Was für den einen hässlich platzierter Unrat ist, der das Stadtbild verschandelt, ist für Sandrine Estrade Boulet tägliche Quelle der Inspiration. Mit Kreide, farbe und bastelpapier geht sie auf einen urbanen Verschönerungsfeldzug und ergänzt Nebensächliches und Überflüssiges mit Humor und einer Menge Abstrahierungsvermögen.
Seit 2006 findet das Plakatkunstfestival Papergirl jährlich in Berlin statt, mittlerweile gibt es die Papergirls in mehreren Städten weltweit. New York geht dieses Jahr erstmalig mit an den Start. Für die Berliner Aktion, werden vom 04.07. – 23.07. 2010 250 Beiträge in der Galerie Neurotitan in Berlin zu sehen sein, bevor sie am letzten Tag des Festivals per Fahrrad unter die Leute gebracht werden.
Harmen de Hoop arbeitet im öffentlichen Dienst für alle Großstadtpragmatiker. Im Einsatz für mehr Praktikabilität und Komfort an einfältigen Parkplätzen, ungenutzten Verkehrsinseln und anderen verwahrlosten Orten des alltäglichen Lebens interveniert der niederländische Künstler mit urbanen Innovationen für das allgemeine Wohlbefinden.
Für Freunde trügerischer visueller Illusionen und anderer ausgetüftelter Streiche der Wahrnehmungspsychologie, hier Arbeiten der Street Art Künstler Rub Kandy. Mit durchdachter Täuschungstechnik und angewandter Akribie werden gezielt unsere subjektiven Sinneswahrnehmungen untergraben und alle Grundregeln der räumlichen Vorstellungskraft ausgebootet.
Neue Arbeiten von Evol, letztens schon mit seiner Plattenbauaktion hier vertreten, sind momentan in der Berliner Wilde Galery zu sehen. Für die Gruppenausstellung Source/Resource hat der Künstler Karton mit fotorealistisch wirkenden Details besprüht und dem Allrounder Pappe alle Ehre gemacht.
Nicht zu verwechseln mit einer überdimensionalen Anhäufung Sperrmüll oder einer monoton verlaufenden Haushaltsauflösung, ist die, zugegeben nicht ganz neue, aber immer wieder imposante, Installation von Doris Salcedo. Für die internationale Biennale 2003 in Istanbul stapelte die Kolumbianerin, die auch ansonsten ein Fable für alltägliche Materialien und ihre Gebrauchsspuren zu haben scheint, rund 1600 Stühle zwischen zwei Hauswänden.
Vielleicht diente Salcedos Stapelstuhlaktion als Vorlage für die um sich greifenden akrobatischen Kuschelaktionen in anderen urbanen Nischen.
Fine Stencil Artist Evol gehört zusammen mit seinem Kollegen Pisa73 zur Urban Art Crew C’Tink. Sie arbeiten seit Jahren mit der Stencil-Technik. Artworks der Beiden waren, ausser in der urbanen Wildbahn, in unzähligen Ausstellungen zu sehen. Im Buch: “Beyond Architecture: Imaginative Buildings and Fictional Cities” in dem es um den kreativen Umgang mit Architektur und urbanen Lanschaften geht, ist Evol mit diesen Plattenbauten vertreten.
Das italienische Street Art Duo Sten & Lex hat eine kluge wie komplexe Technik entwickelt, um veralteten Postern ein neuen Anstrich zu verleihen. Durch gekonntes Hinzufügen und Zerstören entfremden sie großflächige Portraits anachronistischer Persönlichkeiten zu urbaner kontemporärer Plakatkultur. Das Video gibt Aufschluss über den fummeligen und vielschichtigen Schaffensprozess.
Der vertikal, entlang einer Hauswand angelegte „Garten“, befindet sich in Madrid und ist Luzinterruptus’ plastiverpackte, LED-beleuchtete Kritik an mangelnden Grünflächen in Großstädten.
