made my first serious steps direction east in 1991 to Weimar to join some fellow architecture students there and from 1993 on studying visual communication at the Bauhaus-University. I ended up living there almost 13 years (with some breaks inbetween in Berlin, The Netherlands and Hamburg).
If I am asked where my hometown is, I tend to say Weimar instead of Fulda because I lived there for the most important part in my life and met most of my best friends there.
And that all would never have been possible without the German reunion. My profession and life would be completely different I guess.

This is, in short, the story of my great emotional involvement with the German reunification. I wish more people would remember these days – and the years (and conditions) before theses days in autumn of 1989.
When I moved far west to Rhineland (Düsseldorf, Cologne area) I was shocked, that most of the people I met there have never ever been in the eastern part of Germany. After all these years! And unfortunately meanwhile a lot of eastern Germans tend to speak about the GDR times as “not all too bad” which is absolutely rubbish. It was a bad, criminal, repressive system. Let us not forget.

 

„Der Langhaarige darf fotografieren!“ — Harald Hauswald im Interview


08.11.09

Am 8. November 1989, heute vor 20 Jahren, führte der längst überfällige Protest der DDR-Bevölkerung, die Ausreise von Hunderttausenden über Ungarn und Prag und eine abgewrackte Wirtschaft zum Rücktritt der Regierung. Einen Tag später fällt die Berliner Mauer, 40 Jahre DDR-Diktatur sind de facto vorbei.

Harald Hauswald — Fotograf, Zeitzeuge und Mitbegründer einer der bekanntesten Fotografenagenturen in Deutschland, Ostkreuz — behauptet, die Mauer wäre schon vor ihrem Aufbau gefallen. In einem Interview, das genau genommen ein 1 1/2 stündiges Gespräch war, erzählte mir der Erschaffer unverwechselbarer Fotografien, aus seinem Leben in der DDR, von der Künstlerszene im Prenzlauer Berg und dem einzigen Refugium für Dissidenten das es in der DDR gab, den kirchlichen Einrichtungen. Er erzählte von seiner Arbeit als Fotograf unter doktrinären Umständen und den Repressalien denen er dadurch ausgesetzt war, verschweigt auch nicht mit welchen Mitteln er die Bespitzelungen der Stasi parierte.

Kürzlich im Jaron-Verlag erschienen ist Auferstanden aus Ruinen, eine fotografische Zeitreise und Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellungsreihe, die das 40-jährige Schaffen des Ausnahmefotografen an 20 renomierten deutschen Ausstellungsorten zeigt.  Eine Auswahl aktueller Ausstellungen von Harald Hauswald findet ihr hier.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Telegrammbote, Punk und Tangotänzer

TheJunction: In einigen Rezensionen ihrer fotografischen Arbeit aus der DDR, ist häufig von Distanz die Rede. Wie distanziert waren sie gegenüber ihren Motiven und dem Leben im Arbeiter- und Bauernstaat wirklich?
Harald Hauswald:
Ich denke ich war schon ziemlich nah dran an den Bildern. ein Freund hat mal über mich in einem Vorwort zu einem Buch geschrieben: „Wenn er Tangotänzer fotografiert hat, ist er zum Tangotänzer geworden und wenn er Punks fotografiert hat ist er zum Punk geworden.“ Ich hab schon immer versucht ziemlich nah an die Leute heranzukommen, deshalb auch meistens Weitwinkel, selten Teleobjektiv. Mit dieser Nähe zum Motiv musste man sich auch outen als Fotograf so ein zwei Meter vom Motiv weg. Ich denke nicht das ich innerlich distanziert war, meine Distanz bestand zur herrschenden Macht.
TheJ:
Deren Ausführer und opulente Machtdemonstrationen sie aber gar nicht fotografiert haben, sie haben unten fotografiert.
HH: Genau,ich hab mich eingesperrt gefühlt in der DDR, ich hab Druck von aussen gespürt und deswegen ist der Gegendruck von innen gekommen. Die Fotografie war meine Möglichkeit, wenigstens meinen Kopf von dem Gefühl des Eingesperrtseins zu befreien.

TheJ: War dieses Eingesperrtsein auch ihre Intention, direkt von der Straße, ins Leben hinein zu fotografieren?
HH: Nein, nicht nur, schließlich habe ich diesen Beruf erlernt. Als ich damals nach Berlin gekommen bin, habe ich erstmal als Telegrammbote angefangen. Damals wurden die E-Mails noch ausgedruckt und zu den Leuten nach Hause gebracht. Dabei habe ich natürlich das pure Leben gesehen, auf der Straße. Wir waren bis zu vier Stunden täglich zu Fuß unterwegs, wir sind durch den ganzen Prenzlauer Berg gelaufen. So haben viele angefangen. Schriftsteller und Maler die ich kenne, haben alle als Telegrammbote gearbeitet, weil man in der DDR das Recht, aber auch die Pflicht hatte zu arbeiten, und wenn man nicht gearbeitet hat, konnte man ganz schnell als kriminell eingestuft werden. Ich kenne einige die im Knast waren wegen Asozialität. Der Vorteil dieser Arbeit war, man bekam als Telegrammbote keinen Arbeitsvertrag, sondern hat auf Stundenbasis gearbeitet. Wenn ich irgendwas als Fotograf gefunden hätte,  hätte ich sofort irgendwo anfangen können.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Wegen der Liebe

TheJ: Sie sind in Radebeul bei Dresden geboren und aufgewachsen. Warum sind sie nach Berlin gezogen und nicht in Radebeul geblieben?
HH:
Über Nacht, durch eine Frau. Sie war Berlinerin und wir haben ein halbes Jahr in Radebeul gelebt, bis sie den Kleinstadtmief nicht mehr ausgehalten hat und mich vor die Wahl gestellt hat, entweder Berlin oder wir müssen uns trennen. Dann haben wir uns in den Zug gesetzt und sind nach Berlin gefahren.
TheJ: Das ist im Prinzip eine Geschichte die auch heute geschrieben werden könnte. Berlin als Zufluchtsort vor Kleinstädterei und Spielwiese für Kreativität.
HH: Ja, Berlin war die westlichste Stadt im Osten und am wenigstens kontrollierbar.
TheJ: Obwohl Berlin vermauert war und  geografisch eine der östlichsten Städte Deutschlands ist?
HH: Ja, trotzdem! Die Szene ist meiner Meinung nach entstanden, weil Prenzlauer Berg der dichtbesiedelste Bezirk war. Hier haben mal 185.000 Einwohner gelebt. Einige Bezirke wurden aus Prestigegründen mehr saniert, z.B. Pankow als Sitz vieler Botschaften oder Mitte wegen der Touristen. Den Prenzlauer Berg hat man vernachlässigt, überall noch Kriegsschäden und Baulücken. Deshalb war die kommunale Wohnungsverwaltung froh, wenn noch die letzte Bruchbude vermietet wurde, damit die Häuser nicht ganz verwahrlosen. Die Leute haben dann ja wenigstens gemalert…
TheJ: …oder Baumaterial geklaut um die Wohnung auszubauen.
HH: Ja, das habe ich auch gemacht. Jedenfalls sind fast alle Leute die von außerhalb zugezogen sind, automatisch im Prenzlauer Berg aufgeschlagen. Es gab damals nur 3-4 interessante Kneipen und die Leute die aktiver am Nachtleben beiteiligt waren, haben sich dort getroffen, irgendwann kannte man sich dann.
TheJ: Und dort hat sich dann auch die Ost-Berliner Künstlerszene getroffen?
HH: Absolut! Da hat man auch die Leute getroffen die anders gedacht haben.