Julien Berthier manipuliert mit stets humorigem, eigenartigem und vor allem originellem Ideenreichtum das Gewöhnliche zu kurioser Charakterkunst. Dabei schafft der Franzose praktikable Lösungen für die kleinen Probleme des Alltags. Verwöhnte Arbeitstiere in oberen Stockwerken werden mit einer frischen Brise und einer wackelnden Yukka für den südländischem Flair vor der Scheibe verköstigt und ein gehälftetes Bootswrack in Titanicoptik wird zu einem stilsicheren Entspannungsort fürs plätschernde Treiben in der Canary Wharf (London) verwandelt.
Das Video 10 Days von RIPO ist schon etwas älter. Man erkennt das an den Datumsangaben zu den verwendeten BBC Online headlines vom Mai 2009, die RIPO mit großem Können in schönsten Schriften auf die Papierbahnen pinselt. Ein echter Timelapse Leckerbissen für alle die, die auf Handmade-Typo stehen und diejenigen, für die sich die Welt ab und zu etwas langsamer drehen könnte.
Magda Sayeg strickt sich ihre Umgebung schön. Sie ist gewissermaßen die Erfinderin des Strick-Graffities. Auf Arte.tv gibt es einen Kurzbericht über die Texanerin und ihre strickreichen Stadtverschönerungsaktivitäten. Mittlerweile ist Yarn Bombing weit verbreitet und das Vokabular ist identisch dem des klassischen Graffities, man redet auch hier von Tag, Bombing und Piece. Unter jeden Umständen legal ist Yarn Bombing auch nicht.
Mentalgassi ist eingefleischten TheJunction-Lesern natürlich ein Begriff. Im Mai letzten Jahres berichteten wir über die Berliner Streetart-Künstler, die deutsche Großstädte mit Fotoplakaten verschönern und dabei heimlich Straßenschildern, Recyclingcontainern und Fahrkartenautomaten ein Gesicht verleihen. Hier ein paar Einblicke in die kreativen Köpfe sowie noch mehr Arbeiten der talentierten Straßenkunstakteure:
Im Rahmen der Berliner Fashion Week versammelten sich ab dem 21. Januar dieses Jahres Designinteressierte, Kunstliebhaber und Kunstschaffende, so auch die Jungs von Mentalgassi, zwischen Backsteinfundament und Holzbalken zum kreativ interaktiven Aufeinandertreffen und Feiern, initiiert von Converse in Kooperation mit dem Lodown Magazin. Die kahlen, bröckeligen Wände eines entkernten Berliner Altbaus wurden während der siebentägigen Veranstaltungsreihe mit dem interaktiven Motto ,,You´re here“ zu kreativen Luftschlössern verwandelt. Aus einer Portion Farbe, künstlerischem Mut und Ideenreichtum entstanden Wandillustrationen, wie beispielsweise die des Kölner Künstlers HerrSchulze, der mit einem überdimensionalen Malen nach Zahlen Berlinbild zum Mitmachen anregte und kreativ versierten Menschen, sowie solchen, die davon noch nichts wussten, die Angst vor dem weißen Blatt der weißen Wand nahm und dem ein oder anderen Sternstunden im Bereich schöpferische Selbstverwirklichung verschaffte. Wie ein kreatives Kontrastmittel wirkte das bunte, lebendige Wandbild im Gegensatz zur Umgebung aus Verfall und alter Fassade und regte zu neuem Schaffen an.