© Harald Hauswald

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Andersdenkende erwünscht

TheJ: War dieses Andersdenken, die globale Verbindung die man mit diesen Menschen hatte?
HH: Das war die Sehnsucht nach der Globalität. Wir haben unter einer Käseglocke gelebt, der Rest der Welt war für uns unerreichbar. Es gab immer eine Jugendbewegung die anders war, in den 60gern fing das mit der Beatmusik an, in den 70gern waren es die Tramper, in den 80gern die Punks und dann die Hooligans. Es gab immer irgendwelche Gruppierungen die dann natürlich auch von der Stasi beäugt wurden, ausgiebig.

TheJ: Wurde irgendwann einmal zu DDR Zeiten ihre Arbeit als Fotograf gewürdigt, und abgesehen von Bespitzelungen, überhaupt wahrgenommen?
HH:
Nur von der kirchlichen Seite. Die Kirche war wie ein Refugium für Dissidenten, überall wo es kirchliche Einrichtungen gab, fand man auch Leute die anders waren. Bei Zittau gibt es das Melzerheim die waren irgendwann soweit, das die ganzen Mitarbeiter der kirchlichen Einrichtung, sich nach und nach die Häuser im Dorf gekauft haben und eine Petition an Honecker schreiben wollten, um ihr Gebiet als autonom zu erklären.
Ich hatte damals einige Aufträge von der Kirchenzeitung und  ca. 50 Ausstellungen aber nur in Jugendclubs, kirchlichen Räumen und Privaträumen. Ab ’87/’88 gab es eine kleine Öffnung. Einige Redakteure  haben dann die Zensur nicht mehr so streng mitgemacht. Ich hattte dann sogar Veröffentlichungen vom Sonntag, dem jetztigen Freitag und wurde sogar noch im Herbst ’89 in den Künstlerverband der DDR aufgenommen.
TheJ: Geschah die Aufnahme Pre- oder Postwende? Herbst ’89 sagt ja nichts über die politische Situation Ostdeutschlands aus.
HH: Das war im September. ich hatte eigentlich eine Sperre von der Stasi für den Künstlerverband, die 1984 oder 1985 verhängt wurde.Es hieß auf einem Din A4-Blatt mit rotem Filzstift: „Den Fotografen Harald Hauswald auf keinen Fall in den Künstlerverband aufnehmen“. Die letztendliche Aufnahme lief dann an den Vorständen des Verbandes vorbei. Die Aufnahmearbeit war eine Tanzserie die in den interessanten Clubs entstand die in Ostberlin immer überfüllt waren, Knaack und Franz.

© Harald Hauswald

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TheJ: Apropos Tanzen bzw. Feiern, das war schon ein großer Bestandteil ihrer Fotografie der DDR-Ära, Feiern, angefangen vom einfachen Versammeln, Tanzen, bis hin zu Bildern von völlig Besoffenen.
HH: Das war die Möglichkeit wo man am besten fotografieren konnte, z.B. auf den zahlreichen Mottofesten. Man fiel nicht auf, man konnte sich relativ frei bewegen und unbehelligt fotogtafieren. Aber ohne Kontakte zu den Veranstaltern und Gästen, lief nichts, jeder der Freiraum bot und wollte, versuchte sich vor der Stasibeobachtung zu schützen. Als Fotograf stand man immer unter dem Verdacht von der Stasi zu sein. Die Punks haben später mal gesagt: „Wenn der mit den langen Haaren kommt, der darf fotografieren.“

© Harald Hauswald

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Von Mund zu Mund

TheJ: Wollte sich alles was mit Freiräumen zu tun hatte, vom Staat distanzieren?
HH: Prinzipiell schuf nur die Kirche diese Art von Freiräumen. Angefangen von offener Jugendarbeit über Proberäume für Punkbands bis hin zu Ausstellungen von Kunst die auf dem staatlichen Index stand. Für das Buch Ost-Berlin, das 1987 zusammen mit Lutz Rathenow entstand, und dessen Ostberlin-Premiere in der Gezemanehkirche mit einer Ausstellung gefeiert werden sollte. Die Reaktionen der Staatsorgane darauf waren verwunderlich.
Am Morgen der Eröffnung war Lutz in der Kirche, als der Politoffizier vom Stadtbezirk da war, um die Ausstellung abzuhängen. Rathenows Reaktion darauf: „Das ist ja prima, die ARD kommt gleich und dann ist das spätestens heute Abend in den Tagesthemen, einen besseren Gefallen können sie uns doch gar nicht tun.“  Nach 10 Minuten kam der Offizier wieder und meinete zähneknirschend „Die kann hängen bleiben“. Trotzdem wir keinen einzigen Pressehinweis auf die Ausstellung hatten, kamen rund 800 Menschen.
TheJ: Wie hat sich das verbreitet?
HH: Einfach nur von Mund zu Mund.

© Harald Hauswald

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Ost-Berlin gab es nicht

TheJ: Ich möchte näher auf das Buch „Ost-Berlin“ eingehen. Soweit ich weiss, stand das Buch auf dem Index der DDR und ist nur in der BRD erschienen.
HH: Wir haben es in der DDR gar nicht erst eingereicht. Es ist in der BRD gedruckt worden.
Lutz Rathenow hatte nach West-Berlin schon Kontakte. Berlin war ja der Sonderfall, hier waren schätzungsweise 14 Journalisten aus dem Westen akkreditiert, die hier auch gelebt haben. Die haben unser Material immer hin und her geschafft, die hatten eine Grenzempfehlung und sind nicht kontrolliert worden. Die durften Arbeitsmaterial unkontrolliert ein- und ausführen. Über die hatte ich schon vorher erste Veröffentlichungen in der taz und in der Litfaß, deshalb ging auch der Ärger mit der Stasi los.
TheJ: Wie kam es überhaupt zur Entstehung des Buches?
HH: 1987 war die Berliner 750-Jahrfeier und wir hatten eine Menge Material beisammen, also wollten wir was draus machen. Der Lektor vom Piper-Verlag war sofort dafür, es wurden 3000/4000 Stück gedruckt und die waren innerhalb eines Jahres vergriffen. In der DDR wurde es fotokopiert weitergereicht.
TheJ: Das Buch war in der DDR also nie im Buchladen zu kaufen?
HH: Nein, das wäre schon allein wegen des Titels nicht gegangen. Ost-Berlin, das hieß „die Hauptstadt der DDR“. Ost-Berlin wurde nie gesagt, die haben zwar von West-Berlin gesprochen, aber nie von Ost- Berlin. Kurt Hager hat wegen des Buchs sogar einen Brief an Erich Mielke geschrieben.
Auf der Leipziger Messe wurde es jeden Tag vom Zoll beschlagnahmt und Lutz hat es immer wieder ins Regal zurückgestellt. Sonst haben die DDR-Bürger immer die Westbücher geklaut und dieses Buch wurde von einem DDR-Bürger immer wieder reingestellt. Rathenow hat sich sein gesamtes Honorar in Büchern auszahlen lassen, um die in Umlauf zu bringen.