Am Ende des siebentägigen Events durfte zusammen mit dem Broken Hearts Club und Bodi Bill frei nach dem Motto ,,Tear Down“ noch mal ordentlich gefeiert, geschmiert oder gemalt werden. Anschließend verabschiedete sich die interaktive Partyreihe nach London, Paris und Mailand. Die kreativen Ergüsse der jeweiligen lokalen Künstler und weiterer noch unbekannter, aber talentierter Kreativer kann man übrigens auch online bestaunen. Eine Reihe von Kurzfilmen, wie der von mentalgassi, zeigt die individuellen Inspirationen, die gestalterischen Prozesse der jungen Schaffenden, macht deutlich, was Kreative verschiedener Nationalitäten, unterschiedlicher Kontinente prägt. In naher Zukunft soll hier ein inspirierendes Künstlernetzwerk für kreative Köpfe der ganzen Welt entstehen, das die Lokalkünstler, die vorgestellten jungen Artists, Talente von bildender bis darstellender Kunst schöpferisch vereint – es bleibt spannend.
Normalerweise stelle ich hier die Ausstellung in einem Museum vor, nicht aber seine renovierungsbedingte äussere Verkleidung. Wenn diese Verkleidung allerdings so spektakulär war, wie die des Brüsseler Musée Magritte muss ich eine Ausnahme machen. Gleich vorweg, das Künstlermuseum feierte im letzten Jahr Eröffnung und damit wurde auch der Sichtschutz entfernt. Er ist nur noch auf Fotos zu sehen. Die Plane stellt nichts Anderes dar, als den klassizistischen Dreigeschosser den sie verbirgt, nur öffnet sich die Fassade wie ein Theatervorhang, einem der bekanntesten Gemälde des belgischen Surrealsiten René Magritte: L’empire des lumières. Nach einem Jahr Renovierungsdauer, im Juni 2009, eröffnete das ehemalige Hôtel Altenloh als Museum. Der Fokus liegt nun auf der inneren Schönheit, nach Wegnahme der in Magritte Manier gestalteten Plane, entpuppt sich das Gebäude rein äusserlich als etwas blass. Das Museum beherbergt 200 Werke des Künstlers und stellt somit weltweit die größte René-Magritte-Sammlung dar.
Als eine Anamorphose bezeichnet man Bilder, die nur unter einem bestimmten Blickwinkel erkennbar sind. Seit dem Mittelalter kennt man diese Möglichkeit der Verschlüsselung von Botschaften die in vielen Kirchen Italiens zu einer wahren Meisterschaft gebracht wurde. Zur Entschlüsselung muss man den richtigen Blickwinkel kennen. Häufig wurden verbotene Motive, wie z. B. erotische Szenen, dargestellt. Zahlreiche Künstler malten Anamorphosen aus wissenschaftlichen Gründen; einige von ihnen waren gleichzeitig Mathematiker.
Der Street Artist Ninja182 verwendet in seinem jüngsten Projekt Anamorphism das gleiche Prinzip der Verzerrung, nur nicht auf einer geschlossenen Fläche sondern im Raum verteilt. Die Fragmente des Bildes verbinden sich erst zu einem Ganzen, blickt man aus einem ganz bestimmten Winkel in den Raum. Im Unterschied zu Anamorphosen die schon im Zusammenhang gezeichnet werden und nur durch den starken Grad der Verzerrung bis zur Unkenntlichkeit codiert sind, werden bei dieser Methode die einzelnen Bildbestandteile an verschiedenen Stellen angebracht und ergeben, einzeln betrachtet oder eben aus dem falschen Blickwinkel, überhaupt keinen Sinn, sondern dienen lediglich als Flächengestaltung. Derartige Projekte verlangen nach einer ausführlichen konzeptionellen Vorarbeit, die nicht nur künstlerisches Talent erfordert sondern auch mathematische und physikalisches Wissen.
Aus der grafischen Objektorientierung ist mir ein mehrfach preisgekröntes Projekt bekannt, das raffiniert mit Anamorphosen spielt und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Das Leitsystem für die Kreissparkasse Ludwigsburg von L2M3, codiert in seiner sehr speziellen Gestaltung gleichzeitig die Orientierung in den Räumlichkeiten, die sich dem Betrachter wieder nur aus dem richtigen Blickwinkel erschließt.