© Harald Hauswald

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Nicht im Sinne der DDR

TheJ: Haben sie auch schon zu Ostzeiten für westdeutsche Medien gearbeitet?
HH: Ich hab einige Sachen für den Stern und die Geo gemacht.
TheJ: Um was ging es in diesen Reportagen?
HH: 1986 gab es ein Berlin-Special für die 750-Jahrfeier. Dafür habe ich zwei Sachen gemacht einmal über Berlin die Stadt und eine Szene-Reportage. Dafür hatte ich direkt einen Auftrag. Später hatte ich noch eine Reportage über die Zionskirche gemacht, die war bekannt durch den Überfall der Skins 1987.
TheJ: Wie ist das mit der Bezahlung gelaufen?
HH: Das ist ein interessanter Aspekt, denn die Stasi hat in West-Berlin recherchiert, ob ich da ein Konto habe. Das die auf die Banken in West-Berlin Zugriff hatten, hatte ich nicht vermutet. Ein Westberliner Freund hatte in München über seine Mutter ein Konto für mich eingerichtet. Er hat mir dann immer mal wieder Geld mitgebracht oder dafür Ausrüstung gekauft.
TheJ: Das Honorar konnte also nicht direkt an sie überwiesen werden?
HH: Um Gottes willen, ich hätte ja zugegeben das ich mich strafbar gemacht hab. Ein klarer Fall von Devisenvergehen.
TheJ: War es per se verboten für den Westen zu arbeiten?
HH: Ja!
TheJ: Die Stasi hatte doch sicher Zugriff auf die Zeitungen?
HH: Nach der Geo-Geschichte wurde mir der Benutzerausweis für die Fotoentwicklungsstelle beim Berliner Verlag, die grundsätzlich für Honecker-Fotografien Westequipment von Kodak benutzte, entzogen, mit der Begründung ich wäre nicht im Sinne der DDR tätig.
TheJ: Die Kontakte zum Westen waren also immer da?
HH: Überlebenswichtig! Für mich waren sie deswegen wichtig, da die Presseaufmerksamkeit aus der BRD mich vor Inhaftierung schützte, wenn ich Vernehmungen zugeführt wurde. Das wäre sofort im Rias gekommen. Da die DDR aber um internationale Anerkennung bemüht war, und das Inhaftieren eines Fotografen absolutes Unverständnis hervorgerufen hätte, hat die Stasi sich davor gehütet mich ins Gefängnis zu stecken. Es gab auch einen Haftbefehl von 1985 der nie ausgeführt wurde, da er laut oberstem Stasichef aus politischen Gründen im Moment nicht ratsam sei. Ich habe gegen vier Paragraphen verstoßen: Weitergabe geheimer Nachrichten, Agententätigkeit, staatsfeindliche Hetze und Devisenvergehen. Das hätten bis zu 12 Jahre Haft in Bautzen sein können.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

TheJ: Was unterschied den normalen DDR-Bürger von Menschen wie ihnen und anderen Systemkritikern?
HH: Der Großteil der Menschen hat sich für den ganzen Scheiß gar nicht interessiert, die haben sich rausgehalten, ihr Datschendasein geführt, aber das war auf eine Weise auch sympathisch. Die Leute haben sich ihre Nischen geschaffen und haben viel näher zusammengerückt gelebt. Die Menschen waren offener, es gab diese Ellenbogengesellschaft nicht. Geld war für Konsumzwecke nicht so wichtig, denn es gab ja kaum was zu kaufen. Alles war erschwinglich, von daher ließ es sich leben und das haben die Leute auch gemacht.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Visafrei bis Shanghai

TheJ: Als es dann zum Mauerfall kam, wie war das für sie? Was hat Harald Hauswald in dem Moment gedacht, gefühlt, sich gewünscht?
HH: Ich hab gehofft, das ich als Fotogtaf überleben kann.
TheJ: War das gleich so ein wichtiger Gedanke damals?
HH: Relativ schnell, es war klar das es härter wird. Auf der anderen Seite war es der größte Moment in meinem Leben, über Nacht Gedanken- und Reisefreiheit geschenkt zu bekommen.
TheJ: Und jetzt, 20 Jahre später, fühlen sie sich frei?
HH: Ja, Ich fühle mich frei. Wir machen mit der Agentur ein neues Projekt, über die Stadt. Dafür war ich gerade zwei Wochen in Shanghai. Ich bin auch auf Shanghai gekommen, weil es damals auf einer der Demos ein Plakat gab: „Visafrei bis Shanghai“, das wollte ich dann auch mal machen.

© Harald Hauswald

© Harald Hauswald

Die DDR war eine Kunstwelt

TheJ: In der Rezeption der DDR spielt Verklärung eine ziemlich große Rolle. Wie sehen sie das?
HH: Mir ist oft vorgeworfen worden, das ich die DDR so trist dargestellt hätte, aber so war sie ja auch. Ich denke das ich mit meinen Bildern etwas gegen die Verklärung der DDR machen kann.
TheJ: Wer hat ihnen das vorgeworfen?
HH: Z.B. Ausstellungsbesucher, es gab bitterböse Vorwürfe: „Wo sind denn unsere lachenden Kinder in den Kindergärten“ u.s.w. Da gibt es eine ganze Menge die zu schnell vergessen haben wie dieses Land mal aussah.
TheJ: Natrürlich lachen Kinder. Kinder lachen auch in Nordkorea.
HH: Ich habe das fotografiert was ich gesehen hab und so war es nun mal. Die Leute vergessen einfach wie es mal ausgesehen hat. Das sind die, die sich am Händchen durchs Leben haben führen lassen von der Regierung und heute müssen sie selber laufen.
HH: Bei einer Schulveranstaltung meinte ein Schüler: „Meine Eltern haben gesagt, das Gesundheitssystem sei viel besser gewesen“  Was nützt ein ausgebautes Gesundheitssystem, wenn Medikamente fehlen und die Infrastruktur nicht stimmt. Was nützt ein gutes Schulsystem wenn scheiß Lehre gemacht wird, Geschichtsfälschung betrieben wird und es keine Meinungsfreiheit gibt.
TheJ: Gibt es irgendein materielles oder ideeles Gut, was durch den Mauerfall kaputtgegangen ist?
HH: Nein, es war eine Kunstwelt und die Sachen die gut waren, der Zusammenhalt, die soziale Sicherheit u.s.w. wurden von aussen durch Druck künstlich erzeugt. Das konnte nicht bestehen, davon hätte man sich gewünscht, das es übrig bleibt. Das ist auch das, dem viele hinterherjammern, aber das musste verschwinden, denn der Rest der Welt hat schon immer anders gelebt. Und ich gehe noch weiter, die Mauer war schon abgerissen bevor sie überhaupt aufgebaut wurde, der Widerstand hatte sich zwar nie richtig formiert,  ist aber auch nie wirklich erlahmt.

ENDE

Harald Hauswald lebt heute noch im Prenzlauer Berg und arbeitet nach wie vor als Fotograf. 1990 gründete er mit anderen Fotografen, die Agentur Ostkreuz. Er fotografierte Hooligans, die Hausbesetzerunruhen in der Mainzerstraße und schoß so einige Reportagen für die Zeit und die Geo.

 

An Assembled City — Dionisio González


27.10.09

Favelas heissen die besonders in Randlagen der großen Städte Brasiliens liegenden Armenviertel. Sie werden oft als „Stadt in der Stadt“ bezeichnet; sie sind weitgehend unabhängig von der offiziellen Stadtverwaltung organisiert, oft unter der Leitung des Anführers des dortigen Drogenkartells. Vergleichbare informelle Siedlungen findet man auch in den meisten anderen Entwicklungsländern. Es ist begrifflich nicht ganz richtig, Favelas als Slums zu bezeichnen, da sie nicht durch den Verfall städtischer Zonen, sondern durch unregulierte Besiedlung entstehen. Für Rio de Janeiro gibt es Schätzungen, die aussagen das ca. 30 Prozent der Bevölkerung in Favelas leben. Folgende gemeinnützige Projekte und Initiativen setzten sich bisher für die Legalisierung und Integration der Viertel in die urbanen Infrastrukturen der brasilianischen Städte ein: Favela-Bairro, Celula Urbana, Viva Favela um nur einige zu nennen. An Assembled City von Dionisio González setzt sich intensiv mit der Architektur und Sozialkultur der Favelas von São Paulo auseinander.

In seinen Fotoarbeiten beschäftigt sich Dionisio González mit den Favelas der Brasilianischen Metropole São Paulo. Die eigene Raumidentität dieser Gebiete ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Bewohner der Behausungen gleichzeitig die Erbauer sind. Es gibt keine Baupläne von unabhängigen Architekten, es geht in erster Linie darum, mit vorhandenen Materialien eine Abschirmung von der Außenwelt zu schaffen. Die labyrinthartigen und improvisierten Strukturen der Favelas sind ständig in Bewegung; sie wachsen und verwandeln sich immer weiter. Diese Bewegung greift Dionisio González in seinen Arbeiten auf. Am Computer fügt er in seine Fotografien neue Gebäudestrukturen ein, die er in einem aufwendigen Prozess eigens für das jeweilige Motiv kreiert. Dionisio González versucht mit konstruktiven Alternativen die bereits vorhandenen Strukturen nach den Bedürfnissen der Bewohner weiterzuführen und zu verbessern. Der Künstler befindet sich im Austausch mit den Bürgermeistereien der Favelas rings um São Paulo, um Wege zu finden, die eine oder andere von ihm entworfene Gebäudestruktur tatsächlich in die Tat um zu setzen. Diese Gebäude sind als soziale Zentren gedacht.

 

Trittbrettfahrer — Hope&Fear by Phillip Toledano


09.10.09

Die Angst auf den Zug der Hoffnung aufspringen lassen — in Phillip Toledanos skulpturalen Fotografien drehen sich Hoffnungen und Ängste um die selben Dinge, diesen Eindruck hatte ich beim Betrachten der Bilder. Mit seiner Reihe Hope&Fear, zeigt Toledano einen visuellen Querschnitt durch die Gesellschaft seiner amerikanischen Wahlheimat, Wünsche und Hoffnungen der Menschen betrachtend, die in ihr leben. Das Fazit seiner Studie, die verschiedene Aspekte wie Ethik, Ästhetik und Religion tangiert zieht er auf recht drastische Weise und wie oft in seinen Arbeiten, bleiben einige Fragen offen.

 

Camouflage Gesellschaft — Liu Bolin passt sich an


02.10.09

Schwarz-Gelb ist unbestritten die Kombination der Saison. Obwohl Liu Bolin sicher nicht an den Farbcode der neuen deutschen Regierung gedacht hat, als er sich in eine Absperrplanke sprichwörtlich hineingemalt hat, ist der Bogen zur hiesigen Situation schnell geschlagen. Schwarz-Gelb könnte hierzulande tatsächlich „Goodbye Sonnenenergie, Hello Atomkraft“ heißen. Das ist ziemlich tragische Situationskomik wenn man an die Farbkennzeichnung für Radioaktivität denkt.

Die Aktionskunst des Chinesen hat mich zum Verweilen bewegt, nicht nur weil ich lange brauchte, um den Mann in den Fotos zu entdecken, die Frage nach der Intention ist aufgetaucht. Welches Motiv hat man, um in alltäglichen Situationen zu verschwinden? Ist es die Veranschaulichung eines andauernden  Zustands der Anpassungsbereitschaft in China oder ganz im Gegenteil, die Erkenntnis der Unfähigkeit des Menschen, sich perfekt anzupassen und dadurch zu schützen? Erläuterungen des Künstlers findet ihr unter dem Link oben.

gefunden bei Arkitip

 

Fashion Cupcakes — Devoted to Taste


19.09.09

Heute wird ein schöner Tag. Das Wetter lässt nichts zu wünschen übrig und ich werde heute noch etwas Feines backen. Auf der Suche nach Alternativen zum Rührkuchen in Herzform, den meine Tochter liebt, bin ich auf folgende Veredlungsmöglichkeit für Muffins gestoßen. Das seinerzeit vom Corporate Design bekannter Modedesigner inspirierte Kleingebäck stammt aus der Backstube von Lisa Edsälv und wurde von Therese Aldgård fotografisch in Szene gesetzt. Wer nicht so auf Mode steht, kann es auch mit den Schlüsselfarben und Logoadaptionen für Lieblingsbrands, Umwelt- und Friedensorganisationen, oder ganz aktuell, Parteien probieren. Beim Wahlkampf eines gewissen amerikanischen Präsidenten hat das bekanntlich super funktioniert. Achso, der Claim: Und Alle so: Yeeaahh, der vergangenen Sonntag, beginnend bei Flickr, seinen Siegeszug durch die Zwerchfelle, Blogs und Merchandisinggeneratoren unseres Landes angetreten hat, gestern final triumphierend auf dem Hamburger Gänsemarkt die Rede von Frontfrau Merkel empfindlich laut begleitete und neuerdings auch mit Hymne abzufeiern ist, macht sich bestimmt gut als Sprechblase aus Lebensmittelfarbe. Dann das Kuchenformat aber etwas größer wählen. Die Story, die Hymne und das Video zum Spruch hat Spreeblick.

 

Eine vorläufige Bilanz des Wandels in der Berlinischen Galerie


17.09.09

„Berlin 89/09 Kunst zwischen Spurensuche und Utopie“
Berlinische Galerie Alte Jakobstr.124-128, 10969 Berlin
Vernissage: 17.09.2009, 19:00 Uhr, Ausstellung: 18.09.2009-31.01.2010

Fred Rubin, WMF

Fred Rubin, WMF

Fred Rubin hat Ender der 90iger Jahre den legendären WMF-Club , dessen Line-up und Publikum, das heutige Image der Hauptstadt entscheidend geprägt hat, mit abgedanktem Möbiliar aus dem DDR-Außenministerium und dem Palast der Republik ausgestattet. Mit seiner Installation Palast Transfer, die den PdR  — transferiert in eine neue Verschalung — an der Côte d’Azur auferstehen ließ, richtete er mit künstlerischen Mitteln den internationalen Fokus auf die vorschnelle und oft gedankenlose Abrisspolitik in der neuen Bundeshauptstadt. Eine Auswahl seiner Werke ist ab heute  Teil der Ausstellung in der Berlinischen Galerie.

Olaf Metzel, Fuenfjahrplan 1985

Olaf Metzel, Fuenfjahrplan 1985

Die Ausstellung umfasst zahlreiche Werke international bedeutender KünstlerInnen, die sich mit den teils dramatischen, teils nur unmerklichen Veränderungen in der architektonischen und urbanen Struktur der Hauptstadt befasst haben. Mit dem Mauerfall stand Berlin über Nacht im Zentrum einer neuen Aufmerksamkeit: Vom Repräsentant zweier gegensätzlicher Gesellschaftssysteme wurde die Stadt international zum Gradmesser der Wiedervereinigung und zur Projektionsfläche gesellschaftlicher, kultureller und architektonischer Neuentwürfe. Bis heute zieht der tiefgreifende Wandlungsprozess KünstlerInnen aus aller Welt an. Für diese waren von Beginn an die dramatischen Veränderungen in der neuen Hauptstadt Gegenstand intensiver künstlerischer Recherche und Intervention. Sie wurden Auslöser kommentierender, alternativer wie utopischer Entwürfe.

Doug Hall,  Remnants of the GDR

Doug Hall, Remnants of the GDR
Arwed Messmer Potsdamer Platz Anno Zero

Arwed Messmer Potsdamer Platz Anno Zero

BETEILIGTE KÜNSTLER
Ulf Aminde, John M. Armleder, Max Baumann, Stefanie, Bürkle, Sophie Calle, Tacita Dean,
Dellbrügge & de Moll, Johanna Domke, Rainer Fetting, Nina Fischer und Maroan el Sani,
Doug Hall, Tobias, Hauser, Hans Hemmert, Heike Klussmann, Karsten Konrad,
Norbert Kottmann, Susanne Kriemann, Alicja Kwade, David Lamelas, Gerda Leopold,
Ute Mahling, Michel Majerus, Arwed Messmer, Olaf Metzel, Anne Misselwitz, Susi Pop,
Reynold Reynolds, Fred Rubin, Salomé, Sarah Schönfeld, Frank Thiel, Wolfgang Tillmans,
Tim Trantenroth, Bernd Trasberger, Vincent Trasov, Lois Weinberger, Michael Wesely